El Salvador
Hauptsache, nicht auffallen: Leben und Überleben im Land der «Maras»

Die beiden Strassengangs «Mara Salvatrucha» und «Mara 18» haben El Salvador zu einem der gewalttätigsten Länder der Welt gemacht. Allein im August wurden über 900 Menschen ermordet. So viele wie noch nie zuvor.

Aline Wüst, San Salvador
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Gesichts-Tattoos sind ihr Markenzeichen: Zwischen 30000 und 60000 Mitglieder haben die rivalisierenden Gangs «Mara Salvatrucha» und «Mara 18» in El Salvador.

Gesichts-Tattoos sind ihr Markenzeichen: Zwischen 30000 und 60000 Mitglieder haben die rivalisierenden Gangs «Mara Salvatrucha» und «Mara 18» in El Salvador.

Ulises Rodriguez/Reuters

Roberto* (27) trägt ein weisses Muskelshirt und einen schwarzen Flaum über den Lippen. Er ist dicklich, sitzt zuhinterst im Bus Nr. 205, der von San Salvador nach Sonsonate fährt. Zwei Stunden dauert die Reise. Der Bus ist voll – Schenkel an Schenkel schwitzen die Passagiere. Verkäufer steigen zu und wieder aus, ihr Laden ist ihr Rucksack, darin sind Erdnüsschen, USB-Sticks oder Kopfwehtabletten. Einer hält eine zerfledderte Bibel in die Höhe und ruft zur Umkehr. Roberto hört mit einem Ohr zu, im anderen steckt ein Stöpsel eines Kopfhörers.

Wohin sind Sie unterwegs?

Ich bin auf dem Heimweg nach Sonsonate. Ich studiere morgens Englisch in San Salvador, nachmittags helfe ich meiner Grossmutter in ihrem Laden.

Ist es sicher, in diesem Bus zu reisen?

Nicht wirklich. Sicherer sind die teureren Busse, die direkt von Terminal zu Terminal fahren und in die darum niemand unterwegs einsteigen kann.

Die Busse werden ausgeraubt.

Ja, sie kommen rein mit ihren Waffen und nehmen jedem Fahrgast, was er hat. Ich habe nichts dabei, höchstens zwei 2 Dollar. Meist nehmen sie nur das Geld und töten niemanden.

Wer kommt rein?

Leute, die schnelles Geld machen wollen – Gangmitglieder meist.

Wie oft passiert das?

Auf dieser Linie das letzte Mal vor einem Monat.

Robertos Mutter und seine drei jüngeren Brüder leben in den USA. Sein Vater ist tot, er sei ein Trinker gewesen. Seine Mutter reiste illegal in die USA und heiratete dort einen Amerikaner. Roberto konnte nicht mit, weil er schon volljährig war. Darum ging er illegal via Mexiko über die Grenze. Er arbeitet in einer Küche, lernte Englisch. Nach drei Jahren erwischte ihn die Polizei und schickte ihn zurück.

Wollen Sie zurück in die USA?

Ja klar, aber ich werde mein Leben nicht damit verschwenden, von den USA zu träumen.

Glauben Sie, die Situation hier wird sich verbessern?

Wenn sich hier etwas ändert, dann zum Schlechten. Das weiss ich. Denn in diesem Land regieren die Maras. Die Leute hier werden darum auch in Zukunft in Angst leben. Und weil ich daran nichts ändern kann, tue ich das, was ich kann: Ich werde Englischlehrer. Es gibt so viele schlechte Lehrer in El Salvador, die sich gar nicht darum kümmern, was die Kinder tun. Ich werde es anders machen. Damit kann ich vielleicht ein bisschen was ändern hier.

Was tut die Regierung?

Die sagen: Wir haben alles unter Kontrolle. Aber sie tun nichts. Hier bist du selber für dich verantwortlich. Die meisten versuchen, einfach möglichst unauffällig zu leben.

Was ist Ihr Traum?

Viele wünschen sich reich zu sein. Ich will das gar nicht. Denn hätte ich ein schönes Auto, sähen alle, dass ich Geld habe, und dann wäre ich wieder in Gefahr. Ich habe Menschen, die mich lieben, auch wenn ich kein Geld habe. Meine Grossmutter zum Beispiel. Ihr ist ganz egal, ob ich arm oder reich bin.

Dieses Jahr wurden bis Ende August bereits 4246 Menschen ermordet. El Salvador ist ein Land mit 6,3 Millionen Einwohnern, gerade mal halb so gross wie die Schweiz. Hier bewacht ein privater Sicherheitsmann mit Pumpaction die Apotheke. Grund für die Gewalt sind die rivalisierenden Banden «Mara Salvatrucha» (MS-13) und «Mara 18». Sie töten und vergewaltigen. Ihr Geld verdienen sie mit illegalen Geschäften, hauptsächlich aber mit Schutzgeld-Erpressungen. Zwischen 30 000 und 60 000 Mareros soll es geben. Die jüngsten Mitglieder sind 11 Jahre alt. Entstanden sind beide Gangs in den USA. Viele salvadorianische Bürgerkriegsflüchtlinge haben sich während der 80er-Jahre in Los Angeles diesen bereits bestehenden Gangs angeschlossen. Vor allem, um sich gegen mexikanische Banden zu schützen. Nach dem Bürgerkrieg deportierten die USA kriminelle Bandenmitglieder zu Tausenden zurück nach El Salvador.

