Chaos in Amerika

Hass und Fake-News: «Wir müssten über jeden Tweet eine Gerichtsverhandlung führen»

Twitter und Facebook haben Trump stumm geschaltet. Der Internetsoziologe Stephan Humer sieht im Löschen von Tweets eine Gefahr.

Raffael Schuppisser
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Hat Trump für immer ausgetwittert?

Hat Trump für immer ausgetwittert?

Getty

Donald Trump hat über 88 Millionen Follower auf Twitter. Doch am Mittwochabend wurde der Präsident von keinem einzigen mehr gehört. Twitter hat Trump stumm geschaltet. Später sperrte auch Facebook Trump aus. Der Ruf, dass soziale Medien rigoroser gegen Hass-Posts und Fake News vorgehen sollen, wird in den USA immer lauter. Der Internetsoziologe Stephan Humer aus Berlin, teilt diese Meinung nur bedingt.

Ein demokratisch gewählter US-Präsident wird von Twitter stumm geschaltet. Das hat es noch nie gegeben. Ist das nicht verrückt?

Stephan Humer: Die Situation am Kapitol ist eskaliert. Damit hat niemand gerechnet. Da wussten wohl auch die Verantwortlichen nicht, was am besten zu tun ist. Klar war nur, dass jetzt irgendeine Handlung gefordert ist und so hat sich Twitter für die spektakuläre Stummschaltung entschieden.

War das eine Kurzschulssreaktion?

Twitter und Facebook waren aller Wahrscheinlichkeit nach einfach bemüht, möglichst rasch deeskalierend zu wirken. Sie sind dabei ein gewisses Risiko eingegangen, denn die Reaktion hätte die Demonstranten auch anstacheln können, jetzt erst recht radikal vorzugehen. Im Stil von: «Jetzt verbieten sie unserem Präsidenten sogar den Mund. Wir müssen für ihn kämpfen» Im Nachhinein kann man wohl sagen, dass die Reaktion richtig war. Wenn man die Sache einfach laufen gelassen hätte, wäre es wohl noch schlimmer geworden.

Der Internetsoziologe

Stephan Humer

Stephan Humer

Stephan Humer (43) hat bereits 1999 eine Website zum Thema «Internetsoziologie» aufgeschaltet. Zu einer Zeit also, als viele noch gar keine E-Mail-Adresse besassen. Der Deutsche war einer der Ersten, die sich in Europa des Themas Internet und Gesellschaft angenommen haben . An der Hochschule Fresenius in Berlin leitet er als Professor für Digitale Innovation. Zudem ist er Vorsitzender des Netzwerks Terrorismusforschung. (ras)

Ist es okay, dass die grossen Tech-Konzerne bestimmen, was man sagen darf und was nicht?

In einer perfekten Social-Media-Welt müsste man bei jedem Tweet und jedem Post eine anwaltliche Prüfung vornehmen, um rechtlich maximal sicher gehen zu können. Aber selbst die wäre nicht eindeutig, da die Meinungen der Juristen bekanntlich sehr oft auseinandergehen, unter anderem weil man nicht nur Inhalt, sondern auch Kontext betrachten muss. Die andere extreme Variante wäre, einfach alles zulassen. Das will aber auch niemand. Eine gewisse Grauzone muss man folglich akzeptieren. Es gibt hier keine perfekte Lösung.

Wie diffizil das ist, zeigt das Video, das von Twitter und Facebook gelöscht wurde. Trump hat darin sowohl seine Behauptung des Wahlbetrugs wiederholt als auch die Demonstranten aufgerufen, nach Hause zu gehen.

Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man nicht nur den Inhalt, sondern auch den Kontext anschauen muss. Denn aus rein inhaltlicher perspektive dürfte man es wohl nicht löschen, schliesslich «deeskaliert» Trump. Es war allerdings zu befürchten, dass die Demonstranten nur das heraushören, was sie wollen und eben nicht nach Hause gehen, sondern weiter machen.

Kann man nicht einfach die gleichen Gesetze anwenden wie bei herkömmlichen Medien auch? Man darf mit seinen Aussagen gegen kein Gesetz verstossen, der Rest ist Meinungsfreiheit.

