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GROSSBRITANNIEN: Auslandschweizer trotz Brexit optimistisch

Mit der Auslösung des Artikels 50 begann Grossbritanniens EU-Exodus. Damit kommt es auch zur Stunde der Wahrheit für Schweizer, die den Inselstaat zu ihrer Wahlheimat gemacht haben.
Gabriel Felder, London
Hat den Antrag zum Ausstieg aus der EU gestellt: Die britische Premierministerin Theresa May. (Bild: /Kirsty Wigglesworth)

Hat den Antrag zum Ausstieg aus der EU gestellt: Die britische Premierministerin Theresa May. (Bild: /Kirsty Wigglesworth)

Gabriel Felder, London

Der ehemalige stellvertretende Premierminister Nick Clegg konnte seine Entrüstung kaum verbergen, als er diese Woche in einer Brexit-Fernsehdebatte auftrat: Es sei ein Skandal, dass den EU-Bürgerinnen und Bürgern keine Zusicherungen gegeben werden, auch nach dem Brexit in Grossbritannien leben und ar­beiten zu dürfen.

Cleggs Mutter stammt aus den Niederlanden, seine Ehefrau ist Spanierin. «Blosse Verhandlungschips in einem politischen Glücksspiel!», wetterte der EU-Erzverfechter.

Rund 34'000 Schweizer leben derzeit im Königreich

Tatsächlich weigert sich Premierministerin Theresa May hartnäckig, ein Versprechen abzugeben, und wartet indessen eine Zusicherung seitens der EU ab: Die Zukunft der 1,2 Millionen Briten, die ihre Zelte in der Europäischen Union aufgeschlagen haben, müsse im gleichen Atemzug garantiert werden, sagte Theresa May in einem BBC-Interview kurz vor dem Auslösen des Artikels 50, der den Ausstieg aus der EU bedeutet. Die Zahl der im Vereinigten Königreich lebenden Schweizer stieg seit den bilateralen Abkommen im Jahr 2004 kontinuierlich an. Heute beläuft sich die Zahl auf rund 34'000. Darunter befindet sich auch der Luzerner Komponist Stephan Hodel (44). Er begegnet den oft hitzköpfig geführten Brexit-­Debatten mit ruhigem Blut: Falls alles zu kompliziert werde, könne er sich vorstellen, seine Wohnung im Londoner Stadtteil Camden hinter sich zu lassen und wegzuziehen: «Ich habe den grossen Luxus, von überall aus arbeiten zu können.» Für den Zürcher Universitätsangestellten Kevin Teoh (30) sieht die Sachlage etwas ernster aus. Teoh arbeitet in der Gesundheitsforschung und findet, dass der Brexit bereits einen finanziellen Schatten vorauswirft: «Wir könnten den Zugang zu EU-Unterstützungsgeldern verlieren, wenn Grossbritannien austritt.» Die diesbezügliche Unsicherheit findet auch der 32-jährige Freiburger Vincent Croset ein echtes Problem. Croset forscht an der Universität Oxford und «weiss von mehreren Kollegen, die ernsthaft darüber nachdenken, ihre Forschungsprojekte anderswo abzuschliessen». Die Schweizer Regierung müsse «schnell und intelligent» handeln, um die Gemüter zu beruhigen.

Auf der Schweizer Botschaft in London sind bis dato ungefähr 50 Anfragen von verunsicherten Schweizern eingegangen. Die Beteuerungen von Bundespräsidentin Doris Leuthard, dass der Brexit «vorläufig nichts verändert für die Schweiz», findet Anklang bei Edith Gomes (53). Die Basler Bankangestellte zog vor vier Jahren nach London, fällt also knapp unter die 5-Jahres-Grenze, die es nahezu unmöglich macht, dass sich der aufenthaltsrechtliche Status für Schweizer in Grossbritannien verändern wird. Trotzdem will Gomes auf Nummer sicher gehen: «Für mich ist klar: Sobald ich den britischen Pass beantragen kann, werde ich das tun.» Sie liebe ihre Wahlheimat und wolle sich vor allem bezüglich Sozialleistungen keine Sorgen machen müssen.

Nachfolgeregime soll bereit sein

«Weil die Briten immer noch EU-Mitglieder sind, können wir nicht offiziell mit ihnen verhandeln», bittet Doris Leuthard um Geduld und signalisiert gleichzeitig Startbereitschaft: «Alle Departemente haben in ihren jeweiligen Bereichen bereits Abkommen in der Pipeline.» Das Augenmerk lastet dabei vor allem auf dem Wirtschaftsdepartement.

Der Churer Filmemacher Pascal Bergamin (37) produziert Werbe- und Spielfilme und arbeitet mit internationalen Kunden zusammen, die in London drehen wollen. Brexit ist kein Schreckensszenario in seinen Augen: «Dank dem schwachen Pfund sind unsere Preise wieder sehr konkurrenzfähig», sagt er mit gelassenem Unterton. Trotzdem erkennt Bergamin potenzielle Herausforderungen in einer Wirtschaftswelt nach Brexit: «Der kreative Sektor in London lebt stark von internationalen Talenten. Sollten die nicht mehr willkommen sein, befürchte ich eine Schwächung des Standortes.»

Sidela Leon (29) von der Business-Plattform «Swiss Quality UK» glaubt hingegen fest an London als Umschlagplatz für Schweizer Waren: «Unsere Qualitätsprodukte werden auch nach dem Brexit gefragt sein», gibt sie sich selbstbewusst. «Grossbritannien kann sich ja nicht komplett abschotten.»

Die Schweizer Regierung will – ganz dem helvetischen Naturell entsprechend – nichts dem Zufall überlassen. Die ins Leben gerufene Strategie nennt sich «Mind the Gap», eine Instruktion, die auf dem Londoner U-Bahn-Netz vor Lücken zwischen Bahnsteig und Zügen warnt. Das oberste Ziel sei es, «auf den Zeitpunkt des britischen EU-Austrittes hin ein Nachfolgeregime Schweiz-UK bereitzuhaben», wie es ein Communiqué ausdeutscht. «Die Laune lass’ ich mir auf jeden Fall nicht verderben», lautet die etwas informellere Haltung von Stephan Hodel.

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