Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

GRIECHENLAND: Nichts los auf Kos

Kaum Flüchtlinge, aber auch kaum Touristen: Auf der Ferieninsel Kos in der Ostägäis ist es zurzeit sehr ruhig. Die Bewohner der Insel, die ausschliesslich vom Tourismus leben, bangen um ihre Existenz.
Dominik Weingartner, Kos
Der Hotspot auf Kos ist noch nicht fertig gebaut. Der Stacheldrahtzaun steht aber schon. (Bild: Dominik Weingartner / Neue LZ)

Der Hotspot auf Kos ist noch nicht fertig gebaut. Der Stacheldrahtzaun steht aber schon. (Bild: Dominik Weingartner / Neue LZ)

Die Stimmung in Kos ist friedlich dieser Tage. Man sitzt in Bars am Meer, unterhält sich, trinkt etwas, lacht, geniesst die angenehm warmen Abendstunden. Im Hintergrund säuselt gediegener Klavierjazz, der nur ab und an von einem leidenschaftlich aufbrausenden Saxofon durchbrochen wird. Der Blick schweift raus aufs Meer. Auf der anderen Seite des klaren blauen Wasserstreifens sieht man Akyarlar, einen Ort auf dem türkischen Festland, dessen Tourismusanlagen man ohne Feldstecher erkennen kann. Nicht weit davon liegt Bodrum, eine beliebte türkische Feriendestination mit rund 150 000 Einwohnern.

Ruhe auf dem Meer

Die friedvolle Stimmung an diesem lauen Frühlingsabend wird nur getrübt durch die Bilder, die einem unweigerlich im Kopf erscheinen. Flüchtlinge, die auf überfüllten Gummibooten versuchen, vom türkischen Festland ins «gelobte Land» EU überzusetzen. Nur rund 5 Kilometer trennen hier die Türkei und die EU. Doch von diesem Flüchtlingselend ist hier nichts mehr zu sehen. Höchstens ab und an ein Motorboot oder ein Frachter kreuzen auf dem Wasser.

Welch ein Kontrast zum letzten Spätsommer. Mehrere tausend Flüchtlinge waren von der Türkei nach Kos übergesetzt, mitten in der touristischen Hochsaison. Notabene auf eine Insel mit einer Fläche von 290 000 Quadratkilometern und rund 30 000 Einwohnern. Die Bilder gingen um die Welt. Es gab Berichte über die prekären Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge auf Kos leben mussten. Keine sanitären Anlagen, zu wenig Nahrungsmittel. Kos wurde regelrecht überrannt von Schutzsuchenden.

Vorwürfe an Medien und Regierung

Dieses Ereignis hat die Inselbewohner nachhaltig beeindruckt. Das zeigt sich spätestens auf der für die Gäste aus der Schweiz anberaumten Pressekonferenz abends im Stadthaus von Kos-Stadt. Ilias Sifakis, stellvertretender Bürgermeister, eröffnet sie mit den Worten: «Ich möchte über die Wahrheit sprechen.» Was er damit meint, macht er anschliessend deutlich. Es stimme, es kamen sehr viele Flüchtlinge. «Zu viele in kurzer Zeit», so Sifakis. Kos habe das Möglichste getan, um den Menschen zu helfen. «Viele Hotels und Geschäfte haben geholfen», sagt er. Doch das sei von der Weltöffentlichkeit nicht registriert worden. Für Sifakis sind die Schuldigen an der prekären Situation im letzten Jahr schnell gefunden: die griechische Regierung und die Medien. «Die Medien haben übertrieben. Bad news are good news», so der Vizechef der Stadt. Die Medien hätten einen negativeren Einfluss auf den Tourismus gehabt als die Flüchtlinge selber. Der Bürgermeister von Kos-Stadt, Giorgos Kiritsis, habe die Regierung in Athen vergeblich um Hilfe gebeten. «Kos hatte kein Geld, um das alleine zu bewältigen», so Sifakis.

