HEILIGSPRECHUNG: Grosse Ehre für zwei Jahrhundert-Päpste

Sie prägten die katholische Kirche des 20. Jahrhunderts. Am Sonntag werden Johannes Paul II. und Johannes XXIII. heiliggesprochen. In Rom werden bis zu 5 Millionen Pilger erwartet. Doch was bedeutet «heilig» überhaupt?

Robert Knobel
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Papst Johannes XXIII. (1881-1963, links) und Papst Johannes Paul II. (1920-2005). (Bild: Keystone)

Papst Johannes XXIII. (1881-1963, links) und Papst Johannes Paul II. (1920-2005). (Bild: Keystone)

Die Nachricht kam überraschend: Im vergangenen Sommer gab Papst Franziskus bekannt, dass er zwei seiner Vorgänger heiligsprechen wolle. Dabei geht es nicht etwa um längst vergessene Päpste, sondern um zwei der wichtigsten Figuren der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert: Papst Johannes Paul II. (1920–2005) und Papst Johannes XXIII. (1881–1963). Die beiden ­werden am kommenden Sonntag im Rahmen einer Zeremonie in Rom heiliggesprochen. Zu diesem Anlass werden in Rom bis zu 5 Millionen Gläubige erwartet – ein Riesenereignis. Der bisherige vatikanische Besucherrekord steht bei 3 Millionen: So viele reisten zu den Bestattungsfeierlichkeiten von Johannes Paul II. in die Ewige Stadt.

Konservativ und charismatisch

Seit dem Tod von Johannes Paul II. sind neun Jahre vergangen – gewöhnlich lässt sich die Kirche wesentlich mehr Zeit, bis eine Person in den exklusiven Stand der Heiligen versetzt wird. Doch Karol Wojtyla, wie der Pole mit bürgerlichem Namen hiess, ist eben anders. Schon am Tag seiner Beerdigung waren in Rom Sprechchöre zu hören, die «santo subito» forderten – also eine sofortige Heiligsprechung. Für die einen verkörperte er im ausgehenden 20. Jahrhundert zwar die konservative, verkrustete Kirche, die sich von der Gesellschaft entfernt habe. Für seine Anhänger – und das waren viele – war er hingegen das populäre, charismatische Gesicht der Kirche. Er verstand es, die Jugend in seinen Bann zu ziehen und scheute das Rampenlicht nicht.

In Kürze soll Johannes Paul also in den Kreis der Heiligen aufgenommen werden. Doch was bedeutet «heilig» überhaupt? Schon im Frühchristentum wurden bestimmte Personen als «heilig» verehrt, weil sie beispielsweise als besonders tugendhaft galten oder bereit waren, für ihren Glauben zu sterben. Irgendwann wurde dieser Heiligenkult aber derart unübersichtlich, dass Personen nur noch mit vorgängiger Genehmigung des Bischofs verehrt werden durften. Im 10. Jahrhundert sicherte sich der Vatikan dann das alleinige Recht auf Heiligsprechungen.

Bischof Ulrich war der erste

Der erste offiziell von Rom heiliggesprochene Mensch war Bischof Ulrich von Augsburg im Jahr 993. Das hinderte viele Bischöfe allerdings nicht daran, neue Heilige weiterhin in Eigenregie zuzulassen. Das führte zum Kompromiss, dass zumindest die Vorstufe zur Heiligkeit – die Seligkeit – weiter in der Kompetenz der Bischöfe liegen sollte. Selige sind sozusagen Heilige mit rein regionaler Bedeutung. Später riss der Papst auch das Recht für Seligsprechungen an sich, seit wenigen Jahren ist es nun aber eine spezielle Vatikan-Kongregation, die Seligsprechungen vornimmt.

Etwa 1600 Menschen sind im Laufe der Kirchengeschichte offiziell heiliggesprochen worden. Dazu kommen aber noch zahlreiche andere, die teils seit grauer Vorzeit als Heilige verehrt werden, ohne dass ein formaler Akt stattgefunden hätte.

Ärzte überprüfen die Wunder

Im Jahr 1983 wurde das Prozedere der Heiligsprechung grundsätzlich überarbeitet. Die Gremien, die den Prozess leiten, wurden neu geordnet und die Kriterien klar definiert. So ist beispielsweise festgelegt, dass eine Person mindestens zwei Wunder bewirkt haben muss, um heiliggesprochen zu werden. Diese Wunder müssen von Gutachtern, Wissenschaftlern und Ärzten überprüft werden. Eingeleitet wurde diese Reform von Johannes Paul II. – dem Papst, der wie kein anderer vor ihm Heiligsprechungen gleich massenweise vornahm.