Maria* (40) aus San Salvador arbeitet, wo sie gerade Arbeit findet. Oft als Putzfrau. Maria interessiert sich für Theater und ihre Kleider kauft sie im Secondhand. Das mache ihr nichts aus, sagt sie. In diesem Land sei es ohnehin besser, nicht aufzufallen.

Warum sind die Gangs so stark geworden?

Sie rekrutieren ständig Nachwuchs. Es beginnt wie ein Spiel: Die Mareros beobachten die Kinder, die nicht beaufsichtigt werden. Kinder, die bei den Grosseltern aufwachsen, weil ihre Eltern in den USA arbeiten, oder solche, die einfach auf der Strasse rumhängen. Sie sagen ihnen: Wo ist dein Papa? Hat er keine Zeit für dich? Komm, ich habe Zeit, ich lade dich ins Kino ein. Sie geben ihnen zu verstehen: Wenn du auch in deiner Familie nicht wichtig bist und niemand auf dich schaut, in unserer Familie bist du wichtig. Du bist ein Mitglied. Bei uns bekommst du Respekt.

Die Gangs leben von Schutzgelderpressungen? Wie läuft das ab?

Wenn du zum Beispiel eine Bäckerei hast, kommen sie, drücken dir ein Mobiltelefon in die Hand und sagen: Es ist für dich. Am Telefon ist dann jemand, der sagt: Wir wissen, wo du lebst, wir wissen, wer deine Familie ist, wenn du nicht zahlst, dann töten wir dich. So erpressen sie die Menschen. Das Problem ist, dass die Leute bezahlen. Sie denken gar nicht daran, sich zu verteidigen, weil sie solche Angst haben.

Was passiert in El Salvador?

Die Mareros töten gezielt Polizisten. Es gibt auch immer mehr bewaffnete Gruppen im Land, die gegen die Banden kämpfen. Es ist wie damals im Bürgerkrieg. Wer leidet, sind die einfachen Leute, die hart arbeiten. Ich bin beispielsweise um sieben Uhr morgens bei der Arbeit, um 20 Uhr bin ich wieder zuhause, sechs Tage die Woche. Ich verdiene 280 Dollar im Monat. Und dann überfallen sie dich, was machst du dann? Wehrst du dich, töten sie dich.

Vor eineinhalb Monaten haben die Salvadorianer erlebt, wie machtvoll die Gangs sind. Auf Befehl der Maras ist der öffentliche Verkehr zweimal kurz nacheinander still. Acht Busfahrer, die sich nicht an den von den Gangs verordneten Streik hielten, wurden bei der Arbeit erschossen. Die Banden versuchen mit ihrem Terror, die Regierung zu Verhandlungen zu zwingen. Das gelang 2012 schon einmal: Die Mordraten sanken damals von 15 auf 5 Morde pro Tag, nachdem die Regierung den Banden gewisse Zugeständnisse gemacht hatte. Beispielsweise bei den Haftbedingungen. Die Erpressungen der Bevölkerung gingen aber weiter. Der jetzige Präsident kündigte den Waffenstillstand und verschärfte die Haftbedingungen wieder. Am 25. August stufte die Regierung die Maras offiziell als Terroristen ein. Die Reaktion der Gangs kam am übernächsten Tag: 51 Morde – so viele wie noch nie zuvor an einem einzelnen Tag.

Elena* (36), Mittelschicht, guter Job, wohnt in San Salvador und bewegt sich nur im eigenen Auto mit verdunkelter Scheibe fort. Im Bus würde sie nie reisen. Übers Wochenende ist sie mit Freunden ans Meer gefahren. Sie trinken Margarithas, die Kinder ihrer Freunde planschen im Pool. Die Sonnenbrille trägt Elena den ganzen Tag, das Smartphone auch fast.

Kennen Sie Bandenmitglieder?

Nein – oder aber ich weiss es nicht. Im Gegensatz zu früher kannst du sie nicht mehr unterscheiden. Die Mehrheit von ihnen ist nicht mehr sichtbar tätowiert. Sie sind überall.

Was braucht es, um das Problem zu lösen?

Ich glaube, wenn intelligente Leute dieses Land lenken würden, könnte etwas Gutes entstehen. Für die kommenden Generationen bräuchte es Programme, um diese Kultur der Gewalt zu durchbrechen. (Eine Freundin von Elena mischt sich ein): Was tun? Die Todesstrafe einführen, und zwar sofort. Dann würden zwar all die Menschenrechtsaktivisten auf der ganzen Welt aufschreien. Aber wir leben hier und hier sterben jeden Tag unschuldige Menschen. Es ist zu viel. Es sterben mehr Menschen jeden Tag als damals im Bürgerkrieg. In den Gefängnissen gibt es 25-Jährige, die schon 50 Menschen getötet haben. Die werden nicht wieder integriert. Aber die sind da drin, haben Drogen und Mobiltelefone und diktieren weiter, was draussen passiert. Und alle Salvadorianer sind davon betroffen. (Elena nickt)

Sie leben hier.

Ja, und das Leben geht weiter. Wir sind in unseren Häusern, wir gehen zur Arbeit und fahren mal übers Wochenende ans Meer. Ich habe keine Angst, ich bin daran gewöhnt. Aber ich glaube, was jetzt passiert, ist so schlimm wie noch nie. Das ist Krieg.

* Alle Namen aus Sicherheitsgründen geändert.