HELMUT KOHL: Unvollkommenes Glück

Er geht als Einheitskanzler in die Geschichte Deutschlands ein. Privat ist sein Leben zerrüttet. Daran habe seine zweite Frau Schuld, heisst es. Die hat sich nun erstmals geäussert.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Seit 2008 sind Helmut Kohl (84) und Maike Kohl-Richter (50) verheiratet. Das Bild entstand im Mai in Oggersheim bei Ludwigshafen. (Bild: AP/Daniel Roland)

Seit 2008 sind Helmut Kohl (84) und Maike Kohl-Richter (50) verheiratet. Das Bild entstand im Mai in Oggersheim bei Ludwigshafen. (Bild: AP/Daniel Roland)

Das Bild, das von den Medien von Helmut Kohls zweiter Ehefrau Maike Kohl-Richter gezeichnet wird, ist oft kein schmeichelhaftes: Sie schotte den alt Kanzler von ehemaligen Weggefährten ab, heisst es. Selbst Kohls Söhne aus erster Ehe, Walter und Peter Kohl, dürften das Haus des mächtigen Zweizentnermannes aus der Pfalz nicht mehr betreten. Das gilt auch für Eckhard Seeber, der 46 Jahre lang Kohls Fahrer war und bei der Familie ein und aus ging. Maike Kohl-Richter, 50 Jahre alt und damit 34 Jahre jünger als ihr Gatte, liebe ihren Mann nicht, sie wolle nur Besitz von ihm ergreifen. «Ich weiss nicht, ob das eine Beziehung im klassischen Sinne ist», erinnert sich Sohn Walter Kohl an eines der wenigen Treffen mit der neuen Frau an der Seite seines Vaters. «Jedes Gespräch war auch eine Lobhudelei über meinen Vater, ihre Berliner Wohnung war voller Bilder und Andenken an Helmut Kohl.» Es sei ihm vorgekommen, fügte der jüngere Sohn Peter hinzu, als laufe «eine Propagandasendung über meinen Vater ab».

Eiserne Lady oder fürsorgliche Frau?

Ist Maike Kohl-Richter eine kühle Frau mit Kalkül, die einen willenlosen kranken Mann in ihren Klauen hält? Zu den Vorwürfen hat sie bislang immer geschwiegen. Ist sie nicht vielleicht vielmehr die fürsorgliche, liebevolle Frau, die ihr ganzes Leben aufopfert für die Pflege eines Mannes, der seit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma 2008 auf den Rollstuhl angewiesen ist? Dessen Sprachzentrum und die rechte Körperhälfte beeinträchtigt, der aber intellektuell im Vollbesitz seiner Kräfte ist? Helmut Kohl selbst sagte 2012 über seine zweite Frau: «Ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben.»

«Das ist eine absurde Geschichte»

In einem Interview mit der «Welt am Sonntag» hat Maike Kohl-Richter, seit 2008 mit Kohl verheiratet, nun erstmals ihr Schweigen gebrochen. Sie offenbart, dass es sie verletze, wenn ihr unterstellt werde, sie sperre ihren Mann weg und entscheide, wen er sehen darf und wen nicht. Der Verdacht, eine Obsession treibe sie an, sei völlig falsch. «Ich war kein Groupie, ich stehe nur unter Groupie-Verdacht», sagt sie. «Dieses schlichte Bild einer Frau, deren ganzes Lebensziel darin bestanden haben soll, an Helmut Kohl heranzukommen. Das ist eine absurde Geschichte. Und sie ist so lebensfern.» Und: «Ich bin nicht in Helmut Kohls Leben getreten mit dem Anspruch, sein Leben zu verändern und mir Platz zu verschaffen.» Bei einigen in Kohls Umfeld habe «ihre blosse Existenz Ängste» ausgelöst, «dass ich ihnen etwas wegnehmen könnte, auf das sie glaubten einen Anspruch zu haben.»

Maike Kohl-Richter versucht nicht nur ihr eigenes, sondern auch jenes Bild zu korrigieren, das die Medien von ihrem Mann zeichnen. Deutschland habe ihm, dem Einheitskanzler, unglaublich viel zu verdanken. Dass ihr Mann nach der Spendenaffäre Ende der 90er-Jahre öffentlich demontiert worden sei, sei der Versuch aus dem linken Lager gewesen, ihn zu kriminalisieren. Ihr Mann habe sich nie persönlich bereichert.

Privat bleibt die Einheit aus

Helmut Kohls erste Frau Hannelore hatte sich 2001 das Leben genommen, die beiden waren zuvor 53 Jahre lang zusammen. Davon und von der Spendenaffäre habe sich Kohl bis heute nie erholt, sagen Freunde des alt Kanzlers. 2005 trat der bei Ludwigshafen lebende CDU-Mann erstmals mit Maike Richter an seiner Seite in der Öffentlichkeit auf. 1994 bis 1998 hatte sie als Referentin im Kanzleramt gearbeitet, wo sie Helmut Kohl kennen lernte. Nach dem schweren Sturz Kohls 2008 und der Hochzeit im selben Jahr kam es zum Zerwürfnis mit alten Weggefährten und seinen Söhnen.

Heute strahle er wieder Freude und Lebenskraft aus, schildern Leute, die Zugang zu ihm haben. Manchmal sei sogar in Lächeln in seiner versteinerten Miene zu erkennen. Doch Helmut Kohls privates Glück scheint nicht vollkommen zu sein. Peter Kohl sagte einmal, dass sich sein Vater sehr gefreut habe, als er ihn 2011 mit seiner Tochter spontan und bis heute zum letzten Mal besucht habe. Dennoch habe ihm sein Vater gedeutet, das Haus schnell wieder zu verlassen. «Sonst gibt es wieder Ärger», soll Kohl zu seinem Sohn gesagt haben.

Auch nach dem Interview mit Maike Kohl-Richter bleiben die Hintergründe für den Bruch mit Weggefährten und Freunden schleierhaft und die Wahrheit im Verborgenen. «Es ist seltsam», schrieb letztes Jahr das Magazin «Stern», «aber so sehr es Helmut Kohl im Grossen gelungen ist, eine Einheit zu erschaffen, so wenig ist sie ihm bislang im Privaten geglückt.»