Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kosovo/Serbien: Grenzkonflikte drohen aufzubrechen

Wieder einmal geht die Angst vor einem Grossalbanien um. Kosovos Präsident Hashim Thaci befeuert diese mit dem Wunsch, das serbische Presevo-Tal solle seinem Land zugeschlagen werden. Ein Experte warnt vor einer möglichen Kettenreaktion.
Dominik Weingartner
Ethnische Albaner begrüssen im serbischen Trnovac den albanischen Ex-Präsidenten Bujar Nishani. (Bild: Valdrin Xhemaj/EPA; 7. März 2017)

Ethnische Albaner begrüssen im serbischen Trnovac den albanischen Ex-Präsidenten Bujar Nishani. (Bild: Valdrin Xhemaj/EPA; 7. März 2017)

In einem bemerkenswerten Interview hat der kosovarische Präsident Hashim Thaci «Grenzkorrekturen» zwischen Serbien und Kosovo ins Spiel gebracht. Konkret geht es um das Presevo-Tal im Süden, wo Schätzungen zufolge gegen 100 000 Albaner leben. Vertreter der Albaner im Presevo-Tal hätten sich mit der Bitte an ihn gewendet, sich dem Kosovo anzuschliessen, sagte Thaci Ende letzter Woche dem amerikanischen staatlichen Auslandsender Voice of America.

Er werde dieses Anliegen in den Dialog mit Serbien aufnehmen. «Ich fühle eine moralische, nationale, demokratische, verfassungsrechtliche und rechtliche Verpflichtung, die Bitte einzureichen», so Thaci. Auf die Frage, ob der Kosovo im Gegenzug bereit sei, den überwiegend von Serben bewohnten Teil im Norden des Landes abzutreten, sagte Thaci unmissverständlich: «Nein zu Partition und ja zu Presevo, das dem Kosovo beitritt.»

Serbische Armee in Kampfbereitschaft

Die Äusserungen des kosovarischen Präsidenten haben in der Region die Ängste vor neuen Grenzkonflikten geschürt. Am Wochenende konnte eine Eskalation noch verhindert werden. Hintergrund war eine am Samstag abgelaufene viermonatige Frist der EU an die kosovarische Regierung zur Vorlage eines schon lange verabredeten Autonomiestatuts für die Serben im Norden des Landes. Die Selbstbestimmung für die serbische Minderheit, die im Norden die lokale Mehrheit stellt, ist Teil des vor fünf Jahren unterzeichneten Normalisierungsabkommens zwischen Kosovo und Serbien. Doch bislang gibt es noch keine konkrete Ausgestaltung dieser Selbstverwaltung für die serbische Minderheit. Aus Sorge vor neuer Gewalt wurde die serbische Armee in Kampfbereitschaft versetzt, und internationale Kfor-Truppen besetzten die Zugänge zu einem wichtigen Staudamm im Norden des Kosovos.

Tatsächlich ist die Frage nach einem Gebietsaustausch zwischen Serbien und dem Kosovo aber keine neue Idee. «Bereits in den 1990er-Jahren kam diese Idee auf, wie auch bei den Gesprächen im Vorfeld der kosovarischen Unabhängigkeit 2008», sagt Matthias Bieri, Balkan-Experte am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. «Beide Staaten könnten sich durch den Abtausch eines durchaus beachtlichen Problems entledigen.» Nämlich des Problems, dass sowohl Kosovo als auch Serbien ethnisch relativ homogene Gebiete loswerden würden, die sich bisher nicht integrieren liessen. «Der Gebietsabtausch würde wohl zugleich auch die Anerkennung Kosovos durch Serbien beinhalten, was beiden Ländern den Weg Richtung EU öffnen würde», glaubt Bieri, der gleichzeitig auch auf die Gefahren hinweist. «Die Verschiebung von Grenzen im Balkan würde aber zahlreiche Risiken mit sich bringen. Die Gefahr einer Kettenreaktion ist nicht von der Hand zu weisen. Vor allem in Bosnien würden ethnische Gruppen – bosnische Serben und bosnische Kroaten – das gleiche Recht zu einem Staatswechsel beanspruchen.»

Eine halbe Million Albaner lebt in Mazedonien

In Bosnien wäre die Gefahr eines erneuten bewaffneten Konflikts höher als im Kosovo, sagt Bieri. «Man müsste deshalb irgendwie sicherstellen können, dass die Grenzverschiebung in Kosovo einzigartigen Charakter hat und keinen Präzedenzfall darstellt.» Zugleich müsste sie durch Referenden auf verschiedenen Ebenen legitimiert werden, so Bieri. Klar sei auch, dass Serbien dem Kosovo keine Gebiete ohne Gegenleistung abtreten würde.

Der von Thaci in irredentistischer Manier vorgetragene Vereinigungswunsch mit einem Gebiet mit albanischer Mehrheit in einem Nachbarland weckt in der Region neue Ängste vor einem Grossalbanien. Schon länger steht eine Vereinigung des Kosovos mit Albanien im Raum, die EU und die USA lehnten dies bisher jedoch strikt ab. Einen Höhepunkt erreichten die Bestrebungen, als der albanische Ministerpräsident Edi Rama im Februar einen gemeinsamen Staatspräsidenten sowie eine gemeinsame Sicherheits- und Aussenpolitik für die beiden Länder vorschlug.

Sorgen bereiten diese Bestrebungen vor allem Mazedonien. Vorwiegend im Norden des Landes lebt rund eine halbe Million Albaner. Auch in Montenegro leben einige zehntausend Albaner. Was, wenn ein um den Kosovo erweitertes Albanien plötzlich auch Anspruch auf diese Gebiete erheben würde?

Verheerende Auswirkungen

Die Realisierbarkeit eines Gross­albaniens hänge sehr stark von den politischen Rahmenbedingungen ab, sagt Matthias Bieri: «Solange die EU und die USA in der Region massiven Einfluss besitzen und ihre Normen zur Veränderung von Grenzen hochhalten, dann sind vorerst über das Symbolische hinausgehende Schritte in diese Richtung wenig realistisch.» Langfristig sehe dies anders aus. «Die albanische Bevölkerung der Region würde einen Zusammenschluss mehrheitlich begrüssen», sagt Bieri.

Im Unterschied zu einer möglichen «Grenzkorrektur» zwischen Kosovo und Serbien liesse sich eine albanisch-kosovarische Union nicht «als einzigartigen ‹kosmetischen› Eingriff verkaufen», sagt der Balkan-Experte. «Schritte in diese Richtung könnten verheerende Auswirkungen auf die Region haben.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.