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GROSSBRITANNIEN: Der ungesühnte Tod aus dem Regenschirm

Der Mordanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter ist der jüngste in einer Reihe von Verbrechen im Geheimdienstmilieu. Die Chancen auf eine Aufklärung stehen schlecht, wie die Geschichte zeigt.
Sebastian Borger, London
Ermittlungen nach dem Giftanschlag von letzter Woche auf den Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury. (Bild: Chris J. Ratcliffe/Getty (10. März 2018))

Ermittlungen nach dem Giftanschlag von letzter Woche auf den Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury. (Bild: Chris J. Ratcliffe/Getty (10. März 2018))

Sebastian Borger, London

Der Zustand des russischen Ex-Spions Sergej Skripal, 66, und seiner Tochter Julia, 33, die am letzten Sonntag Opfer eines Giftanschlags wurden, war auch gestern noch kritisch. Laut der britischen Innenministerin Amber Rudd schreiten die Ermittlungen schnell voran. Das machte sie gestern nach einer Sitzung des britischen Sicherheitskabinetts in London deutlich. Unklar blieb, ob die Ermittler bereits eine heisse Spur zu den Tätern oder den Hintermännern haben. Rudd mahnte zu Geduld. An den Ermittlungen beteiligt seien mehr als 250 Polizisten der Anti-Terror-Einheit, sagte Rudd. Sie hätten etwa 200 Zeugen identifiziert und 240 Beweismittel sichergestellt.

Der Anschlag hat in Grossbritannien schlimme Erinnerungen an frühere ungeklärte Verbrechen geweckt, die im Geheimdienst-Milieu spielen. Unterhaus-Abgeordnete forderten Aufklärung in insgesamt 14 ungeklärten Todesfällen der letzten zehn Jahre. ­Direkt oder indirekt hatten sich alle Opfer den Unmut mächtiger Männer in Wladimir Putins autoritärem Russland zugezogen. Im Fall der tödlichen Vergiftung des ­Ex-Spions Alexander Litwinenko 2006 mit radioaktivem Polonium bezichtigte der Londoner High Court sogar den Präsidenten als «wahrscheinlichen» Anstifter.

Spektakuläres Attentat auf Markow vor 40 Jahren

Die mutmasslichen Täter bleiben ebenso auf freiem Fuss wie jene, die vor 40 Jahren in London den spektakulärsten Mordanschlag des Kalten Krieges planten und ausführten. Bis heute wissen politisch interessierte Briten über 50 beim Stichwort «Regenschirm-Mord» sofort Bescheid. Sie kennen den Namen des Opfers, Georgi Markow; sie erinnern sich an den Tatort, die Waterloo Bridge, und vor allem an die Tatwaffe: ein von sowjetischen Spezialisten präparierter Regenschirm, aus dem der Mörder Ricin in die Wade seines Opfers feuerte.

Markow hatte in seiner Heimat Bulgarien als Dramatiker und Drehbuchautor Aufsehen erregt, ehe er mit den Behörden des Staats- und Parteichefs Todor Schiwkow aneinandergeriet. Nach seiner Flucht etablierte sich der Künstler in London als scharfzüngiger Kritiker der bulgarischen KP und ihres allmächtigen Chefs. So sehr ärgerte sich Schiwkow über dessen allwöchentliche Sendungen auf BBC, Deutscher Welle und Radio Free Europe, dass der Diktator höchstselbst die Kollegen des KGB um Hilfe bei Markows Ermordung bat.

Die Tüftler des sowjetischen Geheimdienstes lieferten eine Lösung wie geschaffen fürs Londoner Wetter: Der Tod kam aus dem Regenschirm. Am 7. September, einem grauen Herbsttag, stand Markow an der Bushaltestelle der Waterloo Bridge, als er plötzlich einen stechenden Schmerz in der Wade fühlte. Ein korpulenter Mann mit Schirm, so berichtete es Markow später, habe einige Worte der Entschuldigung gemurmelt und sich unverzüglich davongemacht. Binnen weniger Stunden bekam der Regime-Gegner hohes Fieber, sein Blutdruck spielte verrückt. Den ratlosen Ärzten konnte Markow noch von der Regenschirm-Attacke erzählen, ehe er ins Koma fiel und starb.

Projektil in der Wade lieferte den Beweis

Markows Witwe teilte die Skepsis der Kriminalbeamten: «Ich kann nicht glauben, dass es Leute gibt, die andere Menschen mit Regenschirmen töten.» Doch die Obduktion belehrte Skeptiker eines Besseren. In Markows Wade fanden die Pathologen eine Kapsel von der Grösse eines Nadelöhrs. Das 1,5 Millimeter breite Projektil aus Platin und Iridium enthielt zwei winzige Hohlräume, in denen britische Wissenschafter Spuren von Ricin fanden. Das hochgiftige Protein aus dem Samen der Rizinuspflanze steht auf dem Index der UN-Chemie­waffenkonvention. Die russischen Hersteller hatten ihre ­Mini-Chemiebombe mit einer Zucker­lösung verschlossen, die sich bei der Körpertemperatur von 37 Grad auflöst und den Wirkstoff freigibt. Gegen Ricin gibt es bis heute kein Gegengift.

Das schaurige Attentat sorgte für Empörung in der britischen Regierung und jagte den Zeitungslesern auf der Insel Angst ein – wie offenkundig von Moskau und Sofia erwünscht. Der Mordkommission waren bis zum Zerfall des Sowjet-Imperiums die Hände gebunden. Dann fanden sich im Keller von Sofias Innenministerium eine ganze Anzahl präparierter Regenschirme. Sie enthielten einen Mechanismus, mit dem sich eine winzige Kapsel auf kurze Distanz abfeuern liess. KGB-Überläufer bestätigten die Hilfsdienste des sowjetischen Hegemons und Schiwkows unmittelbarem Auftrag: Nicht umsonst fiel der Tag des Attentats mit dem Geburtstag des Diktators zusammen.

Ein General des bulgarischen Geheimdienstes Darschawna Sigurnost (DS) erhielt 1992 eine kurze Freiheitsstrafe, weil er Markow-Akten vernichtet hatte. Einen Prozess gegen Anstifter und Täter aber hat es bis heute nicht gegeben. Den bulgarischen Agenten «Piccadilly» mussten die dänischen Behörden 1993 mangels eindeutiger Beweise wieder auf freien Fuss setzen. Auch ein 2012 in Österreich aufgespürter mutmasslicher Mit­täter wurde nicht angeklagt.

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