«Grüner Pass»
Geimpfte geniessen Privilegien und Israel feiert wieder – Impfausweisfälschern drohen harte Strafen

Der Grüne Pass, mit dem immunisierte Israelis wieder in Kinos und Läden gelassen werden, hat in Europa viele Neider.

Win Schumacher aus Tel Aviv
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Verkleiden, tanzen, feiern: Israels Öffnungsstrategie bringt Freude – und birgt Risiken.

Verkleiden, tanzen, feiern: Israels Öffnungsstrategie bringt Freude – und birgt Risiken.

Bild: Win Schumacher

Der beschwipste Römerhauptmann hat das Visier seines Plastikhelms heruntergeklappt. Die tanzenden Piraten um ihn he­rum haben ihre Schutzmasken unters Kinn geschoben. In der Nacht auf Donnerstag feierten in Tel Aviv Hunderte verkleidete Jugendliche den Beginn des jüdischen Purimfests – fast so, als gäbe es keine Pandemie.

Bis die Polizei anrückte, konnte man sie auf den Dachterrassen und auf der Strasse beim Tanzen und Trinken beobachten. Viele feierten nicht nur Purim, sondern auch den Aufbruch in ein neues Leben nach Corona.

Demonstranten auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard.
7 Bilder
Purim: Feiernde auf der Tel Aviver Allenby Street.
Purim: Feiernde auf der Tel Aviver Allenby Street
Strassen-Szene in der Tel Aviver Sheinkin Street.
Strassenszene zu Purim vor dem Tel Aviver Carmel-Markt.
Verkleidetes Mädchen auf dem Tel Aviver Habima Square.
Demonstranten auf dem Tel Aviver Habima Square.

Demonstranten auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard.

Win Schumacher

Seit Sonntag ist für viele Israelis ein Stück vor-pandemischer Alltag zurückgekehrt. Diese Woche konnten nicht nur viele Schulen, Geschäfte und Einkaufszentren wieder öffnen. Auch Fitnessstudios, Schwimmbäder, Hotels und Theater dürfen wieder aufmachen – allerdings nur für Israelis, die ihre Immunisierung mit einem digitalen Grünen Impfpass oder einem ausgedruckten Zertifikat mit QR-Code nachweisen können.

Am Mittwochabend hatte die Sängerin Nurit Galron mit einem ersten grossen Konzert speziell für geimpfte Senioren den Neustart der Kulturveranstaltungen in Tel Aviv eingeleitet. In den nächsten Tagen sollen weiterer Konzerte folgen.

Ist alles nur ein geschicktes Ablenkungsmanöver?

Mehr als 70 Prozent aller Israelis ab 16 Jahren sind inzwischen mindestens einmal geimpft worden, rund ein Drittel hat bereits beide Dosen erhalten. Das ist Weltrekord. Ihnen soll der Grüne Pass bald auch wieder internationale Reisen ermöglichen. Mit Zypern und Griechenland wurden bereits bilaterale Gespräche über gesonderte Einreisegenehmigungen für Geimpfte geführt.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz fordert, dass Europa nachzieht und den Grünen Pass auch in der EU einführt.

Gesundheitsminister Juli Edelstein stellte den Grünen Pass vergangene Woche als sicheres Impfzertifikat vor. Dank des QR-Codes kann die Identität der Impfpassträger jederzeit überprüft werden. «Fälscher könnten im Gefängnis enden», warnte Juli Edelstein.

Trotz wiedergewonnener Freiheiten ist die Angst vor einer dritten Welle aber auch in Israel noch nicht gebannt. Im vergangenen Jahr hatten die Purim-Feierlichkeiten nicht unwesentlich zu einer ersten Coronawelle im Land beigetragen. «Das darf sich nicht wiederholen», sagte Premierminister Benjamin Netanjahu. Am Mittwoch stellte er seinen Plan für einen «Ausstieg» aus der Pandemie vor. Im April solle das Land «eine komplette Öffnung erreichen».

Kritiker werfen der Regierung vor, die Öffnung sei fahrlässig. Netanjahu wolle mit den neuen Privilegien für Geimpfte nur von seinem Korruptionsverfahren ablenken und seinen Sieg in den am 23. März anstehenden Wahlen – den vierten innerhalb von zwei Jahren – sichern.

Feiern bis zur nächsten Welle

Trotz der fortgeschrittenen Impfungen könnte ihre Feierlaune zu Purim den Einstieg in ein pandemieunabhängigeres Leben für die Israelis noch weiter verschieben. Die meisten gehen davon aus, dass mit dem Fest die Infektionszahlen erneut ansteigen werden.

Selbst unter den Ultraorthodoxen – in ihren Vierteln waren die Fallzahlen besonders hoch – nimmt man es zu diesem besonderen Anlass im Jahr mit der Entsagung weltlicher Freuden nicht sonderlich genau. Traditionell verkleiden sich zu Purim auch viele Strengreligiöse und betrinken sich bis in die Nacht. Ob sie sich in diesem Jahr an staatliche Regeln halten, wagen viele zu bezweifeln.