GROSSBRITANNIEN: Was für ein Debakel für Theresa May!

Nach dem Wahldebakel der Tories bleibt Premierministerin Theresa May nur noch eines: «Zurücktreten, und zwar schnell», schreibt Redaktor Urs Bader in seinem Kommentar.

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Die britische Premierministerin Theresa May musste bei den Wahlen eine herbe Schlappe einstecken. (Bild: Will Oliver/EPA)

Die britische Premierministerin Theresa May musste bei den Wahlen eine herbe Schlappe einstecken. (Bild: Will Oliver/EPA)

Urs Bader

Die britische Premierministerin Theresa May hatte vorgezogene Neuwahlen angestrebt mit dem Ziel, danach deutlich gestärkt in die EU-Austrittsverhandlungen gehen zu können. Doch der Schuss ist nach hinten losgegangen. Statt gestärkt ist sie durch die Wahlen geschwächt worden. Und wie! Sie hat im Unterhaus die absolute Mehrheit verloren, über die sie vor der Wahl noch verfügte. Die Neuwahlen, die sie zunächst monatelang kategorisch abgelehnt hatte, rief sie ohne Not aus. Theresa May bleibt eigentlich nur noch eins: zurückzutreten, und zwar schnell.

Sie dürfte nicht mehr über die politische Autorität verfügen, um ihre Partei und ihr Land anführen zu können. Zu sehr hat sie die Politik in den vergangenen Wochen auf ihre Person fokussiert. Roboterhaft sprach sie im Wahlkampf immer wieder davon, sie strebe eine «stabile und starke Führung an». Davon ist sie nun weit weg.

Auch für die Brexit-Verhandlungen hat sie kein Mandat mehr. Nachdem sie vor dem Brexit-Referendum noch für den Verbleib in der EU votiert hatte, wenn auch nur halbherzig, sprach sie sich als Premierministerin für einen harten Brexit aus. "Brexit bedeutet Brexit": keine Personenfreizügigkeit mehr, Austritt aus dem Binnenmarkt und der Zollunion. Auch wenn diese Position wohl nur ein Grund für Mays demütigende Niederlage in der Unterhauswahl ist – der Austritt aus der EU ist das zentrale Thema der näheren Zukunft des Landes. Gut möglich, dass viele Britinnen und Briten – insbesondere jüngere - der Premierministerin Grenzen setzen wollten. Möglicherweise waren viele inzwischen nicht mehr sicher, ob das Land tatsächlich aus der EWU austreten solle. Und schon gar nicht «hart».

In einer ersten Reaktion auf den Ausgang der Wahl sprach May davon, dass das Land nun eine "Stabilitätsperiode" brauche. Es sieht aber nach allem andern aus. Gelingt es den Konservativen innert nützlicher Frist, eine Koalitionsregierung zu bilden - unter wessen Führung auch immer? Wird am Ende eine Minderheitsregierung die Geschicke des Landes lenken müssen? Kommt es gar schon bald wieder zu Neuwahlen? Stabilität sieht anders aus. Das ist für Grossbritannien nicht gut, aber auch nicht für Europa. Der Beginn der Verhandlungen mit der EU am 19. Juni ist in Frage gestellt. Wer führt sie von britischer Seite? Mit welchem Mandat? Die Ungewissheit ist gross. Gewiss ist nur, dass dem Vereinigten Königreich weiter turbulente Tage und Wochen bevorstehen.