20 Jahre Deutsche Einheit
Helmut Kohl – allein gegen alle

Nach dem Mauerfall forciert der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl die deutsche Wiedervereinigung, doch die Grossmächte blockieren Kohls Projekt. Wer Kohl damals im Wege stand.

Christian Nünlist
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20 Jahre Deutsche Einheit
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Deutsche Einheit am 4. Januar 1990 bei Mitterand

20 Jahre Deutsche Einheit

3. Oktober 1990. Um Mitternacht wird in ganz Deutschland die Wiedervereinigung gefeiert. Kanzler Helmut Kohl erinnert sich später: «Wir haben es geschafft. Ohne Krieg und ohne Tote und ohne Blutvergiessen ist das einige deutsche Vaterland wiedergekommen. Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können.» Die Wiedervereinigung war tatsächlich ein historischer Glücksfall. Vom Fall der Berliner Mauer bis zur deutschen Einheit vergehen nur gerade 329 Tage. Neue Dokumente belegen, dass Deutschlands Nachbarn nach dem Mauerfall höchst irritiert waren und die deutsche Wiedervereinigung verhindern wollten.

Margaret Thatcher ist entsetzt

Insbesondere die britische Premierin Margaret Thatcher ist eine erbitterte Gegnerin Deutschlands. «Wir wollen die deutsche Wiedervereinigung nicht», bekennt Thatcher gegenüber Michail Gorbatschow, mit der Bitte, das nicht zu protokollieren. Sie ist «schlicht entsetzt», als sich die deutschen Parlamentarier am Abend des 9.November 1989 von ihren Sitzen erheben, um «Deutschland über alles» zu singen. Auf einem EG-Sondergipfel in Strassburg stellt die Eiserne Lady kurz darauf klar, dass die Wiedervereinigung zurzeit nicht diskutiert werden solle. Thatcher giftet: «Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen! Jetzt sind sie wieder da.» Kohl weiss nun, dass seine europäischen Verbündeten gegen die Einheit sind.

Kohl wagt den Alleingang

Umso erstaunlicher ist sein nächster Schritt: Am 28. November 1989 stellt Kohl im Bundestag einen 10-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung vor, ohne vorher die Alliierten oder seine eigene Regierung unterrichtet zu haben. Auch US-Präsident George H.W. Bush erhält den Text erst zeitgleich mit der Verkündung im Bundestag. Bush ist konsterniert. Er hat Kohl eben erst davon abgeraten, über die Wiedervereinigung zu reden.

Auch Gorbatschow ist wütend. «Kohl geht zu schnell voran», beklagt er sich kurz darauf bei Bush auf Malta. Seinen Zorn lässt er am 5. Dezember Aussenminister Hans-Dietrich Genscher in Moskau spüren. Gorbatschow fühlt sich verraten. Alles, was Kohl ihm bisher zugesichert habe, gelte offensichtlich nicht mehr. Aussenminister Schewardnadse wirft Kohl die direkte Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR vor und ergänzt: «Selbst Hitler hat sich so etwas nicht geleistet.» Auch Gorbatschow ist sauer. «Kohl behandelt die DDR-Bürger schon wie seine Untertanen», tobt er und warnt: «Kohls 10-Punkte-Plan ist ein politischer Fehler. Wir können das so nicht hinnehmen.»

Mitterrands dubiose Rolle

Irritationen gibt es auch in Paris. Kohl bezeichnet Präsident François Mitterrand stets als seinen «besten Freund in Europa»; bei der Trauerfeier für Mitterrand 1996 weint Kohl gar. Doch britische Archivquellen lassen vermuten, dass Mitterrand 1989/90 eine äusserst dubiose Rolle spielte, fast schon ein Doppelspiel. Mitterrand kommentiert die TV-Bilder von den tanzenden Berlinern auf der Mauer offenbar mit den Worten: «Diese Menschen spielen mit einem Weltkrieg!» Sein Berater Jacques Attali warnt Genscher: «Entweder wird die deutsche Vereinigung nach der europäischen Vereinigung hergestellt oder Sie haben ein Dreierbündnis Frankreich, Grossbritannien, Russland gegen sich, und das Ganze endet als Krieg.»

Mitterrand ist auch erbost über Kohls Vorpreschen mit dem 10-Punkte-Plan. Er empfindet es als Vertrauensbruch. Bei Treffen mit Thatcher flackert auch beim französischen Präsidenten eine Prise Germanophobie auf. «Kohl spielt ein gefährliches Spiel. Wir dürfen nicht vergessen, wie Europa 1937 explodierte», so Mitterrand.

Das Spiel seines Lebens

Der britische Botschafter in Bonn, Christopher Mallaby, meldet seiner Regierung: «Kohl spielt das Spiel seines Lebens, mit hohem Risiko. Wenn er es richtig spielt, kann er als Kanzler der Einheit in die Geschichte eingehen. Aber nur ein falscher Tritt, und er kann alles verlieren.» – Ende 1989 sieht es danach aus, als ob Kohl mit seinem raschen Voranstürmen in Richtung Wiedervereinigung nicht nur Moskau, sondern auch Washington, London und Paris vor den Kopf gestossen hat. Wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer ist das siegreiche westliche Bündnis bereits hoffnungslos zerstritten.