Wenn man das so anwenden würde, müsste man sehr, sehr viele Posts und Tweets löschen. Es werden einfach wahnsinnig viele Beleidigungen und Bedrohungen geäussert, die kaum ernst zu nehmen sind, durch eine maximale Verfolgung aber auch im Wert gehoben werden. Besser wäre es, viele Äusserungen mehr so zu verstehen, wie wenn jemand im analogen Alltag, beispielsweise im Strassenverkehr, ausruft: «Du Idiot, wenn du mir noch einmal die Vorfahrt nimmst, haue ich dich um.» Solche Ausrufe verpuffen normalerweise einfach. Auf den sozialen Medien bleiben sie schwarz auf weiss stehen. Das ist der fatale Unterschied für die Bewertung.

Das wäre ja gerade ein Grund, sie zu löschen?

Derzeit werden solche Vorschläge ja auch diskutiert. Ich glaube aber, dass das so pauschal der falsche Weg ist. Dann würden beispielsweise auch Schimpfwörter gelöscht, die in satirischem Kontext stehen oder Wörter, die der eine als Schimpfwort versteht, der andere aber nicht. Die Bewertung ist oftmals gar nicht so einfach – erst recht nicht für einen Algorithmus. Eine solche Lösung würde den Diskurs auf sozialen Medien viel zu stark, weil «übervorsichtig» einschränken. Letztlich müssen wir damit leben, dass die perfekte Social-Media-Welt nicht geben kann.

Wenn es keine klaren Regeln gibt, nach denen ein Tweet oder Post gelöscht wird, bedeutet das auch, dass Facebook und Twitter bei ihrer Beurteilung Willkür walten lassen können.

Genau, das ist das Problem. Aber ich sehe da auch keine Lösung. Man muss das ein Stückweit aushalten. Es gibt keine technische oder juristische Möglichkeit, mit der wir zu einer perfekten Zufriedenheit kommen. Sonst müssten wir über jeden Tweet und jeden Post quasi eine kleine Gerichtsverhandlung führen. Und auch damit stellt man bekanntlich keine vollkommene Zufriedenheit her.

Was raten Sie?

Wichtig ist, dass die Nutzer eine gewisse Gelassenheit entwickeln und schwache von starken Fällen unterscheiden. Wenn drei Menschen auf Facebook oder Twitter schreiben, ich find dich scheisse, sollte man sich das nicht so sehr zu Herzen nehmen – vorausgesetzt, man kann so etwas aushalten, das heisst beispielsweise als erwachsener und emotional stabiler Mensch. Man soll sich als Nutzer aber eben nicht auf alles einlassen. Ich plädiere für weniger Dünnhäutigkeit und angemessene Reaktionen an den richtigen Stellen, aber eben nicht pauschal immer und überall.

Ein Problem ist, dass sich Falschmeldungen schneller verbreiten, da sie radikaler sind und das Radikale auf sozialen Medien mehr Beachtung findet. Müssen da die Plattformenbetreiber stärker eingreifen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Teils tun sie das schon. Auch auf Plattformenseite wäre eine Entemotionalisierung wünschenswert. Das widerspricht aber natürlich zumindest in Teilen dem Geschäftsmodell von Twitter und Facebook. Ich glaube, aber dass es gute Chancen gibt, dass sich die Tech-Konzerne ein gehöriges Stück weit darauf einlassen, denn so können sie verhindern, dass die Politik einschreitet und die Plattformen noch viel stärker einschränkt.

Twitter droht Trump, ganz auszuschliessen, wenn er die Posts nicht löscht. Halten Sie das für sinnvoll?

Nun, da die Republikaner sich zunehmend gegen Trump gewendet haben, kann man das wohl tun, ohne die Stimmung weiter entscheidend anzuheizen. Trump ist zumindest als Präsident bald Geschichte, was die Mehrheit der Amerikaner als Grund zum Aufatmen sehen dürfte – aller Polarisierung zum Trotz. Die USA brauchen und wollen nun Entspannung. Es bleibt zu hoffen, dass Joe Biden versöhnen kann.