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GLOBALISIERUNG: Chinatown im Dorf

Bei der Gründung des Oak Garden im rheinland-pfälzischen Hoppstädten-Weiersbach stand das Geschäft im Vordergrund. Heute geht es auch um Integration: Jeder Fünfte in dem 3200-Einwohner-Ort kommt aus China.
Isabelle Daniel, Hoppstädten-Weiersbach
Duvan Hui (o. l.) präsentiert ihre Produkte (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

Duvan Hui (o. l.) präsentiert ihre Produkte (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

Isabelle Daniel, Hoppstädten-Weiersbach

«Haben Sie auf Ihr Handy geschaut?», fragt Andreas Scholz. Es ist eine rhetorische Frage, Scholz weiss, dass dort bestenfalls das schwache Signal eines privaten Netzanbieters angezeigt wird. Hoppstädten-Weiersbach im rheinland-pfälzischen Nahetal liegt in einer jener strukturschwachen Regionen im Westen Deutschlands, die mit einer schlechten digitalen Infrastruktur und dem demografischen Wandel zu kämpfen haben. Der gut 80 000 Einwohner zählende Landkreis Birkenfeld, zu dem Hopp­städten-Weiersbach gehört, verliert jährlich um die 1000 Einwohner, die nächsten grösseren Städte – Saarbrücken, Trier, Kaiserslautern – sind mehr als 50 Kilometer entfernt. Ein Ort, abgehängt von der Urbanisierung, könnte man meinen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Hier, zwischen Wäldern und Weinbergen, entsteht das neue wirtschaftliche Zentrum der Region – und das vielleicht innovativste seiner Art in Europa.

Dessen sicher ist sich zumindest Andreas Scholz. Der 38-Jährige hat gerade eine Gruppe Freshmen begrüsst, Studierende aus China, die am Austauschprogramm der «Weltfabrik» teilnehmen. Jetzt sitzt er in seinem Büro, von dem aus man die meterhohen Flaggen Chinas, Deutschlands und der EU sehen kann, die den Mitarbeitern und Gästen der «Weltfabrik» am Eingang entgegenwehen. Die «Weltfabrik» ist vor allem sein Verdienst: Gemeinsam mit seiner chinesischen Geschäftspartnerin Jane Hou hat Scholz vor sechs Jahren das gewaltige Investitionsprojekt angestossen. Seither haben sich mehr als 200 chinesische Kleinunternehmer mit ihren Familien in Hoppstädten-Weiersbach niedergelassen. Rund 600 Chinesinnen und Chinesen leben heute am Ortsrand des 3200-Seelen-Dorfes; schon bald dürften es deutlich mehr sein. Fünf weitere Unternehmer pro Monat will die Investmentgesellschaft ICCN GmbH, deren Geschäftsführer Scholz ist, anwerben. Eines Tages sollen 500 chinesische Investoren ihre Zelte hier aufgeschlagen haben. Das Dorf im Nahetal soll dann das grösste chinesische Geschäftszentrum Europas beherbergen.

Chinesisches Tempo, deutsche Bürokratie

«Unsere chinesischen Kunden haben eine ganz andere Dynamik als wir in Deutschland», sagt Scholz. Scholz spricht viel vom «chinesischen Tempo», seine Geschäftspartnerin Jane Hou von «deutscher Bürokratie». Hou spricht Englisch, nur wenn sie von den Hürden berichtet, denen sie sich immer wieder gegenübersieht, benutzt sie deutsche Worte ­­wie «Bauamt» oder «Verwaltung». Mit 25 000 Euro Startkapital stiegen Hou und Scholz ein, schliesslich kamen 21 Millionen an privaten Mitteln zusammen.

Vielleicht liegt es an dem Perspektivwechsel, mit dem Scholz und Hou auch andere von ihrer Idee überzeugen konnten. Nicht an einem der vergessenen Ränder Deutschlands, sondern «in der geografischen Mitte Europas» liegt Hoppstädten-Weiersbach laut einem Imagefilm der «Weltfabrik». Das «Headquarter» wurde im Juni eröffnet. Einige chinesische Kleinunternehmer haben dort bereits ihre Büros bezogen und Showrooms für ihre Produkte eröffnet.

Duvan Hui zum Beispiel. Die Mittzwanzigerin sitzt an ihrem Schreibtisch zwischen Regalen mit Camouflage-Taschen made in China. Ihr Start-up DCCN vertreibt diese Importprodukte per Amazon in Deutschland. Seit der Unternehmensgründung 2015 ist das Geschäft auf das Doppelte gewachsen: Im ersten Jahr verzeichnete DCCN noch eine Verkaufssumme von 700 000 Euro, in diesem Jahr wird sie sich verdoppeln. Ihre Taschen und Rucksäcke seien kein Ramsch, betont Duvan Hui in fliessendem Deutsch – sie hat in Shenzhen Germanistik studiert, bevor sie nach Hoppstädten-Weiersbach gezogen ist. «Wir führen in China Qualitätstests durch und importieren ausschliesslich hochwertige Produkte. Sie sind dann trotzdem noch günstiger als in Deutschland hergestellte Ware von vergleichbarer Qualität», sagt Hui.

