GROSSBRITANNIEN: Ratlosigkeit bei den Tories

Auf ihrem Jahrestreffen klammert sich die britische Regierungspartei an inhaltsleere Parolen – und feiert die Brexit-Galionsfigur Boris Johnson, an dem zuletzt scharfe Kritik laut geworden war.

Sebastian Borger, Manchester
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Boris Johnson in Manchester. (Bild: Peter Byrne/Keystone (3. Oktober 2017))

Boris Johnson in Manchester. (Bild: Peter Byrne/Keystone (3. Oktober 2017))

Sebastian Borger, Manchester

Es ist kein Durchkommen. Zweieinhalb Tage lang haben die Mitglieder des britischen Kabinetts vor halb leerem Saal gesprochen, entsprach die Stimmung in der Kongresshalle von Manchester der brutalen Prognose des «Times»-Kolumnisten Matthew Parris: Die Zusammenkunft der konservativen Regierungspartei sei «ein Parteitag von Toten auf Urlaub». Gestern Nachmittag war die Halle endlich voll, kam Stimmung in die angeblichen Zombies. Es geht um Europa und Grossbritanniens Loslösung von der EU. Und es spricht Aussen­minister Boris Johnson, die Brexit-Galionsfigur. Wie in seinen kürzlichen Zeitungsartikeln und Interviews schrammt der 53-Jährige auch hier haarscharf am Vorwurf der Illoyalität gegenüber Premierministerin Theresa May vorbei. Natürlich erfüllt er die Erwartungen der überwiegend EU-feindlichen Partei, deren Durchschnittsalter jenseits der 70 Jahre liegt. Er serviert ein paar süffisante Invektiven gegen Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn und verbreitet sonnigen Optimismus: «Wir werden den Brexit zum Erfolg machen.» Jubel im Saal.

Erfolgreicher Brexit. Brexit heisst Brexit. Flexibilität und Kreativität, wie May sie in Florenz von den EU-Partnern gefordert hat – das seien doch leere Phrasen, findet der deutsche CDU-Abgeordnete Detlef Seif. In Wahrheit, meint der Brexit-Berichterstatter der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag, sei beim Brexit die sogenannte Win-win-Situation ausgeschlossen: «Beide Seiten werden verlieren.» Es gehe nur um Schadensbegrenzung.

Schweigend hört ihm das ­Publikum zu, das am Montag zu einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung erschienen ist. Wie bei fast allen dieser sogenannten Fringe meetings sind alle Stühle vergeben, müssen viele Interessierte im Stehen zuhören. Es handelt sich vor allem um die wenigen verbliebenen EU-Freunde in der Tory-Partei. Die gebe es noch, beteuert Ex-Gesundheitsminister Stephen Dorrell, ehe er den Brexit zum «historischen Fehler» erklärt. Vielleicht hat die seltsam depressive, uninteressierte Stimmung im Kongresssaal ja auch damit zu tun, dass bis zum Dienstagnachmittag über das ­beherrschende Thema britischer Politik so wenig wie möglich gesprochen wurde. Die Innenministerin lobt die Polizei und verspricht schärfere Gesetze gegen Terrorpropagandisten im Internet. Der Gesundheitsminister lobt Ärzte und Krankenschwestern. Der Finanzminister lobt die freie Marktwirtschaft und verspricht mehr Kredithilfen für ­Junge. Umgehend muss er sich, ausgerechnet von der «Financial Times», dafür ­tadeln lassen: Die Massnahme werde lediglich die Preise im ­ohnehin gefährlich überhitzten Immobilienmarkt hochtreiben.

Jungwähler wenden sich massenhaft Labour zu

Wie aber die Jungwähler und Junggebliebenen zurückgewinnen, die bei der letzten Wahl in Scharen zur Labour-­Opposition unter Jeremy Corbyn überliefen? Und jene in ihren 20ern und 30ern, die seit dem Finanzcrash 2008 die brutale Sparpolitik der Regierung erleiden müssen, deren Reallöhne sinken, deren Aussichten auf ein eigenes Dach über dem Kopf gegen null tendieren? 47 Jahre, so hat es das Meinungsforschungsinstitut YouGov ermittelt, stellte im Juni die Grenze dar: Wer jünger war, wählte mehrheitlich Labour, die Älteren und ganz Alten mit immer grösserem Vorsprung Tory. Sind die Konservativen also wirklich eine Zombie-Partei für die demnächst Toten?

Der Thinktank Bright Blue macht dazu eine Veranstaltung im Rathaus von Manchester, und auch diesmal ist der Saal brechend voll. Die Ratsuchenden sind also quicklebendig, immerhin. Freilich bleiben sie auch ratlos. Politik müsse «ein Dialog sein, kein Monolog», sagt der Abgeordnete Sam Gyimah. Jungen Leuten müsse man «etwas Positives bieten», betont Kommunikationsmanagerin Laura Round. Und natürlich dürfe die Partei sie «nicht als Problem behandeln», weiss Ex-Kabinettsmitglied David Willetts. Kreative Ideen, ­Lösungen gar sehen anders aus.

Vielleicht hat die Regierungschefin welche anzubieten, wenn sie heute zum Abschluss des Parteitages spricht. Gewiss wird dann die Halle voll sein, und pflichtschuldig werden die Delegierten ihrer Chefin eine stehende Ovation bereiten. Bitter nötig hätte Theresa May ein wenig Aufwind: In der jüngsten Umfrage liegen die Tories mit 39 Prozent deutlich hinter Labour (43). Und gerade mal 37 Prozent der Briten gibt sich mit der Amtsführung der Premierministerin zufrieden.