Coronakrise
Harte Massnahmen vor Weihnachten: So wollen Europas Politiker das Fest der Liebe retten

Regierungen mehrerer Länder ziehen die Schrauben an, damit die Menschen an Weihnachten ein wenig feiern können. Nur die Schweiz nicht.

Sebastian Borger, Remo Hess, Christoph Reichmuth, Stefan Brändle, Dominik Straub, Stefan Schoch, Samuel Schumacher
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Schutzengel aus Schutzmasken: Diese Dekoration passt prima zu Coronaweihnachten.

Schutzengel aus Schutzmasken: Diese Dekoration passt prima zu Coronaweihnachten.

Maria Symchych-Navrotska/Getty

Heiligabend wird heuer eine stille Nacht. Stiller mindestens als in anderen Jahren. Denn dem Coronavirus sind hohe Festtage egal. Unser Bedürfnis nach Nähe und Familie an Weihnachten interessiert die Pandemie nicht. Sie wütet einfach weiter. «Das wird wohl das härteste Weihnachtsfest, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben», sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet der «Welt». Und auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga gab sich jüngst im Interview mit dieser Zeitung wenig optimistisch: «Wahrscheinlich werden sich die Massnahmen bis Weihnachten gegenüber heute nicht grundlegend verändern», erklärte die Bundespräsidentin. «Wir können Weihnachten feiern. Aber im kleineren Rahmen.»

Maximal zehn Personen dürfen sich in der Schweiz derzeit privat treffen. Das wird sich bis Weihnachten kaum ändern. Niemand habe ein Interesse daran, dass es über die Festtage zu mehr Ansteckungen komme und dann schärfere Massnahmen nötig werden, betonte Sommaruga. Andere Länder Europas setzen derweil alles daran, Weihnachten zu retten.

1. Franzosen sollen sich zum Fest freier bewegen können

Präsident Emmanuel Macron spricht vor den Medien im November 2020. (Bild: Keystone)

Präsident Emmanuel Macron spricht vor den Medien im November 2020. (Bild: Keystone)

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Die Pariser Prachtavenue Champs-­Élysées hat ihre Weihnachtsbeleuchtung am Sonntag in Betrieb genommen. Allein: Die Läden bleiben geschlossen. «Das ist traurig», meinte eine Anwohnerin. Immerhin scheint Frankreich den Höhepunkt der zweiten Coronawelle überschritten zu haben. Die Regierung will den teilweisen Lockdown nun lockern; nicht zuletzt, um das Weihnachtsgeschäft und die Familientreffen zu retten. «Damit es klar ist: Die Ausgangssperren bleiben bestehen», dämpfte ein Regierungssprecher vorschnelle Hoffnungen. Präsident Emmanuel Macron sucht damit den Fehler dieses Sommers zu vermeiden, als er die Sperren zu rasch aufhob und eine massive zweite Welle folgte.

Heute Abend will Macron das weitere Vorgehen bekannt geben. Ab nächstem Samstag dürfen wohl nicht mehr nur die Läden mit «unentbehrlichen» Produkten (Esswaren, Hygieneartikel) aufgehen, sondern auch Boutiquen und Buchläden, Immobilienagenturen und Autokonzessionen. Vor Weihnachten dürfte der Reiseradius von derzeit einem Kilometer erweitert werden, damit Familientreffen wieder möglich werden.

2. Der «Christmas Spirit» vereint das gespaltene Königreich

Der britische Premier Boris Johnson vor der Downing Street in London. (Archivbild)

Der britische Premier Boris Johnson vor der Downing Street in London. (Archivbild)

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Monatelang gingen die verschiedenen Teile Grossbritanniens ihren eigenen Weg. Weihnachten soll das Königreich jetzt wieder vereinigen. Von Heiligabend bis 28. Dezember dürfen sich Menschen aus drei, womöglich sogar vier Haushalten treffen. Das haben die Regierungen in England, Nordirland, Schottland und Wales beschlossen. Als Teil der vorweihnachtlichen Strategie weitet Grossbritannien sein Testprogramm aus.

Bisher galt die Maxime: Zum Coronatest darf sich nur einfinden, wer an Husten, hohem Fieber oder dem Verlust von Geschmacks- und Geruchsinn leidet. Diese Einschränkung gilt per sofort nicht mehr. Darüber hinaus endet in England kommende Woche der vierwöchige Lockdown. Dann dürfen Kirchen, Geschäfte und Fitnessstudios wieder öffnen, für Pubs und Restaurants bleiben regional unterschiedliche Einschränkungen in Kraft.

3. Deutschland: Lockdown bis kurz vor Weihnachten

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Videokonferenz im November 2020. (Archivild: Keystone)

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Videokonferenz im November 2020. (Archivild: Keystone)

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Es ist trist in diesen Tagen in Berlin. Bereits um 17 Uhr ist es zappenduster, die Strassen sind wie leergefegt. Nichts mit Weihnachtsmarkt und Feuerzangen-­Bowle. Der Mini-Lockdown hat Deutschland seit Anfang November im Griff – und es sieht nicht nach Entspannung aus. Die Ansteckungszahlen gehen nicht im erwünschten Umfang zurück.

Morgen Mittwoch treffen sich deshalb Kanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der 16 Bundesländer zu einer Videokonferenz, um die Verlängerung des Lockdown bis mindestens zum 20. Dezember zu beschliessen. Je nach Entwicklung sollen die Einschränkungen gar bis Anfang Januar gelten. Das heisst: Kneipen, Kinos und Theater bleiben zu, Kontakte aussen und innen werden beschränkt und die Regeln sogar noch leicht verschärft. Im Supermarkt, im ÖV und in höheren Schulklassen gilt Maskenpflicht. Das alles hat ein Ziel: Für die Feiertage soll es leichte Lockerungen geben, damit sich wenigstes an Weihnachten mehr als zwei Haushalte treffen dürfen.