50 Schweizer Heilige

483 neue Heilige gab es unter seinem Pontifikat – doppelt so viele wie in den 400 Jahren zuvor. Und das war nur die «Spitze des Eisbergs». Die Zahl der Heiligsprechungsverfahren, die aber nicht zum Ziel führten, war um ein Vielfaches höher. Gemäss dem «Ökumenischen Heiligenlexikon» waren allein im Jahr 1997 rund 1500 Verfahren hängig. Ein einziges Verfahren ist derart aufwendig, dass es mehrere hunderttausend Franken kosten kann. Berappen müssen diese Kosten die Gesuchsteller, meist eine Diözese oder ein Orden. Kein Wunder ist dies eine äusserst lukrative Einnahmequelle für den Vatikan.

Auch die Schweiz hat zahlreiche Heilige – der katholische Mediendienst listet rund 50 Heilige auf, die aus der Schweiz stammen oder hier bedeutend gewirkt haben. Sehen lassen können sich dabei insbesondere das Bündnerland und die Westschweiz. Aus der Zentralschweiz dürfen sich hingegen nur wenige mit diesem Attribut schmücken. Dafür hat unsere Region mit dem «Nationalheiligen» Niklaus von Flüe den mit Abstand bekanntesten. Neben Niklaus von Flüe sind der Einsiedler Meinrad und die Freiämterin Maria Bernarda Bütler heilig (siehe unten).

«Vollkommen vereint mit Christus»

Theologisch gesehen bedeutet der Heiligenstatus eine «vollkommene Vereinigung mit Christus», wie Johannes Paul II. 1983 erklärte. Diese Personen seien dem Vorbild Christi in besonders enger Weise nachgefolgt – mit ihrer Lebensweise oder auch, indem sie ihr Leben für ihren Glauben opferten. Heilige dürfen von den Gläubigen offiziell verehrt werden. Ausserdem darf man sie bitten, bei Gott Fürsprache für bestimmte Anliegen einzulegen.

Nun soll also der Papst, der die Heiligenzahl vervielfachte, selber zu diesen gehören. Das erste erforderliche Wunder wird von einer Ordensschwester berichtet, die von Karol Wojtyla von ihrer Parkinsonkrankheit geheilt worden sein soll. Johannes Paul II. erkrankte später selber an Parkinson. Das zweite Wunder geschah just am Tag der Seligsprechung des Polen am 1. Mai 2011: Eine todkranke Frau in Costa Rica bat den verstorbenen Papst um Hilfe. Ihre überraschende Heilung wurde als Wunder anerkannt.

Kirchenreform für mehr Toleranz

War Wojtyla der charismatische «Papst des kleinen Mannes», hat sein Vorgänger Johannes XXIII. mit einer grossen Kirchenreform Geschichte geschrieben. Schon viele Päpste trugen sich mit dem Gedanken, ein Konzil einzuberufen, doch erst als Johannes XXIII. 1958 sein Amt antrat, machte er mit dem Vorhaben Ernst. Weil er 1963 starb, erlebte er den Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht mehr. Dennoch ist Johannes XXIII. als derjenige Papst in die Geschichte eingegangen, der die Ökumenisierung der Kirche kräftig vorantrieb. Insbesondere definierte die katholische Kirche ihr Verhältnis zu den Juden und den Protestanten neu – im Sinne von deutlich mehr Toleranz als zuvor.

Für einmal auch ohne Wunder

Johannes XXIII. wird ein Heilungswunder an einer Ordensfrau zugeschrieben. Ein zweites, für eine Heiligsprechung notwendiges Wunder, wurde bisher nicht offiziell anerkannt. Doch Papst Franziskus liess im vergangenen Jahr kurzerhand verlauten, dass er für einmal auf diese Bedingung verzichten wolle. Dieser Entscheid hat für Kritik gesorgt – der Vatikan stellt sich aber auf den Standpunkt, dass der Konzil-Papst für die Kirche nicht nur eine überragende Rolle gespielt habe, sondern auch von den Gläubigen längst wie ein Heiliger verehrt wird. Zudem häufen sich offenbar Berichte über Wunder, die Johannes XXIII. bewirkt haben soll.

Debatte um Weltkriegs-Päpste

Dass Heiligsprechungen nicht immer unumstritten sind, zeigt gerade das Beispiel zweier Päpste aus dem 20. Jahrhundert. Der heilige Pius X., der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs starb, wurde für seine aggressive Parteinahme für Österreich kritisiert. Für grosse Debatten bis in die heutige Zeit sorgt auch der «Weltkriegs-Papst» Pius XII., dem vorgeworfen wird, zu den unmenschlichen Taten der Nazis geschwiegen oder sie zumindest nicht entschieden genug verurteilt zu haben. Das eingeleitete Seligsprechungsverfahren für Pius XII. zieht sich denn auch seit 50 Jahren hin – noch wartet man auf das nötige Wunder.

