England
Grenfell Tower: Keine Aussöhnung nach der Katastrophe – Verbitterung und Misstrauen bei den Opfern

Ein halbes Jahr nach dem Abbrennen des Grenfell Tower bleibt Misstrauen der Opfer gegenüber dem Staat. Daran vermochte auch am Donnerstag der nationale Gedenkgottesdienst mit der Königsfamilie nichts zu ändern. Verbittert verweisen viele Ausgebrannte darauf, dass sie noch immer keine dauerhafte Bleibe haben.

Sebastian Borger, London
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Königsfamilie beim Gottesdienst.

Königsfamilie beim Gottesdienst.

KEYSTONE
Im Rahmen eines nationalen Gedenkgottesdienstes wurde ein halbes Jahr nach dem Grossbrand im Grenfell Tower der 71 Toten gedacht.

Im Rahmen eines nationalen Gedenkgottesdienstes wurde ein halbes Jahr nach dem Grossbrand im Grenfell Tower der 71 Toten gedacht.

Keystone

Im grossen Feuer von London 1666 brannte sie nieder, deutsche Brandbomben beschädigten die prachtvoll wiederaufgebaute Paulskathedrale im Zweiten Weltkrieg. Am gestrigen Donnerstag sollte von dem riesigen Gotteshaus ein dringend nötiges Zeichen innerbritischer Versöhnung ausgehen: Geladen waren die Überlebenden der Brandkatastrophe im Grenfell Tower, ihre Nachbarn und Angehörigen. Im Rahmen eines nationalen Gedenkgottesdienstes wurde ein halbes Jahr nach dem Grossbrand der 71 Toten gedacht und für die Hinterbliebenen gebetet. Ist dies der Beginn eines Heilungsprozesses?

Angehörige und Royals erinnern an die Opfer

Mit einer betont multikulturellen Gedenkfeier hat das offizielle Grossbritannien am Donnerstag der Opfer des Grenfell Tower gedacht. Ein halbes Jahr nach dem Grossbrand im Londoner Stadtteil Kensington kamen mehr als 1500 Menschen in die Paulskathedrale, um an die 71 Toten zu erinnern. Prinz Charles wischte sich verstohlen die Augen. In Vertretung seiner 91-jährigen Mutter nahmen der Thronfolger, 69, seine Gemahlin Camilla, seine beiden Söhne William und Harry sowie die schwangere Prinzessin Kate am Gottesdienst teil. (SBO)

Darauf deutet wenig hin. Zwar nahmen Premierministerin Theresa May und Oppositionsführer Jeremy Corbyn am Trauerakt teil; auch die Royals, angeführt von Thronfolger Charles, demonstrieren ihre Solidarität (siehe Kasten). Ausdrücklich aber hatten sich die Betroffenen verbeten, dass sich Abgesandte der West-Londoner Bezirksregierung von Kensington&Chelsea (K&C) am Gedenken beteiligen. Vor Ort, wo ein gemeinsamer Neuanfang am nötigsten wäre, ist davon nichts zu spüren.

Verbittert verweisen viele Ausgebrannte darauf, dass sie noch immer keine dauerhafte Bleibe haben. Die Zahlen schwanken, aber deutlich mehr als 100 Menschen wohnen noch immer in Interims-Unterkünften oder Hotelzimmern. Mohammed Rasul teilt sich zwei Pensionszimmer mit Frau und zwei Kindern sowie seinem 86-jährigen Vater, der an Demenz leidet. Freiwillige Helfer haben der Familie einen Kühlschrank gekauft, eine Kochgelegenheit aber gibt es nicht. «Irgendwann fühlt man sich wie ein Gefangener», berichtet Rasul. Sein ganzes Leben hat der gebürtige Londoner im Grenfell Tower verbracht, aus dem Kiez will er nicht ausziehen. Alle Ersatzwohnungen aber, die ihm angeboten wurden, lagen ausserhalb des Bezirks. «Jetzt ist alles zum Stillstand gekommen.» Was er der Bezirksregierung zu sagen habe, fragte ihn die BBC. «Ihr Versagen hat den Brand verursacht. Wir haben jegliches Vertrauen verloren.»

