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GRENZSTREIT: Säbelrasseln in der Ägäis

Die Türkei ist Griechenland militärisch überlegen. Dennoch heizt Athen den Streit um Grenzen in der Ägäis an. Die Angst vor einer Eskalation des Konflikts wächst.
Gerd Höhler, Athen
Auftritt in Kampfmontur: Recep Tayyip Erdogan in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze. (Bild: Kayan Ozer/AP (Reyhanli, 1. April 2018))

Auftritt in Kampfmontur: Recep Tayyip Erdogan in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze. (Bild: Kayan Ozer/AP (Reyhanli, 1. April 2018))

Gerd Höhler, Athen

Im Kampfanzug erschien der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unlängst in der Stadt Antakya nahe der syrischen Grenze, um seine Truppen zu ­inspirieren. Derweil überzeugte sich der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos, ebenfalls in Uniform, auf der kleinen Ägäisinsel Oinousses von der Einsatzbereitschaft seiner Soldaten. Oinousses liegt nur wenige Kilometer vor der türkischen Küste. Seit Jahrhunderten sind die beiden benachbarten Völker verfeindet. Obwohl Verbündete in der Nato, streiten sie um die Grenzen und die Hoheitszonen in der Ägäis. Täglich liefern sich Kampfpiloten beider Länder Verfolgungsjagden im umstrittenen Luftraum. Es sind riskante Manöver. Aus den Scheingefechten über den griechischen Inseln könnte schnell blutiger Ernst werden, wenn es zu einem Zusammenstoss oder gar zu einem Abschuss kommt.

Griechische Soldaten in der Türkei inhaftiert

Für zusätzliche Spannungen sorgt jetzt das Tauziehen um zwei griechische Grenzsoldaten, die wegen einer versehentlichen Grenzverletzung seit fast sechs Wochen in türkischer Haft sitzen. Inzwischen befinden sich die griechisch-türkischen Beziehungen auf dem tiefsten Punkt seit dem Januar 1996, als die beiden Länder im Streit um zwei Felseninseln in der Ägäis an den Rand eines Krieges gerieten.

So lächerlich Politiker im Kampfanzug auch wirken, so beunruhigend ist es, wenn sie glauben, sich als Militärs verkleiden zu müssen. Erdogan führt bereits drei Kriege, gegen die Kurden in Syrien, im Nordirak und im eigenen Land. Jetzt wächst in Griechenland die Sorge, der türkische Oberbefehlshaber könnte in der Ägäis eine vierte Front eröffnen. Erdogan spekuliert über eine Revision des Vertrages von Lausanne, der 1923 die Grenzen der heutigen Türkei definierte. Der türkische Staatschef fantasiert von einer «Grossen Türkei in den Grenzen unserer Herzen». Das macht vielen Griechen Angst, zumal die Türkei militärisch drückend überlegen ist. 106 000 griechischen Soldaten stehen 387 000 türkische gegenüber, die grösste Nato-Armee nach den USA.

Athen chancenlos im Wettrüsten

Die Schuldenkrise hat Griechenland auch militärisch geschwächt. Unter dem Druck der Sparprogramme musste Athen die Rüstungsausgaben seit 2009 fast halbieren. Für die Modernisierung der Waffensysteme fehlt das Geld. Derweil rüstet die Türkei weiter auf. Mit der Beschaffung russischer Luftabwehrra­keten des Typs S-400 und amerikanischer F-35-Tarnkappen- flugzeuge kann sie die völlige Lufthoheit über der Ägäis erreichen. Griechenlands Verteidigungsminister Kammenos will darauf mit mehr Waffen antworten. Aber ein neuer Rüstungswettlauf mit der Türkei ist keine Antwort. Die Griechen könnten ein solches Wettrüsten niemals gewinnen, es würde ihr hochverschuldetes Land finanziell vollends ruinieren.

Umso wichtiger wäre es jetzt für die Griechen, einen kühlen Kopf zu bewahren, sich auf die Diplomatie zu verlassen und auf die Solidarität der EU sowie der anderen Nato-Verbündeten zu setzen. Doch der griechische Verteidigungsminister tut das genaue Gegenteil. Mit kriegerischen Reden befeuert er den Streit noch. Erdogan ist in Kammenos’ Augen «ein Irrer, mit dem man nicht reden kann». Die Türken will Kammenos «zerschmettern» und «zerquetschen». Mit der Verlegung von 7000 Soldaten an die türkische Grenze verleiht der Verteidigungsminister seinem Säbelrasseln Nachdruck.

Eigentlich bestimmt der Regierungschef die Richtlinien der Politik. Aber in Athen gibt bei der Türkei-Politik Kammenos den Ton an. Premier Alexis Tsipras lässt seinen Verteidigungsminister gewähren. Er wagt es nicht, ihn zur Ordnung zu rufen, denn er braucht ihn als Mehrheitsbeschaffer. Zerbricht die Koalition mit der rechtsnationalistischen Kammenos-Partei Unabhängige Griechen, verliert Tsipras die Macht. Der griechische Premier macht sich damit zum Gefangenen des Rechtspopulisten Kammenos. Der riskiert mit seinen Brandreden, dass aus dem kalten Krieg in der Ägäis ein heisser Konflikt wird.

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