GROSSBRITANNIEN: Tories auf der Suche nach jungen Wählern

Im Vereinigten Königreich wird nun auch wieder über Themen abseits des Brexit debattiert. Am Parteitag der Tories setzen die Konservativen im Kampf gegen Labour auf ein altbewährtes Rezept.

Sebastian Borger, London
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Sebastian Borger, London

Ein gewaltiger roter Strudel dominiert das Weltall. In seiner Mitte verschwinden die Worte: «312 Milliarden – Labours schwarzes Loch.» Am Fuss des neuen Wahlplakats hämmern die britischen Konservativen den Betrachtern ihren neuesten Slogan ein: «Labour geht immer zu weit» (always take it too far).

Rechtzeitig zum Jahrestreffen in Manchester wollen die Strategen der bei der jüngsten Wahl auf eine Minderheitsregierung zurückgeworfenen Tories dem Fussvolk ein wenig Mut machen. Sie haben nachgerechnet, was die wohltätigen Ideen von Oppositionsführer Jeremy Corbyn die Steuerzahler kosten würden. Die Streichung der Studiengebühren, die Verstaatlichung wichtiger Versorgungsunternehmen (Strom, Gas, Wasser) sowie von Eisenbahn und Post, Mietsenkungen für Sozialmieter, Gehaltserhöhungen für Polizisten und Krankenschwestern – das alles ist gewiss nicht zum Nulltarif zu haben.

Sozialdemokraten liegen in Umfragen vorne

Ob sich die Vorhaben aber tatsächlich auf die stolze Summe von umgerechnet 405 Milliarden Franken addieren? Egal: Auf den Betrag kommt es weniger an als auf die Assoziation in den Köpfen der Wählerschaft. Die in den Umfragen gegenüber den Konservativen führende Arbeiterpartei (43 zu 39 Prozent) soll als politisch gut meinend, aber ökonomisch inkompetent denunziert werden, ein seit Jahrzehnten erprobtes Mittel. «Labour funktioniert nicht», lautete der Slogan 1979 zum Foto einer langen Schlange von Arbeitslosen.

Im Wahlkampf 1992 illustrierte eine Bombe die geplanten Labour-Steuerhöhungen. Zuletzt wiederholte Theresa May im Vorfeld der Unterhauswahl unablässig den Gemeinplatz: «Das Geld wächst nicht auf Bäumen.» Seit Jahrzehnten wecken die Konservativen also direkt oder indirekt Erinnerungen an die 1970er-Jahre, als die damaligen Labour-Regierungen von einer Wirtschaftskrise in die andere stolperten und immer neue Streiks das Land lahmlegten. Ob die Rechnung auch diesmal aufgeht? Eine ganze Generation sei aufgewachsen «ohne Erinnerung oder Interesse» am Grossbritannien der 1970er-Jahre oder den Zuständen im real existierenden Sozialismus des Ostblocks, seufzt das konservative Magazin «Spectator».

Das Wahlergebnis vom Juni – Labour legte zu, die Tories büssten Mandate ein – habe gezeigt: «Sozialismus ist der Hit des Jahres.» Anders als der Altlinke Corbyn, 68, haben die Tories Schwierigkeiten, Wähler unter 40 anzusprechen – zumal jene, deren Löhne stagnieren, während die Mietkosten steigen. In Manchester will die Regierung deshalb möglichst wenig über den Brexit, dafür mehr über neue Angebote an jüngere Wähler sprechen. Die Studiengebühren sollen eingefroren werden, junge Häuslebauer werden staatliche Subventionen erhalten, deren Kosten sich auf 10 Milliarden Pfund addieren, teilte May gestern der BBC mit.

Wachstumsrate hinter jener der EU

Bisher hatten die Tories jüngeren Geringverdienern wenig zu bieten, ausser reichlich Arbeit zu geringen Löhnen. Die Arbeitslosigkeit ist auf den niedrigsten Stand seit Mitte der 1970er-Jahre gefallen (4,3 Prozent). Während sich aber Pensionäre über stetig ­steigende Renten freuen können, ­sinken die Reallöhne. Das ­Wachstum ist dem nationalen Statistikamt ONS zufolge im Abwärtstrend, lag zuletzt bei 1,5 Prozent – eine Rate, die von der Eurozone (2,3) mühelos übertroffen wird. Gleichzeitig ist die Teuerungsrate auf 2,9 Prozent hochgeschnellt. Zentralbank-Gouverneur Mark Carney hat zuletzt die Erwartung geschürt, er werde im November den Leitzins auf 0,5 Prozent anheben. Das könnte jenen Hausbesitzern Probleme bereiten, deren Kredit an den Leitzins gebunden ist.

Corbyns Popularität und die Schwäche der Regierung führen zu einem spannenden Ergebnis: Wenn es einmal nicht um den Brexit geht, wird wieder über Grundsätze von Wirtschaft und Politik diskutiert. Auf ihrem Parteitag in Brighton setzte die Labour-Opposition eindeutig auf stärkere staatliche Eingriffe. Die Premierministerin hingegen verteidigt die freie Marktwirtschaft angelsächsischer Prägung: Diese sei die «wichtigste Ursache für den gemeinschaftlichen Fortschritt der Menschheit», vorausgesetzt, sie operiere «mit dem rechten Mass an Regulierung».