Winter

Heizung als Stromfresser: Frankreich stemmt sich gegen den Blackout

Wegen einer Kältewelle und Wartungsarbeiten am AKW-Park appelliert die Regierung zum Stromsparen.

Stefan Brändle, Paris
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Frankreich kann zurzeit nicht genügend Atomstrom produzieren.DasReuters

Frankreich kann zurzeit nicht genügend Atomstrom produzieren.DasReuters

REUTERS

Frankreichs Energieministerin Ségolène Royal hat derzeit nur Augen für das Thermometer. Sinkt es um ein Grad, schnellt der Stromverbrauch in die Höhe. Und derzeit liegen die Temperaturen mehrere Grad unter dem Durchschnitt. Das Atomstromland Frankreich ist nicht in der Lage, genug Elektrizität zu produzieren.

Die Kälte herrscht zwar auch anderswo in Europa. Aber in Frankreich hat sie stärkere Auswirkungen auf den Stromverbrauch: 39 Prozent der Wohnungen und Häuser heizen elektrisch. Das ist eine Folge der französischen Energiepolitik, die seit den Siebzigerjahren zu grossen Teilen auf dem nationalen AKW-Park beruht. In Frankreich herrschte bisher der Glauben vor, dass der Strom aus der Steckdose sozusagen unerschöpflich, auf jeden Fall spottbillig sei. Deshalb richteten viele Hausbesitzer keine richtige Zentralheizung ein, sondern begnügten sich mit Elektroradiatoren. Und die verschlingen im Winter gewaltige Mengen an Strom.

Ausfall droht in der Normandie

Ein zusätzliches Kältegrad entspricht der Leistung von zwei Atomreaktoren. Deren 58 sind in Frankreich im Betrieb – im Prinzip. Ein halbes Dutzend sind aber derzeit wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet. Jetzt, wo der Landesverbrauch auf über 90 000 Megawatt steigt, fehlen die sechs Meiler, die zusammen auf 6400 Megawatt kommen. Grosspannen drohen zum Beispiel in der Region Normandie, wo die Atomkraftwerke seit Monaten im roten Bereich produzieren und mehrere tausend Haushalte ohne Strom sind. Aus einer regionalen Panne könnte eine Kettenreaktion entstehen. Der Stromtransporter RTE warnt: «Von Dienstag bis Freitag sind die verfügbaren Margen reduziert.» Der Radiosender RTL fasst das in eine griffigere Frage: «Droht Frankreich ein Blackout?»

Importe aus der Schweiz

RTE (Réseau de transport d’électricité) hält die Versorgung zumindest am Dienstagabend für gewährleistet. Die fehlenden 6000 Megawatt werden auf verschiedene Weise zusammengekratzt. Den Hauptteil liefern Stromimporte aus Deutschland, der Schweiz oder Spanien. Normalerweise produziert Frankreich einen Überschuss an Atomstrom und führt ihn aus. Wenn es aber kalt wird in Europa, kehrt der «Stromlastfluss».

Mehrere französische Atomkraftwerke haben angekündigt, anstehende Wartungsarbeiten aufzuschieben. Das soll «ein Maximum der Produktionskapazität ermöglichen», teilte das AKW in Nogent-sur-Seine östlich von Paris mit. Dazu hat Ségolène Royal prophylaktisch schon im Dezember eine Kampagne zum Stromsparen lanciert. «Ich fülle meine Waschmaschine und meinen Geschirrspüler besser», instruiert sie, oder: «Ich ziehe mich wärmer an und senke die Zimmertemperatur um ein oder zwei Grad.» Teekessel, Kaffeemaschinen oder Lifte sollen unbenützt bleiben. Die Franzosen sollen also das Treppensteigen neu entdecken.

Hohe Entschädigungen

Dank Stromimporten und Sparverhalten hofft RTE die Engpässe am Morgen und um die Nachtessenszeit zu überstehen. Für Notfälle hat sie weitere Massnahmen im Köcher. Mit zwei Dutzend Industriebetrieben, die wie das Aluminiumwerk in Dünkirchen besonders stromintensiv arbeiten, haben die Behörden Abkommen geschlossen: Droht ein Blackout, können sie binnen Sekunden den Verbrauch herunterfahren. Das würde auf einen Schlag 1500 Megawatt einsparen, müsste von RTE aber auch im Umfang von 100 000 Euro entschädigt werden.

Im Notfall könnte das Staatsunternehmen auch die Netzspannung senken. Das hätte aber nur zur Folge, dass die Herdplatten etwas weniger heiss würden, liess RTE-Chef François Brottes verlauten.