Hinweis

Die Heiligsprechungen werden am Sonntag live aus Rom übertragen: 9.30 Uhr, SRF 1

Segmüller: «Johannes Paul II. war ein grosser Papst»

Bei öffentlichen Anlässen war er nur wenige Schritte vom Papst entfernt, immer um dessen Sicherheit besorgt. In seinem neu erschienenen Buch erzählt der ehemalige Luzerner Nationalrat Pius Segmüller (62), Kommandant der Schweizergarde von 1998 bis 2002, von seinen Erinnerungen an Johannes Paul II.

Pius Segmüller, wer war Papst Johannes Paul II.?

Pius Segmüller: Ich habe ihn bei ganz persönlichen Gebeten erlebt, abseits des Rummels. Johannes Paul II. war ehrlich, aufrichtig und vertrat seinen eigenen Standpunkt. Er war ein grosser Papst.

Seine Standpunkte brachten ihm auch Kritik ein. Rückwärtsgewandt soll er gewesen sein. Verhütungsmittel und Abtreibungen waren ihm ein Graus.

Segmüller: Man muss bedenken, dass die Sexualmoral der katholischen Kirche vor allem uns in Mitteleuropa bewegt. In anderen Ländern sind solche Fragen nicht zentral. Johannes Paul II. war ein Kind seiner Zeit. Man konnte von ihm als Pole nicht verlangen, dass er solche Fragen zum vorherrschenden Thema macht. Ausserdem haben sich bisher auch seine Nachfolger nicht anders zu solchen Fragen geäussert wie er.

Was machte Papst Johannes Paul anders als seine Nachfolger Benedikt und Franziskus?

Segmüller: Ich kenne kritische Journalisten, die wegen Johannes Paul II. zum katholischen Glauben konvertiert sind. Mit seinem Charisma hat er die Leute überzeugen können und so der Kirche zu mehr Glaubwürdigkeit verholfen.

Worauf seine Nachfolger aufbauen?

Segmüller: Richtig. Bildlich gesprochen hat Johannes Paul II. ein neues Gefäss erschaffen. Benedikt hat dieses mit Glaubensinhalten gefüllt und Franziskus reicht es nun an die Gläubigen weiter.

Und wegen dieses Verdienstes soll Johannes Paul II. heiliggesprochen werden?

Segmüller: Nicht nur darum. Er erfüllt die Kriterien, weil er Wunder vollbracht hat. Ausserdem brachte Johannes Paul II. vielen Jugendlichen den Glauben näher. Er ging auf die Menschen zu und umarmte sie.

Eine Eigenschaft, die Sie als Sicherheitsverantwortlicher wohl nicht nur erfreut hat.

Segmüller: Immer wieder verstiess er gegen die Sicherheitsplanung. Er empfing Personen, die wir als gefährlich einstuften. Es gab einige brenzlige Situationen. Bei einer Messe auf dem Petersplatz etwa sprang eine Ordensfrau über die Schranken und rannte auf den Papst zu. Ich warf mich dazwischen.

Hatten Sie Angst um den Papst?

Segmüller: Ja. Vor allem nach dem 11. September 2001. Die Geheimdienste haben mir bestätigt, dass der Papst neben dem damaligen US-Präsidenten Bush die zweitgefährdetste Person der Welt ist. Ich ging zu jener Zeit oft ans Grab von Johannes XXIII., dem Papst meiner Jugend und betete, dass nichts Schlimmes passiert.

Wie ging Johannes Paul II. mit dem Thema Sicherheit um?

Segmüller: Er kümmerte sich nicht darum. Es hätte ihm wohl auch nichts ausgemacht, als Märtyrer zu sterben. Das Attentat von 1981 zum Beispiel ging spurlos an ihm vorüber. Wenn ich oder andere Gardisten ihn zur Vorsicht mahnten, sagt er nur: «Non abbiate paura» – «Habt keine Angst».

Wie gut war Ihr Verhältnis zum Papst?

Segmüller: Es war eine herzliche Beziehung. Wir haben vielleicht zwei oder drei Mal pro Jahr persönliche Gespräche, abseits der Arbeit, geführt. Bei jedem Treffen fragte er mich, wie es meiner Familie geht. Er war eine umkomplizierte Person. Der Mensch war ihm wichtiger als die Formalitäten.

