Groteskes Interview
Eine fast perfekte weissrussische Show – wären da nicht die Spuren der Handschellen an den Handgelenken

Zu bester Sendezeit strahlte das weissrussische Staatsfernsehen ONT ein fast 100-minütiges Interview mit dem Journalisten Roman Protassewitsch aus. Der Gefangene des weissrussischen Regimes handelte genau richtig, sagt ein Folterexperte.

Paul Flückiger, Warschau, und Samuel Schumacher
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Fast 100 Minuten lang sprach Roman Protassewitsch mit seinen Peinigern.

Fast 100 Minuten lang sprach Roman Protassewitsch mit seinen Peinigern.

Bild: Screenshot/ONT

Die Show ist fast perfekt, wären da nicht die Spuren der Handschellen an den Handgelenken. Zu bester Sendezeit strahlte das weissrussische Staatsfernsehen ONT am Donnerstagabend ein fast 100-minütiges Interview mit dem Journalisten Roman Protassewitsch aus, den das Regime nach der Flugzeugentführung am Pfingstmontag am Minsker Flughafen festnehmen liess. Der 26-Jährige bekennt in dem Gespräch seine Schuld.

Das angeblich lockere Gespräch mit Marat Markow, dem Chef des weissrussischen Staatssenders, ist ein grosser Propaganda-Erfolg des Regimes von Alexander Lukaschenko. Der verhaftete Journalist bestätigt nämlich die Hauptthesen Lukaschenkos über die Protestwelle im isolierten Land: Diese sei von ausländischen Regierungen – allen voran Polen und Litauen – finanziert worden.

«Protassewitsch ist psychisch und physisch gefoltert worden»

Das Interview dürfe auf keinen Fall ernst genommen werden, warnt General Roman Polko in Warschau. «Protassewitsch ist psychisch und physisch gefoltert worden», sagt der Folterexperte und ehemalige Oberbefehlhaber der polnischen Eliteeinheiten GROM. Polko erklärt, Protassewitsch verhalte sich genau so, wie man es allen Geiseln rate: Alles tun, was die Peiniger verlangen, um im Idealfall das eigene Leben zu retten.

Das Interview fand im Dunkeln auf einer Art Bühne statt und ist mehrfach geschnitten. Über den Autokraten Lukaschenko sagt er: «Ich achte ihn.» Angeblich will sich Protassewitsch wenige Wochen vor seiner Reise nach Athen besonnen und gewendet haben.

Am Ende des Gesprächs bekommt man einen ganz anderen Protassewitsch zu sehen. Er bricht emotional zusammen, vergräbt die Hände im Gesicht – wobei die Handschellenspuren besonders gut zu sehen sind – und beginnt zu weinen. Sollte ihn das Regime verurteilen, drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

Schweizer Gefangene wieder in Isolationshaft

Beunruhigende Neuigkeiten gibt es auch von Natallia Hersche: Die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin verbüsst derzeit eine zweieinhalbjährige Haftstrafe, weil sie einem Polizisten bei einem regimekritischen Protest im September die Sturmhaube vom Gesicht gerissen haben soll.

Weil die St. Gallerin angeblich gegen die Hausordnung im Straflager #4 in der Stadt Gomel verstossen habe, sitzt sie seit über zwei Wochen in Isolations-haft. Das schreibt sie in einem Brief an ihren Bruder, wie der Sender «Radio Svoboda» berichtet. Das Schweizer Aussendepartement sagt auf Anfrage, dass man sich weiter «auf höchster Ebene» mit den weissrussischen Behörden bespreche und «intensiv nach Lösungen» suche. Der Schweizer Botschafter plane bereits seinen nächsten Besuch bei der Inhaftierten.

Klar ist inzwischen auch, warum die Boeing 767 des weissrussischen Regimes Anfang Mai in der Schweiz gelandet ist. Vom 3. bis 19. Mai stand der offizielle Regierungsflieger am Flughafen Basel – zu Wartungszwecken, wie das Luftfahrtmagazin «Sky News» schreibt.

Die Wartungsfirma Lufthansa Technik in Hamburg hatte die weitere Wartung der Maschine zuvor mit Verweis auf die aktuellen Entwicklungen im Land verweigert.