Putin-Rede
Grossmacht-Träume in Moskau

Eine Analyse von Fabian Hock, Ressortleiter Ausland, zum Atomwaffen-Auftritt Wladimir Putins und seinem Bedauern des Zerfalls der UdSSR.

Fabian Hock
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Russlands Präsident Wladimir Putin während seiner Rede an die Nation.

Russlands Präsident Wladimir Putin während seiner Rede an die Nation.

KEYSTONE

Das Bild ging in der vergangenen Woche um die Welt. Auch diese Zeitung druckte es am Freitag auf die Titelseite. Es zeigt eine überlebensgrosse Projektion des russischen Präsidenten Wladimir Putin während seiner Rede zur Lage der Nation.

Der Blick durch eine Schneise im Publikum auf das leicht nach vorn gesenkte Haupt Putins, dessen Augen den Betrachter zu fixieren scheinen, weckt Assoziationen: vom «Grossen Bruder» aus George Orwells «1984», dessen Abbild in der Filmversion verblüffend ähnlich in die Kamera schaut, bis zum Super-Bösewicht aus «James Bond».

Wie nah die Interpretationen des Bildes an die Realität heranreichen, sei einmal dahingestellt. Einig sind sie sich aber in einem entscheidenden Punkt: Dieser Mann hat etwas vor. Und mehr noch: Er ist eine Bedrohung.

Während seiner Rede drohte Russlands Präsident Amerika im Falle eines Atomangriffs mit einem ebensolchen Gegenschlag und erklärte den umstrittenen Ausbau der US-Raketenabwehr in Osteuropa gleichsam für obsolet. Für seine neuen Superwaffen, darunter ein atomarer Torpedo und eine Hyperschall-Rakete, stelle diese gar kein Hindernis mehr dar.

Putin liess, zur Feier des Tages, gar einen simulierten Angriff auf den US-Bundesstaat Florida auf der Videoleinwand einspielen. Zwar zeigten sich im Nachgang viele Beobachter skeptisch, dass Russland mit den neuen Waffensystemen den Schritt zur nuklearen Überlegenheit gegenüber den USA vollzogen hat. Die Intention Putins ist jedoch eindeutig: den Westen verunsichern. Wie sollte man seine Rede anders illustrieren als mit diesem Bild?

«Den Zusammenbruch der Sowjetunion»

Am Tag nach seiner Moskauer Rede verfinsterten sich – um beim Bild zu bleiben – die Gesichtszüge der Putin-Projektion noch ein wenig mehr. An einem Forum in Kaliningrad beantwortete Putin Publikumsfragen. Eine lautete, welches Ereignis in der Geschichte seines Landes er ändern würde, wenn er könnte.

Putins Antwort: «Den Zusammenbruch der Sowjetunion.» Auch wenn es befremdet, eine solche Aussage vom amtierenden russischen Staatschef schwarz auf weiss zu lesen, kommt sie doch alles andere als überraschend. Vielmehr ist sie voll auf der Linie dessen, was Putin seit Jahren sagt – und tut. Bereits 2005 hatte er den Zerfall der Sowjetunion als «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts» bezeichnet.

Mit «Sowjet-Nostalgie» hat das nichts zu tun. Wohl aber mit dem Dasein der Sowjetunion als Grossmacht. Dass Russland diesen Status nach dem Zusammenbruch der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verlor, schmerzt dabei nicht nur den mächtigsten Russen, sondern auch viele seiner Landsleute: Laut den Meinungsforschern vom russischen Levada Center bereuen heute 58 Prozent das Ende der UdSSR.

Auch wenn Putin nicht plant, den Kommunismus wieder aufleben zu lassen: Ein Imperium hätte er schon ganz gern. Eines, das sich offensichtlich nicht auf die Grenzen Russlands beschränken lässt. Davon zeugen russische Panzer in Georgien (2008) und freilich auch die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim (2014).

Besonders klar spiegeln sich Putins Grossmacht-Fantasien im Syrien-Krieg. In dem zur blutigen Schlacht mutierten Konflikt unterstützt Putin Machthaber Baschar al-Assad. Russland ist in Syrien zum wichtigsten Akteur geworden, was dem Kreml nicht nur Einfluss im gesamten Nahen Osten sichert, sondern so kurz vor der russischen Präsidentschaftswahl am 18. März auch ein Signal an die eigenen Landsleute sendet: Wir sind wieder wer in der Welt.

Sein Grossmacht-Streben flankiert der Kreml mit Desinformationskampagnen. So geschehen im US-Wahlkampf 2016. Auch vor der Wahl in Italien streuten russische Internet-Trolle gezielt «Fake News». All das zu einem einzigen Zweck: die Demokratien im Westen zu destabilisieren.

Je mehr Amerika und Europa mit sich selbst beschäftigt sind und sich in inneren Konflikten aufreiben, desto besser für den Autokraten im Kreml, so die Logik. Während US-Präsident Trump der Welt mit Strafzöllen auf Stahl droht und die EU im Gegenzug Zölle für Whisky und Motorräder von Harley-Davidson ankündigt, reibt sich der Kreml-Chef, mit gesenktem Haupt und festem Blick, die Hände. In Ruhe kann er weiter an seinem Imperium basteln – in der Ukraine, in Syrien und mit der Entwicklung von Atomwaffen.