Alle Warnungen ignoriert

Rasul wie viele andere Grenfell-Bewohner spüren tief sitzende Wut über die jahrelange Vernachlässigung der Sozialmieter auf lokaler Ebene; alle Warnungen vor der Brandgefährdung des 24-stöckigen Wohnhauses für rund 400 Menschen wurden ignoriert. K&C gehört neben dem Finanzzentrum City of London zum reichsten Bezirk von 33 Verwaltungseinheiten in der 8,5-Millionen-Metropole. Nord-Kensington, wo der Grenfell Tower stand, war schon immer eine vernachlässigte Ecke; anderswo, rund um die King’s Road in Chelsea, das prächtige Museenviertel oder den Kensington-Palast sind Wohnungspreise von zehn Millionen Pfund keine Ausnahme.

Zu Dutzenden haben sich arabische Scheichs und russische Oligarchen ihre Immobilien gesichert, vielerorts stehen Häuser leer. Dass die Verdrängung durch globale Spekulanten die einheimische Bevölkerung verdrängte, nahmen Zentral- und Bezirksregierung jahrelang klaglos hin. In K&C regieren seit 50 Jahren die Konservativen; vor dem Brand rühmte sich deren Administration, sie habe den steuerpflichtigen Bürgern einen Teil der Gemeindesteuer rückerstattet. Dass viele Geringverdiener und Sozialschwache die bestehenden Zustände nicht mehr dulden mochten, zeigte sich auf sensationelle Weise bei der Unterhauswahl am 8. Juni: Da schnappte die Labour-Kandidatin und Expertin Emma Dent Coad den Torys deren als Erbhof behandelten Wahlkreis Kensington weg.

Gebrochene Versprechen

Sechs Tage später erlebte das Viertel die schreckliche Katastrophe. Weil eine erst kurz zuvor angebrachte Verkleidung aus Polyäthylen und Aluminium als Brandbeschleuniger agierte, konnte aus dem vergleichsweise unbedeutenden Brand eines Kühlschranks im vierten Stock ein Inferno werden, das rasend schnell das gesamte Gebäude in Flammen hüllte. In der Panik der darauffolgenden Tage gaben May und ihre Parteifreunde im Bezirk Versprechen ab, die sich bei näherer Betrachtung nicht einhalten liessen: Binnen drei Wochen würden sämtliche Obdachlose adäquat untergebracht werden – aber was ist schon angemessen?

Zunächst habe man mit einem Bedarf von 150 Wohnungen gerechnet, eben genauso vielen wie im Tower selbst, berichtet Elizabeth Campbell, die im Juli die Leitung der Bezirksregierung übernahm. Inzwischen liege der Bedarf aber bei 300 Behausungen, denn: «In vielen Wohnungen lebten drei Generationen zusammen. Das soll nun anders werden.» Jeder Familie sei eine «attraktive Unterkunft» angeboten worden. Allerdings räumt Campbell ein: nicht alle liegen im direkten Viertel, einige sind am anderen Ende des Bezirks.

Anders wäre das kaum zu schaffen in einem der dichtest besiedelten Bezirke Londons. Aber die Überlebenden und ihre Sprecher wollen von solchen Argumenten nichts hören. Manches von dem, was da, stets in anklagendem Ton, vorgebracht wird, klingt übertrieben, unsachlich, rechthaberisch – als bräche sich der aufgestaute Frust darüber Bahn, dass die Bewohner jahrelang ignoriert wurden. Das ist für jeden Aussenstehenden sofort nachvollziehbar. Aber es blockiert auch die gemeinsame Arbeit fürs Stadtviertel, im Schatten der ausgebrannten Ruine, die inzwischen teilweise verhüllt wurde. «Es wird Jahre dauern», fürchtet die Bezirksabgeordnete Catherine Faulks, «bis wir das Vertrauen der Leute im Viertel zurückgewinnen».