Deutlich weniger Buchungen

Stamatis Voukouvalidis, der die Tourismusorganisation von Kos repräsentiert, hebt die Auswirkungen der Ereignisse vom letzten Herbst hervor: «Im Dezember präsentierte sich uns ein desaströses Bild.» Die Buchungen für den Sommer 2016 seien stark zurückgegangen. Und das habe sich nicht gebessert, obwohl seit zwei Monaten kein Flüchtling mehr auf Kos angekommen sei. «Die Buchungen aus der Schweiz sind um 21 Prozent zurückgegangen», so Voukouvalidis. In den wichtigsten Märkten Deutschland und England betrage der Rückgang rund 5 Prozent. Voukouvalidis hebt die grosse Abhängigkeit der Insel vom Tourismus hervor. Über 90 Prozent der Bewohner lebten direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr. Waren 2014 noch 1,6 Millionen Touristen auf die Insel gekommen, waren es 2015 schon 55 000 weniger. Wie stark der Rückgang dieses Jahr sein wird, bleibt abzuwarten. Die Beruhigung der Flüchtlingssituation auf Kos hat in erster Linie damit zu tun, dass die Türkei ihre touristisch stark genutzte Region um Bodrum schonen will. Die Flüchtlinge werden nach Norden umgeleitet, von wo aus immer noch Überfahrten auf die griechischen Inseln Lesbos und Chios stattfinden. Hinzu kommt der Deal zwischen der EU und der Türkei, der die Zahl der Überfahrten generell gesenkt hat. Deshalb sind die Verantwortlichen auf Kos zuversichtlich, dass das Ausbleiben von Flüchtlingsüberfahrten nicht nur dem Winterhalbjahr geschuldet ist, der die nun ruhige Ägäis zu einem stürmischen Meer macht, sondern dass dieser Zustand den Sommer über anhalten wird. «Es gibt durch die Flüchtlinge keine Einschränkungen für Touristen», betont Ilias Sifakis.

Noch 62 Flüchtlinge auf der Insel

Tatsächlich ist von den Flüchtlingen nichts zu sehen. Gemäss der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR sind derzeit noch 62 Flüchtlinge auf Kos. In Kos-Stadt selber sind es rund 30. Es seien hauptsächlich Syrer und Afghanen, ist zu hören. Doch die Angaben sind widersprüchlich. Einmal heisst es, es seien keine Syrer hier, dann wieder sind es vor allem Syrer. Auch über die Anzahl Flüchtlinge herrscht bei den Behörden offenbar Unklarheit. Die Frage, wie viele Flüchtlinge denn auf Kos seien, entfacht unter den Vertretern von Stadt, Hotels und Tourismusorganisationen eine Diskussion. «Etwa 100», ist dann das offizielle Fazit dieser gestikreichen Unterredung auf Griechisch.

Familien und «Boys»

In Kos-Stadt sind die Flüchtlinge in einem Hotel untergebracht. Wir können es am nächsten Tag kurz besuchen. Die Verantwortliche des Hotels, mit der wir kurz sprechen können, will nicht, dass der Name des Hauses publiziert wird. Es seien Familien und «Boys», die hier lebten, sagt sie. Sie seien hier vorübergehend untergebracht während der Wintersaison. Probleme gebe es keine. Das UNHCR übernehme die Kosten für Strom und Wasser. Auf einem Balkon des Hauses sind Flüchtlinge im Teenageralter zu sehen. Auf dem Geländer hängt Wäsche, die getrocknet werden muss. Interessiert schauen die Knaben auf die Menschentraube vor ihrer Unterkunft, die sich offenbar sehr für sie zu interessieren scheint. Reden können wir mit den hier untergebrachten Menschen nicht. Wir müssen weiter: zum Hotspot, dem Registrierungszentrum für Flüchtlinge, das hier auf der Insel gebaut wird.