4. Österreicher sollen zum Massentest

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz im Bundeskanzleramt eine Pressekonferenz der Regierungsspitze zur Coronavirus-Krise. (Archivbild: Keystone)

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz im Bundeskanzleramt eine Pressekonferenz der Regierungsspitze zur Coronavirus-Krise. (Archivbild: Keystone)

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Der Christkindlmarkt vor dem Wiener Rathaus, der ist aufgebaut. Auch die weihnachtliche Strassenbeleuchtung ist installiert. Nur: Wie das Fest ablaufen soll, dass weiss niemand so recht. Zu viel ist in der Schwebe. Da sind die Infektionszahlen, da ist der Lockdown, der nur langsam greift, da ist in manchen Landesteilen ein am Rande des Kollaps stehendes Gesundheitssystem. Das Ziel müsse es sein, «Weihnachten zumindest im kleinen Familienkreis zu ermöglichen», so Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Bis zum 6. Dezember läuft er, der derzeit geltende Lockdown. Aber darüber, was danach passieren soll, herrscht Unklarheit. Nur so viel ist klar: Normalität wird es nicht sein. Massentests soll es geben. Eine Verlängerung des Lockdown steht bereits im Raum. Und der Handel stellt Forderungen: Auch am Sonntag sollen die Läden im Advent öffnen dürfen. Dabei hatte gerade der Handel mit Rabattaktionen vor der Schliessung der Geschäfte für Entsetzen gesorgt. Denn die Folge waren Hamsterkäufe bei Schuhen und Haushaltselektronik – begleitet von dichtem Gedränge in Läden.

Es ist gut möglich, dass der Markt am Wiener Rathausplatz nie aufsperren wird.

5. Italien sagt: Geschenke Ja, Skifahren Nein

Italiens Premier Giuseppe Conte plant kleine Lockerungen für die Weihnachtszeit. (Archivbild: Keystone)

Italiens Premier Giuseppe Conte plant kleine Lockerungen für die Weihnachtszeit. (Archivbild: Keystone)

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Mit bis zu 800 Toten täglich befindet sich Italien noch immer mitten in der zweiten Coronawelle. Doch wenn Regierungschef Giuseppe Conte an die traditionellen Weihnachtsfeiern denkt, dann graut ihm bereits vor einer möglichen dritten Welle. Deshalb brütet seine Regierung in diesen Tagen intensiv über einem neuen Dekret, mit dem die Weihnachtstage geregelt werden sollen. Das Motto der neuen Massnahmen lautet: Geschenke Ja. Feuchtfröhliche Feiern in der Grossfamilie: Nein. Die Sperrstunden für Geschäfte und Restaurants könnten etwas gelockert werden – die Kontaktbeschränkungen sicher nicht. Bars, Pubs und Discos bleiben geschlossen.

Fest steht auch bereits, dass es in Italien bis Ende Jahr keine Skiferien geben wird: Die Lift- und Bahnanlagen werden frühestens im Januar ihren Betrieb aufnehmen können.

6. In Belgien sollen die Geschäfte vor Weihnachten öffnen

Während Wochen gehörte Belgien zu den am stärksten betroffenen Ländern Europas. Nach einem Monat im Total-Lockdown gehen die Neuansteckungen nun zurück. Hoffnung, dass noch im Jahr 2020 wieder ein normales Sozialleben möglich sein wird, gibt es aber keine. Weiterhin gilt die Kontaktbeschränkung auf eine Person ausserhalb des Haushalts. Immerhin: Es ist denkbar, dass einige Geschäfte Mitte Dezember rechtzeitig für die Weihnachtsverkäufe aufmachen dürfen. Dass die starken Einschränkungen auch über die Festtage gelten werden, hat die Regierung ihren Bürgern bereits klargemacht. Falls nötig, werde die Polizei auch an der Haustüre klingeln, um zu überprüfen, ob die Coronaregeln eingehalten würden, sagte Innenministerin Annelies Verlinden.

7. Schweden setzt erstmals auf Verbote – wohl zu spät

Schwedens Premierminister Stefan Löfven spricht über die Corona-Massnahmen: Das erste Verbot tritt am Dienstag in Kraft. (Bild: Keystone)

Schwedens Premierminister Stefan Löfven spricht über die Corona-Massnahmen: Das erste Verbot tritt am Dienstag in Kraft. (Bild: Keystone)

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Im Sommer noch schien sich der Sonderweg der Schweden zu bewähren. Der Herbst aber ist bislang ein düsterer im skandinavischen Norden. Und Weihnachten wird dieses Jahr alles ­andere als «högtidligt» («feierlich»). Regierungschef Stefan Löfven hat ­seine Landsleute am Sonntag dazu aufge­rufen, zu Hause zu bleiben. «Sagt einfach alles ab!», mahnte er die Schweden.

Und weil sich zu wenige an die bislang stets freiwilligen Vorgaben hielten, verhängt Schweden am Dienstag zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie ein Verbot: An öffentlichen Veranstaltungen dürfen nicht mehr als acht Personen zusammenkommen. Das Verbot gilt vorerst für vier Wochen. Bis Weihnachten könnte es also wieder kippen. Auf eine zentrale Festtagstradition – den Besuch bei den Rentieren im ballenbergartigen Stockholmer Freilichtmuseum Skansen – aber müssen die Schweden verzichten. Der Park hat seine Tore zum ersten Mal in seiner 129-jährigen Geschichte geschlossen. Auch an Weihnachten.