Grossbritannien
Boris Johnson startet im Streit um Astrazeneca-Impfstoff eine Charmeoffensive

Grossbritannien wendet sich gegen die angedrohten Exportkontrollen der EU. Die Verteilung neuer Impfstoffe sei ein internationales Projekt, argumentiert Boris Johnson.

Sebastian Borger aus London
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Umgarnt nun die «wichtigen Partnerländer» in der EU: Der britische Premier Boris Johnson.

Umgarnt nun die «wichtigen Partnerländer» in der EU: Der britische Premier Boris Johnson.

Christopher Furlong / AP

Boris Johnson will die geplanten EU-Exportbeschränkungen für Covid-Impfstoffe verhindern. Der Premierminister werde sich telefonisch an eine Reihe von Staats- und Regierungschefs von wichtigen Partnerländern wenden, hiess es am Montag aus der Downing Street.

Man sei mit derselben Pandemie konfrontiert, argumentierte der konservative Regierungschef beim Besuch einer Rüstungsfabrik im englischen Nordwesten. Die Entwicklung und Verteilung neuer Impfstoffe sei ein internationales Projekt. «Und solche Projekte bedürfen internationaler Kooperation.»

Der selbst am vergangenen Freitag mit dem Astrazeneca-Wirkstoff geimpfte Premierminister hat bereits mit seinen Kollegen in Belgien und den Niederlanden, Mark Rutte und Alexander de Croo, gesprochen. Beide gelten als Skeptiker des EU-Vorhabens. Auf seiner Telefonliste dürften die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ganz oben stehen. Von den beiden grössten EU-Ländern heisst es in London, sie stünden dem geplanten Boykott aufgeschlossen gegenüber.

Fast die Hälfte aller Briten hat eine Dosis erhalten

Im Vereinigten Königreich haben bis einschliesslich Samstag 42,7 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis gegen die Ansteckung mit Sars-CoV-2 erhalten, darunter mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung. Bei den über 70-Jährigen lag die Impfquote bei 95 Prozent. Hingegen sind in der EU bisher weniger als zwölf Prozent geimpft; allerdings liegt dort die Rate jener höher, die bereits beide Dosen der Wirkstoffe von Biontech/Pfizer oder Astrazeneca erhalten haben.

Auf der Insel hat die Erleichterung über das reibungslos laufende Impfprogramm des Nationalen Gesundheitssystems NHS die Erinnerung an eine Vielzahl katastrophaler Fehler der Regierung überlagert. Der Jahrestag des ersten, sehr spät verfügten Lockdown an diesem Dienstag erinnerte die Briten an ihre schlimme Bilanz: Der Statistikbehörde ONS zufolge beklagt das Land inzwischen mehr als 147'000 Coronatote, darunter mehr als die Hälfte in der zweiten Welle seit September, als Johnson erneut sehr lang mit wirksamen Gegenmassnahmen zögerte.

Höchste Todesrate europaweit

Pro Million Einwohner sind nach der konservativeren Zählung des Gesundheitsministeriums bis Sonntag mindestens 1851 Covid-19-Patienten gestorben (Schweiz 1176); europaweit meldet kein vergleichbar grosses Land ähnliche Todesraten.

Der Zorn der EU richtet sich wieder einmal besonders gegen das britisch-schwedische Unternehmen Astrazeneca; dessen Liefermengen für den an der Uni Oxford entwickelten Wirkstoff blieben im ersten Quartal 2021 um 70 Prozent hinter den Brüsseler Erwartungen zurück. Die Firma hat stets argumentiert, man habe gegenüber der EU eine Absichtserklärung abgegeben, nicht aber bestimmte Liefermengen vertraglich zugesichert. Dass man Grossbritannien zuverlässig und in grosser Menge beliefere, sei der grosszügigen Förderung durch London geschuldet.