Ausschreitungen wegen Hotspot

Auf Kos ist einer von insgesamt fünf Hotspots auf den griechischen Ostägäisinseln geplant. Der Hotspot auf Lesbos ist längst in Betrieb. Auch diejenigen auf Chios, Leros und Samos sind fertiggebaut. Nur auf Kos ist man noch nicht fertig. Mitte Februar kam es zu Protesten gegen den Bau des Registrierzentrums. Drei Menschen wurden gemäss Medienberichten bei Ausschreitungen verletzt. Bürgermeister Giorgos Kiritsis rief damals die griechische Regierung dazu auf, auf die Einrichtung des Hotspots auf Kos zu verzichten – ein ungehörter Appell.

Man lässt uns bis zum Eingang des Hotspots, der im hügeligen Zentrum der Insel liegt. Es ist eine ehemalige Militärkaserne. Der Stacheldrahtzaun ist bereits errichtet, eine schmale Strasse führt zur eigentlichen Unterkunft weiter oben auf dem Hügel. Neben dem Zaun steht ein Polizeiauto, unweit davon auch zwei Polizisten, die weder fotografiert noch angesprochen werden dürfen. Man misstraut Journalisten offensichtlich und fürchtet schlechte Presse.

«Alle haben mitgeholfen»

Die Fahrt führt uns zurück in die Stadt zum Stadion Antagoras. Hier wurden auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise Hunderte Flüchtlinge untergebracht. Sie hausten in Zelten und unter Blachen. Jetzt ist das kleine Stadion menschenleer. Auch auf den Strassen lebten die Flüchtlinge. Mehrere Tausend Flüchtlinge hielten sich zu Spitzenzeiten gleichzeitig auf der Insel auf. Nicht auszumalen, was in einer Schweizer Stadt mit 30 000 Einwohnern in einer solchen Situation los wäre. Neben dem Stadion treffen wir zwei Passantinnen. Sie haben den Ausnahmezustand auf Kos hautnah miterlebt. Es sei «überfordernd» gewesen, sagen sie. Auch die Behörden seien der Lage nicht Herr gewesen. Deshalb sei das Engagement der Bevölkerung auch notwendig gewesen. «Alle haben mitgeholfen», so die Frauen.

Hoffen auf Spätbucher

Jetzt hofft man auf Kos, dass die Kunde der fast flüchtlingsfreien Insel um die Welt geht – und so die überlebenswichtigen Touristen wiederkommen. Tim Bachmann, Director Touroperating für die Kurz- und Mittelstreckendestinationen bei Hotelplan Suisse, ist optimistisch. «Kos ist der beste Deal, den man diesen Sommer am Mittelmeer machen kann», sagt er. Die Preise seien um 10 bis 20 Prozent gesunken. Hingegen seien stark nachgefragte Destinationen wie Spanien und Italien noch teurer geworden. Und er hofft auf Spätbucher: «25 bis 30 Prozent der Touristen, die zu diesem Zeitpunkt ihre Ferien normalerweise bereits gebucht haben, haben dieses Jahr noch nicht gebucht. Die sind alle noch auf dem Markt.»

Auch Vize-Bürgermeister Sifakis versprüht Zuversicht: «Es ist sehr ruhig hier. Idomeni und Piräus sind weit weg.» Und falls die Flüchtlinge wider Erwarten doch wiederkommen würden, sei man besser vorbereitet als letztes Jahr. «We are ready», sagt Sifakis und grinst in die Kameras.

Hinweis

Die Journalistenreise nach Kos wurde von Hotelplan organisiert.

Flüchtlinge, die in einem Hotel in Kos-Stadt untergebracht sind. (Bild: Dominik Weingartner / Neue LZ)

Flüchtlinge, die in einem Hotel in Kos-Stadt untergebracht sind. (Bild: Dominik Weingartner / Neue LZ)

Der Vize-Bürgermeister von Kos, Ilias Sifakis. (Bild: Dominik Weingartner / Neue LZ)

Der Vize-Bürgermeister von Kos, Ilias Sifakis. (Bild: Dominik Weingartner / Neue LZ)

Bild: Grafik Oliver Marx / Neue LZ

Bild: Grafik Oliver Marx / Neue LZ

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.