Frankreich
Heikle Vorwürfe an Präsidentschaftskandidat: So mischt die «Ente» den Wahlkampf auf

Enthüllungen der französischen Satire-Zeitschrift «Canard enchaîné» bringen den republikanischen Präsidentschaftskandidaten François Fillon arg ins Straucheln.

Stefan Brändle, Paris
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Präsidentschaftskandidat Fillon zittert: Woche für Woche kommt der «Canard» mit einer neuen Enthüllung an die Kioske.

Präsidentschaftskandidat Fillon zittert: Woche für Woche kommt der «Canard» mit einer neuen Enthüllung an die Kioske.

KEYSTONE

Alles schien ausgemacht bei den französischen Präsidentschaftswahlen: François Fillon und Marine Le Pen würden Ende April in die Stichwahl kommen. In der zweiten Runde im Mai würde der Konservative dann klar gegen die Ultranationalistin siegen. Doch dann kam die Ente.

Die Zeitschrift «Le Canard enchaîné» («die angekettete Ente»), die ihre Enthüllungen seit dem Ersten Weltkrieg satirisch verbrämt, um der Zensur ein Schnippchen zu schlagen, berichtete, dass der «makellose» Kandidat Fillon seine Ehefrau unter anderem als parlamentarische Assistentin jahrelang angestellt und mit insgesamt 500'000 Euro fürstlich entlöhnt habe. Das war nun keine Satire.

Stets bestens informiert

Einen Tag später trat Fillon zur besten Sendezeit vor die Fernsehkameras und beteuerte, seine Frau Penelope habe für das Geld wirklich gearbeitet. Dann setzte er seinen Wahlkampf fort – bis der «Canard» am folgenden Mittwoch nachlegte: Nun präsentierte die Zeitung Rechnungen von über 900'000 Euro, inklusive 80'000 Euro für die beiden Kinder Fillons. «Dabei sage ich doch, dass Penelope nichts gemacht hat», liess das Wochenblatt Fillon doppelsinnig witzeln.

Da inzwischen auch die Finanzstaatsanwaltschaft wegen Veruntreuung öffentlicher Parlamentsgelder ermittelt, verteidigte sich der konservative Ex-Premier am Montag danach an einer Pressekonferenz. Der Effekt hielt bis zum Mittwoch: Jetzt lieferte die Ente einen «neuen Beweis, dass Fillon einzustecken weiss» – politisch gesprochen, aber auch finanziell.

Das nicht nur gut, sondern am besten informierte Blatt will wissen, dass die Ermittler «keine Spur» dieser angeblich 15 Jahre dauernden Arbeit gefunden hätten. Hingegen habe Penelope auch noch 45 000 Euro als Entlassungsabfindung erhalten.

Die Präsidentschaftskampagne ist damit in der Schwebe: Niemand weiss, ob Fillon den «Canard»-Enthüllungen noch lange standhalten wird. Ein valabler Ersatz ist nicht in Sicht, weshalb die bisher so siegessichere Rechte zwischen zwei Übeln wählen muss: Sie kann das Rennen mit einem geschwächten Fillon oder einem schwachen Ersatzmann fortsetzen. Plötzlich scheint ein Sieg Le Pens oder – derzeit noch wahrscheinlicher – des Mitte- Links-Bewerbers Emmanuel Macron möglich.

Fillon hat Leidensgenossen

Hinter den beiden Gegenspielern ist Fillon in den Umfragen auf Platz drei abgesackt. Ältere Franzosen erinnern sich, wie oft der «Canard» schon Politiker zu Fall gebracht hat. In seiner Trophäensammlung figurieren Präsidentschaftskandidaten wie Jacques Chaban-Delmas oder Valéry Giscard d’Estaing (Letzterer wegen der sogenannten Bokassa-Diamanten), aber auch ehemalige Premierminister wie Alain Juppé, Pariser Bürgermeister wie Jean Tibéri oder Ministerinnen wie Michèle Alliot-Marie.

Die «Opfer» stammen mehrheitlich aus dem bürgerlichen Lager, doch wehrt sich der «Canard» gegen die Einschätzung, er stehe links. In der neusten Ausgabe enthüllt er zum Beispiel die vergeblichen Bemühen Macrons, sich in einer französischen Militärbasis in Jordanien fotografieren zu lassen. Oder den ebenso kläglich gescheiterten Versuch von François Hollande, sich als zukünftiger Präsident des Europäischen Rates ins Spiel zu bringen.

Noch einige Pfeile im Köcher

Früher war Hollande auch schon als einer der zahllosen Informanten des Satire-Blattes gehandelt worden. Die Fillon-Affäre hat vermutlich nicht er dem «Canard» gesteckt. Und wohl auch nicht Ex-Justizministerin Rachida Dati, die sich laut Pariser Medien an Parteifreund Fillon rächen wollte, weil er ihr einen Abgeordnetenposten vorenthalten hatte.

Das Blatt hat für einmal beschrieben, wie es selber begonnen hatte, Fillons Einkommensverhältnisse unter die Lupe zu nehmen – und als der Angefragte abblockte, umso eifriger recherchierte. Deshalb dürfte die so freche wie hartnäckige Zeitung, die keine Werbung abdruckt und seine Auflage binnen zwei Wochen um ein Viertel auf 500'000 Exemplare gesteigert hat, noch einige Pfeile im Köcher haben. Die Fillon-Equipe zittert dem nächsten Mittwoch entgegen.