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GROSSBRITANNIEN: Die «Weinsteins von Westminster»

Premierministerin Theresa May will gegen sexuelle Belästigung im britischen Parlament vorgehen. Betroffene haben bereits zur Selbsthilfe gegriffen.
Jochen Wittmann, London
Die britische Premierministerin Theresa May kritisiert das pauschale Verbot des Fahrdienstleisters Uber in London als unverhältnismässig. (Bild: KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER)

Die britische Premierministerin Theresa May kritisiert das pauschale Verbot des Fahrdienstleisters Uber in London als unverhältnismässig. (Bild: KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER)

Jochen Wittmann, London

Die Schockwellen des Skandals um den amerikanischen Film­mogul Harvey Weinstein (65) haben das britische Parlament erreicht. Premierministerin Theresa May will gegen den Sexismus im Unterhaus vorgehen, nachdem Fälle von sexuellen Übergriffen von Parlamentariern bekannt wurden und eine Whats­app-Gruppe für Beschäftigte von Politikern eingerichtet wurde, die vor den «Weinsteins von Westminster» warnt.

May schrieb an den Sprecher des Unterhauses John Bercow und bat ihn um Mitarbeit, um für Abgeordnete einen verbindlichen Verhaltenskodex und für Angestellte ein effektiveres Beschwerdeverfahren einzuführen.

Am Wochenende wurde der Fall von Mark Garnier, Staatssekretär im Handelsministerium, bekannt. Er hatte 2010 seine ­damalige Sekretärin gebeten, ihn zu einem Sexshop im Londoner Stadtteil Soho zu begleiten. Sie sollte dort für ihn zwei Vibrato-ren kaufen, während Garnier draussen vor dem Geschäft wartete. Ausserdem soll er seine Angestellte vor Zeugen «Zuckertitten» genannt haben. Garnier bestreitet die Vorwürfe nicht, will sie aber als «Blödelei» verstanden wissen.

Verstoss gegen den Verhaltenskodex

May hat angeordnet, dass das Cabinet Office den Vorfall untersucht und feststellt, ob ein Verstoss gegen den Verhaltenskodex für Minister vorliegt. Ein zweiter Fall betrifft den Abgeordneten Stephen Crabb, der explizit sexuelle SMS an eine junge Frau geschickt hatte, die sich erfolglos um einen Job bei ihm bewarb.

May weiss, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Sie lässt sich, meldete die «Times», regelmässig von ihrem parlamentarischen Geschäftsführer über die sexuellen Indiskretionen ihrer Fraktionskollegen unterrichten, habe aber angesichts ihrer fragilen Position davon abgesehen, beschuldigte Kabinettsminister zu entlassen.

Britische Abgeordnete beschäftigen im Durchschnitt ein halbes Dutzend Angestellte, von Sekretärinnen über wissenschaftliche Mitarbeiter bis zu persönlichen Assistenten. Im Fall von Problemen können sich Arbeitskräfte an eine vertrau­liche Hotline wenden, aber die «Independent Parliamentary Standards Authority» hat nur wenig Sanktionen, um Abgeordnete zur Räson zu bringen. In dieser Situation greifen Betroffene zur Selbsthilfe.

Von einer Reihe von weiblichen Mitarbeitern, aber auch Volksvertreterinnen im Parlament, wurde jetzt eine Whatsapp-Gruppe zur gegenseitigen Information über sexistische Kollegen und Vorgesetzte gebildet. Die «Weinsteins von Westminster» werden da mit Namen genannt.

Grabscher werden an virtuellen Pranger gestellt

Ein Staatssekretär wird als «nicht sicher in Taxen» bezeichnet und ein Kabinettsminister gemeldet, der seine Hände nicht bei sich selbst halten kann. Auch wenn es zumeist unbewiesene Anschul­digungen sind, hat die Aktion den nützlichen Effekt, einschlägige Grabscher es sich zweimal überlegen zu lassen, ob sie es riskieren wollen, an einen virtuellen Pranger gestellt zu werden.

Die «Times» berichtete gestern von einem internen Dossier mit dem Titel «Hoch-Libido-­Abgeordnete», das die Übergriffe von fast 40 männlichen und weiblichen Volksvertretern auflistet. Darunter sollen 15 Mitglieder der Regierung sein.

Das macht die Situation für die angeschlagene Premierministerin brisant. Denn Theresa May muss fürchten, dass weitere Skandale, die Kabinettskollegen betreffen, zum Fall ihrer Regierung führen könnten. Mit ihrem Brief an Sprecher John Bercow geht sie in die Offensive.

«Ich glaube nicht», schrieb sie, «dass diese Situation noch länger toleriert werden kann. Es ist einfach nicht fair für Beschäftigte, von denen viele jung sind und ihren ersten Job haben.» May drängt John Bercow jetzt, parteiübergreifende Gespräche zu führen und ein Beschwerdeverfahren einzurichten, das Angestellten den nötigen Schutz gibt.

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