Hamsterkäufe, Angst und leergefegte Strassen: Wie Italien auf das Corona-Virus reagiert

In Italien sind bereits sieben Personen am Corona-Virus gestorben. Die Vorkehrungen schüren die Angst – ein Erlebnisbericht.

Sarah Coppola-Weber aus Arcola (Provinz La Spezia)
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Leere Regale in einem italienischen Lebensmittelgeschäft.
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Leere Regale in einem italienischen Lebensmittelgeschäft.

Leere Regale in einem italienischen Lebensmittelgeschäft.

Sarah Weber

Der Samstag verlief noch in gewohnten Schranken: Grosseinkauf mit normalem samstäglichen Andrang, ohne Hamsterkäufe. Am Nachmittag Fastnachtsfeier mit ausgelassenen Tanzeinlagen, Speis und Trank und vergnügten Menschen. Auch der Sonntag begann «normal»: Fussballmatch des Jüngsten, Mittagessen mit Freunden, Nachmittagsspaziergang. Doch irgendetwas lag in der Luft – die Eltern am Fussballfeld diskutierten bereits während des Spiels darüber, sich einen Notvorrat anzuschaffen. Und schon am Samstag berichtete die Älteste von einer komischen Angststimmung, die in der Stadt vorherrschte.

Am Sonntagabend wurde deutlich: Das Belpaese ist schneller als erwartet vom Corona-Virus heimgesucht worden. Der Ausnahmezustand jedoch kam schleichend. Zuerst war die Rede von drei Fussballspielen der Champions League, die aufgrund des zirkulierenden Virus abgesagt wurden. Die Mitteilungen von Veranstaltungen, die «auf unbestimmtes Datum» verschoben wurden, häuften sich in meiner Mailbox. Kein Fastnachtsabschluss mehr – alles, was irgendwo auf einem Veranstaltungskalender stand, wurde auf Eis gelegt. Das Schulministerium liess verlauten, dass sämtliche Schulreisen und -ausflüge annulliert würden. Dann folgten die Verordnungen der Region Ligurien: Alle Schulen werden eine Woche lang geschlossen, ebenso Bi­bliotheken, Museen, Sportzentren und andere öffentlichen Gebäude. Die sportlichen Aktivitäten der Kinder sind vertagt, Papas Gemeinderatssitzung ebenfalls. Auch die Kurie hat sich geäussert: Sämtliche Gottesdienste fallen aus, auch jener vom Aschermittwoch. Nur die Kirchen bleiben geöffnet, für diejenigen, die ein Stossgebet gen Himmel schicken wollen.

Die Italiener sind sich Ernstfälle gewohnt

Während einer Woche – doch bereits am Sonntagabend wurden Stimmen laut, dass eine Woche als Sicherheitsvorkehrung nicht ausreicht. Was dann? Wie lange muss mit dem Alltag im Ausnahmezustand gerechnet werden? Das ist im Moment die Frage, die noch offen ist. Italiens Einwohner sind sich Ernstfälle gewohnt und bieten diesen mit einer grossen Portion Flexibilität die Stirn. Vor allem dann, wenn das Land wieder einmal von Unwettern gebeutelt wird. Dann wird organisiert und umdisponiert, was das Zeug hält.

Doch die Vorkehrungen gegen das Corona-Virus schüren die Angst, die wie ein Damoklesschwert über der Bevölkerung schwebt. Hamsterkäufe in den Supermärkten und leere Regale sind die Folge, leergefegte Strassen, dort, wo normalerweise das Leben pulsiert. Die normalerweise übervollen Busse drehen halb leer ihre Runden. Ein paar ältere Herren stehen etwas verloren vor ihrem «circolo», einem Alterstreffpunkt.

Es gilt, Ruhe zu bewahren. Bis jetzt sind die Geschäfte noch geöffnet, andernorts herrscht auch diesbezüglich tote Hose. Viele halten die Vorkehrungen für übertrieben. Bereits wurden diese gelockert und die Sportanlagen für private Vereine trotzdem zugänglich gemacht. Wie wenn das Virus zwischen privat und öffentlich unterscheiden könnte. Krampfhaft wird versucht, die Normalität aufrechtzuerhalten, doch sobald man Fernsehen oder Radio einschaltet, holt einen der Ausnahmezustand wieder ein. Auch hinter vorgehaltener Hand ist das Corona-Virus Gesprächsthema Nummer eins. Welche weiteren Ausmasse wird diese Ausnahmesituation annehmen? Nicht zu wissen, was einen erwartet, ist wie ein Sprung ins kalte Wasser und sorgt für ein seltsames Ziehen in der Bauchgegend.