Grossbritannien
Die Impfkönigin: Ohne Kate Bingham hätte das Vereinigte Königreich den Weg aus der Coronakatastrophe nicht gefunden

Kein europäisches Land impft so rasch wie Grossbritannien. Verantwortlich für den Erfolg ist eine 55-jährige Investmentbankerin aus London.

Sebastian Borger aus London
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Kate Bingham, 55, ist verantwortlich für das britische Impf-Wunder.

Kate Bingham, 55, ist verantwortlich für das britische Impf-Wunder.

Bild: The Times/News Licensing/ddp images (London, 10.122020)

Boris Johnsons Kabinett wirkte am Anfang der Krise völlig hilflos. Die Regierung hantierte amateurhaft. Die Kontrolle über die Pandemie schien den Briten rasch zu entgleiten. Komplette Missachtung der wissenschaftlichen Warnungen, zu später Lockdown, mangelhafter Schutz von Altersheimen: All das trug dazu bei, dass die britische Insel bisher mehr als 130'000 Coronatote zu beklagen hat.

Im völligen Kontrast zum katastrophalen Start ins Coronajahr steht die phänomenal erfolgreiche Impfkampagne, mit dem das Vereinigte Königreich seit Wochen die Welt beeindruckt. Kein anderes Land in Europa kommt bei der Immunisierung seiner Bevölkerung schneller voran. Premier Boris Johnson hat unlängst angekündigt, im Juni alle Einschränkungen auflösen zu wollen.

Lässt sich dieser Tage selber mit dem Astrazeneca-Vakzin immunisieren: der 56-jährige Premierminister Boris Johnson.

Lässt sich dieser Tage selber mit dem Astrazeneca-Vakzin immunisieren: der 56-jährige Premierminister Boris Johnson.

AP

Ohne den Einsatz von Kate Bingham hätten die Briten den Weg zurück auf die Erfolgsspur wohl nie gefunden. Im Frühling 2020 erhielt die 55-jährige Investmentbankerin einen Anruf vom frisch genesenen Premierminister, der die Tage zuvor auf einer Covid-Intensivstation in London verbracht hatte. Das Land brauche sie als Leiterin einer Taskforce für den Ankauf von Impfstoffen, soll Johnson gesagt haben. Bingham zögerte, wie sie später der BBC anvertraute:

«Traue ich mir das wirklich zu?»

Die Frage erübrigte sich. Denn wer wäre besser qualifiziert gewesen, die wissenschaftliche Gründlichkeit und gleichzeitig die kommerzielle Gewandtheit eines Impfproduzenten zu beurteilen? Seit ihrem Biochemie-Studium in Oxford und einem Wirtschaftsstudium an der amerikanischen Elite-Universität Harvard wirkte die Tochter des früheren höchsten Richters des Landes, Lord Thomas Bingham, an ebendieser Schnittstelle.

Seit den frühen 1990er-Jahren suchte sie für verschiedene Investmentfirmen nach Start-ups im medizinischen Bereich. «Mein Leben besteht daraus, zu fragen: Welche tollen Ideen gibt es? Und wie können wir sie in Medikamente umsetzen, die den Patienten weiterhelfen? Es ist der aufregendste Job der Welt», sagte Bingham einst der «Times».

Ihre Hochrisiko-Strategie zahlt sich aus

Seit Jahren gehört die Mutter dreier erwachsener Kinder und Hobby-Oboistin dem Aufsichtsrat des auf biomedizinische Forschung spezialisierten Francis-Crick-Instituts an und diente als Mitglied des Regierungsgremiums zur Förderung von Biowissenschaftsunternehmen. Johnson hatte also gute Gründe, der hoch qualifizierten Londonerin den Job als Impfstoff-Taskforce-Chefin anzubieten.

Früher suchte sie innovative Start-Ups, heute bringt sie die Briten auf den impftechnischen Erfolgskurs: Kate Bingham.

Früher suchte sie innovative Start-Ups, heute bringt sie die Briten auf den impftechnischen Erfolgskurs: Kate Bingham.

News Licensing ddp images

Die nach eigenen Angaben völlig unpolitische Spitzenmanagerin Bingham sagte zu. Von Anfang an behielt sie mit ihrem Team nicht nur die Impfstoff-Forschung, sondern auch die anschliessende industrielle Fertigung der Medikamente im Auge. Dafür wurden sowohl die Wissenschaftler an der Uni Oxford wie auch die beteiligten Firmen, vor allem Astrazeneca, grosszügig subventioniert.

Bingham vereinbarte mit ihnen garantierte Abnahmemengen und liess sie von der sonst üblichen Produkthaftung befreien. Sprich: Falls die Lieferanten fehlerhafte Impfstoffe abliefern sollten, hätten sie dafür nicht haften müssen.

Eine Hochrisikostrategie, die sich für die Briten auszahlte: Biontech/Pfizer erhielt einen Auftrag über 40 Millionen Dosen, bei Astrazeneca orderte Bingham sogar 100 Millionen. Als dritter Impfstoff ist das Präparat der US-Firma Moderna freigegeben. Insgesamt schloss das Team um Bingham Verträge über 357 Millionen Dosen für die 66 Millionen Briten ab. Dabei habe der Preis eine wichtige, aber nicht die entscheidende Rolle gespielt, berichtete die Bankerin der «Welt».

Entscheidend für den Erfolg sei die Einrichtung einer Datenbank gewesen, mit der das nationale Gesundheitssystem rasch bis zu 400'000 Freiwillige aller Altersstufen für Medikamentenforschung zusammentrommeln kann. Dies ermöglichte den Unternehmen rasch wichtige klinische Versuchsreihen, auf denen wiederum die schnelle Zulassung durch die Arzneimittelbehörde beruhte. Bingham selbst machte bei einer Studie des US-Impfstoffherstellers Novavax mit.

Geriet in die Kritik wegen möglicher Blutgerinnsel-Risiken: der Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat nun aber Entwarnung gegeben.

Geriet in die Kritik wegen möglicher Blutgerinnsel-Risiken: der Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat nun aber Entwarnung gegeben.

AP

Dieser Tage wird auch der 56-jährige Premier immunisiert. Er freue sich auf die Impfung mit Astrazeneca, liess Boris Johnson verlauten. Umso mehr, seit die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA die Bedenken über ein Blutgerinnsel-Risiko beim Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers zerstreut hat.

Auch die Querelen mit der EU, die den Briten eine mögliche Blockade von Impfstofflieferungen angedroht hat, wird Johnson und Bingham kaum stören. Ihr Impfprogramm hat voll Fahrt aufgenommen. 40 Prozent aller erwachsenen Briten haben mindestens eine Impfdosis verabreicht bekommen. Das sind fast viermal mehr als im EU-weiten Durchschnitt.