Haben Sie den Papst geduzt?

Segmüller: Nein. Soweit ging es dann doch nicht. Ich sprach ihn mit Herrn Papst oder mit «Heiliger Vater» an. Auf eine korrekte Bezeichnung hat Johannes Paul II. aber nie Wert gelegt.

Reisen Sie am Sonntag nach Rom?

Segmüller: Ich schaue mir die Feier am Fernsehen an. Wenn ich das nächste Mal in Rom bin, werde ich aber bestimmt sein Grab besuchen.

 

Hinweis

Pius Segmüller: «Im Dienste des Heiligen». Paulusverlag, 2014, für zirka 29 Franken im Buchhandel erhältlich.

Heilige aus unserer Region:

Meinrad

797–861
Einsiedeln SZ
Heiliggesprochen: Meinrad wurde von Anfang an als Heiliger verehrt, was von der Kirche später übernommen wurde. Gedenktag: 21. Januar und 7. Oktober

Leben: Lebte zunächst als Mönch auf der Insel Reichenau und wurde später Eremit in einer Waldlichtung (dem späteren Einsiedeln).

Die Wunder: 861 wurde Meinrad von zwei Räubern erschlagen, denen er zuvor Gastfreundschaft gewährt hatte. Der Legende nach verfolgten zwei Raben die Mörder bis nach Zürich, wo diese vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt wurden.

Niklaus von Flüe

1417–1487
Sachseln OW
Heiliggesprochen: 1947. Gedenktag: 25. September

Leben: Im Volksmund Bruder Klaus genannt, verliess der Obwaldner Bauer seine Familie, um Einsiedler zu werden. Er liess sich in der Ranftschlucht nieder, ganz in der Nähe seiner Familie. Er soll sich während Jahren nur von Wasser und Hostien ernährt haben. Schon zu Lebzeiten pilgerten zahlreiche Gläubige zu ihm, um Rat zu holen. Zudem spielte er als Vermittler in politischen Streitigkeiten eine wichtige Rolle.

Die Wunder: Im Jahr 1940 soll Bruder Klaus einen deutschen Angriff auf die Schweiz abgewendet haben. Über dem Dorf Waldenburg soll eine leuchtende, abwehrende Hand erschienen sein, die man Bruder Klaus zuordnete. Wenige Jahre zuvor wurde zudem eine Spontanheilung einer gelähmten Frau dem Wirken Bruder Klaus’ zugeschrieben.

Maria Bernarda Bütler

1848–1924
Auw AG
Heiliggesprochen: 2008, Gedenktag: 19. Mai

Leben: Im Freiamt geboren, trat sie ins Kloster Altstätten SG ein. Später ging sie als Missionarin nach Ecuador. Dort wirkte sie mit grossem Elan im Sozialbereich, brachte christliche Gemeinschaften zum Blühen und sorgte für die Ausbreitung ihrer Ordensgemeinschaft. 1895 ging sie nach Kolumbien, wo sie die Kongregation der Franziskaner-Missionsschwestern von Maria Hilf gründete.

Die Wunder:
1967 wurde einem Kind, das an einem Hirntumor erkrankt war, ein Bildnis von Bernarda Bütler auf den Kopf gelegt. Am nächsten Tag war das Bild verschwunden – der Tumor ebenfalls. Ein zweites Wunder soll Bernarda 2002 bewirkt haben, als eine todkranke Frau in Kolumbien innert weniger Tage gesund wurde.
 

Das Verfahren der Heiligsprechung

  • Privatpersonen oder ein Bistum stellen den Antrag, eine verstorbene Person seligzusprechen.
  • Der zuständige Bischof zieht detaillierte Erkundigungen über die Person ein: Lebenswandel/Tugendhaftigkeit. Theologische Prüfung allfälliger Schriften. Untersuchung von Wundern, die durch die Person ausgeübt wurden.
  • Die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen prüft das Gesuch.
  • Die Kongregation spricht die Person selig.
  • Antrag auf Heiligsprechung.
  • Die Kongregation leitet das Heiligsprechungsverfahren ein und erstellt einen detaillierten Bericht.
  • Prüfung des Gesuchs durch ein Konsortium von Kardinälen, ein Bischofsgremium und Theologen: Im Zentrum steht die Über prüfung der Wunder. Dazu werden auch Wissenschaftler und Ärzte beigezogen. «Gerichtsprozess»: Ein «Advokat des Teufels» muss gegen die Heiligsprechung argumentieren, ein «Advokat Gottes» dafür. Stimmen die Gremien mehrheitlich für die Heiligsprechung, geht der Antrag zum Papst.
  • Der Papst spricht die Person heilig.