Griechenland will seinen Ruf als «schwarzes Schaf» loswerden

Ausgerechnet der vermeintliche Krisenstaat meistert die Coronakrise besser als viele andere. Wie ist das möglich?

Gerd Höhler aus Athen
Drucken
Teilen
Bald gehen die Lichter wieder an: Griechenland lockert am 4. Mai seine Massnahmen. (Bild: Keystone)

Bald gehen die Lichter wieder an: Griechenland lockert am 4. Mai seine Massnahmen. (Bild: Keystone)

Wirtschaftlich wirds auch für Griechenland hart. Trotzdem steht das Land zusammen – und könnte gar geläutert aus der ­Krise hervorgehen.

Griechenland hat eine der tiefsten Sterberaten Europas mit bislang offiziell gerade mal 138 Toten. Warum?

Früher als in anderen Ländern Europas liess die griechische Regierung Schulen, Geschäfte und Gaststätten schliessen. Und länger als viele andere müssen die Griechen jetzt auf eine Lockerung warten. Die Regierung setzt auf vorsichtige Schritte. Erst am 4. Mai wird die Ausgangssperre gelockert. Kleine Geschäfte dürfen wieder öffnen. Anfang Juni will die Regierung Restaurants öffnen.

Wie hart trifft die Coronakrise das Land wirtschaftlich?

Sehr hart. Die Wirtschaft, die sich gerade erst von der schweren Finanzkrise zu erholen begann, wird zurückgeworfen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert Griechenland ein Minuswachstum von zehn Prozent. Vor allem für den Arbeitsmarkt hat die Krise verheerende Folgen. Bereits im vergangenen Jahr hatte Griechenland mit 17,3 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in der EU. Der IWF erwartet für dieses Jahr einen Anstieg auf 22,3 Prozent. Nachdem der frühere Defizitsünder seit 2016 Jahr für Jahr Überschüsse erwirtschaftete, dürfte das Budget dieses Jahr tief ins Minus rutschen.

Der Tourismus ist zentral für das Land. Wann sind Reisen nach Griechenland wieder möglich?

Die Reisebranche erwirtschaftet gut einen Fünftel des Brutto­inlandsprodukts. Jeder fünfte Job hängt vom Fremdenverkehr ab. Die Ferienhotels dürfen vor­aussichtlich im Juli wieder öffnen. Ab wann ausländische Besucher wieder anreisen können, ist aber ungewiss.

Hat die Krise in Griechenland auch Gutes bewirkt?

Ja, glaubt zumindest Regierungschef Kyriakos Mitsotakis. «Wir sind nicht mehr das schwarze Schaf, und das ist wichtig für unser kollektives Selbstbewusstsein», sagte der Premier. Die Griechen seien reifer geworden. Fast acht von zehn Personen finden die ergriffenen Massnahmen richtig. 63 Prozent vertrauen dem Regierungschef. Links- und Rechtspopulisten verlieren an Einfluss.

Auf der Insel Samos stand Anfang Woche ein Flüchtlingslager in Flammen. Was hat das mit Corona zu tun?

Das Feuer ist ein Ausdruck für die wachsende Verzweiflung der Migranten, die hier ausharren müssen. Seit Sonntagabend ­loderten die Flammen im Lager von Vathy, wo fast 7000 Menschen auf engstem Raum leben. Offenbar versuchen militante Migranten, das Elendslager niederzubrennen, um so ihre Verlegung aufs Festland zu erzwingen. Weil in den Containern längst kein Platz mehr ist, hausen Tausende Migranten ringsum auf den Feldern und in den Olivenhainen in Campingzelten oder Hütten, die sie sich selbst aus Latten, Pappe und Plastikfolien gebaut haben.