Auf diese Nische – hochwertig verarbeitete Ware aus China zu günstigen Preisen – konzentrieren sich viele in der «Weltfabrik». Sie glaubwürdig zu vermarkten, gehört zu den Herausforderungen, denen sich die chinesischen Investoren gegenübersehen. Beraten werden sie dabei von Christina Liang. Die Gründerin der Consultingfirma Goldene Brücke hat mit ihren sieben Mitarbeitern insgesamt 550 Kunden in Deutschland und China. «Die Vorurteile gegenüber der Qualität chinesischer Produkte sind ein Problem für viele unserer Kunden», sagt Liang. Die 34-Jährige gehört zu den wenigen «Weltfabrik»-Unternehmern, die ihr Zuhause im Dorfkern haben. Fast alle anderen wohnen direkt am Campus.

Der Oak Garden – zu Chinesisch xiàng­shùyuán – ist heute ein Chinatown en miniature, zumindest auf den zweiten Blick. Auf den ersten sehen die beiden Strassenzüge nach typisch deutschem Vorstadtidyll aus. Die Oak Street und die Robinson Street liegen zwischen sanften grünen Hügeln – Vorboten des nahe gelegenen Hunsrück. Vor den frisch renovierten Wohnhäusern in Pastell parkieren deutsche Autos. Dazwischen reihen sich aber Vorgärten mit chinesischem Mondtoren, Haustüren sind mit Dekorationen zum chinesischen Jahr des Feuer-Hahns verziert. Oak Street hiess die Hauptstrasse schon, als hier noch US-Militär stationiert war, in den sanierten Wohnungen der chinesischen Investoren lebten bis 2009 amerikanische GIs. Nirgendwo ausserhalb der USA ist das amerikanische Militär so präsent wie in Rheinland-Pfalz, der sukzessive Teilabzug der US-Armee hat viele Orte in dem Bundesland wirtschaftlich zusätzlich destabilisiert. Wohl auch deshalb erklärt der Bürgermeister von Hoppstädten-Weiersbach, Welf Fiedler (CDU), der ­Zuzug der Chinesen sei «natürlich eine absolute Bereicherung für unsere Ortsgemeinde». Man feiere jährlich ein deutsch-chinesisches Kulturfest, die Vereine im Ort erhielten Nachwuchs durch chinesische Zugezogene.

«Eine historisch weltoffene Region»

Dass die «Weltfabrik» dem Dorf neues Leben eingehaucht hat, empfindet auch Manuel Weber so. Der IT-Dienstleister ist hier aufgewachsen. Seine Firma wächst «nicht nur, aber auch» dank der vielen chinesischen Investoren. Im Juni hat Weber seine Büroräume in die «Weltfabrik» verlegt. Früher, sagt er, habe keiner etwas mit dem sperrigen Ortsnamen anfangen können, der ein bisschen nach einer Erfindung des Humoristen Loriot klingt. Das sei jetzt anders. «Heute müssen wir uns nicht mehr verstecken, wenn wir sagen, woher wir kommen», sagt der Diplom-Kaufmann. «Wenn ich jetzt sage, ich komme aus Hoppstädten-­Weiersbach, weiss jeder: Das ist der Ort mit den Chinesen.» Nicht überall in Deutschland würde das Konzept der «Weltfabrik» funktionieren, glaubt An­dreas Scholz. Schon aus historischen Gründen sei die Region weltoffener als andere Teile des Landes: Die nah gelegene Edelsteinhochburg Idar-Oberstein habe schon immer Händler aus aller Welt, vor allem aus Asien, angezogen. «In der Gemeinde und in den Vereinen gibt es eine sehr grosse Bereitschaft, den chinesischen Neuankömmlingen zu helfen und sie bei der Integration zu unterstützen», sagt Scholz.

Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. In Rheinland-Pfalz geniessen chinesische Investoren nicht den besten Ruf; der beinahe zu Stande gekommene Kauf des nur 40 Minuten von Hoppstädten-Weiersbach entfernten Regionalflug­hafens Frankfurt-Hahn durch einen dubiosen Unternehmer aus Schanghai prägt die Wahrnehmung. Dass aufgrund «eines schlechten Beispiels» wie Frankfurt-Hahn chinesische Unternehmer per se unter Verdacht geraten, verärgert Scholz zutiefst: «Solche Pauschalisierungen und ein mangelndes Bewusstsein für Weltoffenheit werden Deutschland daran hindern, eine stärkere Rolle in der globalisierten Welt einzunehmen.»

In einem alternativen Szenario könnte Hoppstädten-Weiersbach eine Vorreiterrolle zukommen. «Wir haben schon Anfragen von anderen Gemeinden bekommen, wie wir das hier machen», sagt Scholz. Hoppstädten-Weiersbach scheint eine Lösung dafür gefunden zu haben, wie dem Strukturwandel begegnet werden kann. Und viele der chinesischen Neubürger denken nicht daran, das idyllische Dorf am Waldrand zu verlassen. «Ich liebe Deutschland», sagt die Taschen-Importeurin Duvan Hui. «Ich denke, ich bleibe für immer hier.»

Szene aus dem «Oak Garden». (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

Szene aus dem «Oak Garden». (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

Szene aus dem «Oak Garden». (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

Szene aus dem «Oak Garden». (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

Szene aus dem «Oak Garden». (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

Szene aus dem «Oak Garden». (Bild: Isabelle Daniel (Hoppstädten-Weiersbach, 28. Juli 2017))

«Unsere chinesischen Kunden haben eine ganz andere Dynamik als wir in Deutschland.» Andreas Scholz, Geschäftsführer ICCN GmbH (Bild: Isabelle Daniel (Neue Luzerner Zeitung))

«Unsere chinesischen Kunden haben eine ganz andere Dynamik als wir in Deutschland.» Andreas Scholz, Geschäftsführer ICCN GmbH (Bild: Isabelle Daniel (Neue Luzerner Zeitung))

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