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Tory-Wahl in Grossbritannien: Herr Johnson und sein chaotisches Privatleben

Boris Johnson, Favorit bei der kommenden Wahl des neuen Tory-Chefs, steht nach jüngsten Skandalen unter schwerem Beschuss. Das verspricht ein spannendes Duell um die Nachfolge von Theresa May.
Sebastian Borger, London
Johnson musste sich am Samstag in Birmingham unangenehmen Fragen stellen. (Bild: Christopher Furlong/Getty)

Johnson musste sich am Samstag in Birmingham unangenehmen Fragen stellen. (Bild: Christopher Furlong/Getty)

Stellt sich der Favorit doch noch selbst ein Bein? Nach einem Wochenende voller unerfreulicher Schlagzeilen scheint Boris Johnsons reibungsloser Aufstieg zum nächsten britischen Premierminister und Nachfolger von Theresa May keineswegs gewährleistet. Ein lautstarker nächtlicher Streit des Spitzenpolitikers mit seiner 24 Jahre jüngeren Freundin hat Zweifeln am Charakter des 55-Jährigen neue Nahrung gegeben. Zudem häuft sich die Kritik an Johnsons mangelnder Sattelfestigkeit in Detailfragen, nicht zuletzt bei der Lösung des Brexit-Dilemmas. «Boris muss zeigen, dass er schwierige Fragen beantworten kann», findet sein letzter verbliebener Konkurrent, Aussenminister Jeremy Hunt.

Am frühen Freitagmorgen alarmierte ein Nachbar von Carrie Symonds im Süd-Londoner Stadtteil Camberwell die Polizei: Aus der Nebenwohnung, welche die 31-Jährige seit einem halben Jahr mit Johnson teilt, sei ein lautstarker Streit mit schrillem Geschrei, gefolgt von plötzlicher Stille, zu hören gewesen; auf mehrfaches Klopfen an der Wohnungstür habe das Paar nicht reagiert. Eine Streife sah umgehend nach dem Rechten und überzeugte sich davon, dass zwischen Johnson und Symonds Frieden eingekehrt war.

«Wie ist es um Ihren Charakter bestellt?»

So weit, so unspektakulär – hätte der Nachbar nicht die Auseinandersetzung auf seinem Mobiltelefon mitgeschnitten und der bedeutenden Tageszeitung «Guardian» zugespielt. Ausser einer Reihe von Schimpfwörtern ist darauf nach Darstellung der Zeitung folgende Anschuldigung Symonds’ gegen ihren Partner zu hören, der gerade ein Rotweinglas auf ihrem Sofa verschüttet hatte: «Du nimmst auf nichts Rücksicht, weil Du verwöhnt bist. Du kümmerst Dich weder um Geld noch um sonst irgendwas.»

Ausgerechnet am Tag nach dieser Verletzung seiner Privatsphäre musste Johnson im Kongresssaal von Birmingham bei der ersten von 16 geplanten Regionalversammlungen seiner konservativen Partei auftreten. Kaum hatte der Kandidat auf dem ebenso elegant wie unbequem aussehenden Designersessel Platz genommen, konfrontierte ihn schon der Moderator mit der Causa. Es folgten Fragen wie «Warum musste bei Ihnen nachts die Polizei erscheinen?» oder «Wie ist es um Ihren Charakter bestellt?». Schlechtgelaunt blockte Johnson alles ab, beschwerte sich später auf offener Bühne beim Moderator über die «ziemlich feindseligen» Fragen aus dem Publikum. Unter anderem kam die Bemerkung des damals noch als Aussenminister amtierenden Johnsons zur Sprache, wonach die Wirtschaftswelt beim Brexit nichts mitzureden habe. Und wieder wählte Johnson dabei ein derbes, im englischen Sprachraum oft verwendetes Schimpfwort.

Einer Blitzumfrage der Firma Survation zufolge haben die privaten Schwierigkeiten des Politikers, der in Scheidung von der Mutter seiner vier ehelichen Kinder lebt und zudem Vater von mindestens einem ausserehelichen Kind ist, seinen Vorsprung vor Hunt von 27 auf 11 Prozent schrumpfen lassen.

Der aktuelle Aussenminister unterstützte seinen Konkurrenten zwar bei der Wahrung der Privatsphäre, kritisierte Johnson aber für dessen Weigerung, in dieser Woche an TV-Debatten teilzunehmen: «Ich weiss, dass er Steuererleichterungen für Reiche befürwortet, und würde gern zu anderen Themen Details hören.» Tatsächlich hat sich Johnson von seinem ungeschickt in die Debatte geworfenen Vorschlag, den Einkommensteuersatz von Besserverdienenden zu senken, bereits wieder distanziert. Viel schwerer wiegt, dass seine Äusserungen zum Brexit teils unklar, teils unwahr sind. Johnson will nach der Amtsübernahme mit den EU-Partnern über eine Neuformulierung des Austrittsvertrages verhandeln, was diese aber strikt ablehnen.

Hunt gibt sich als Mann der Vernunft

Notfalls solle das Land am 31. Oktober ohne Austrittsvereinbarung («No Deal») ausscheiden. Das sei gar nicht so schlimm, behauptete der Kandidat in Birmingham: Über den Freihandelsvertrag mit dem Kontinent sowie die irische Grenze könne man «in der Übergangsfrist» sprechen. Dieser höchstens bis Ende 2022 dauernde Zeitraum ist im Austrittsvertrag enthalten, worauf Vizepremier David Lidington hinwies: «No Deal bedeutet keinen Austrittsvertrag und also auch keine Übergangsfrist.»

Johnsons Widersacher Hunt präsentiert sich stets als Mann der Vernunft. Die EU werde ihn zumindest anhören, wenn er neue Pläne vorlege, die eine Chance hätten, durchs Parlament zu kommen, prophezeite er. Einen EU-Austritt ohne Abkommen will er möglichst vermeiden, aber nicht ausschliessen. Ob er die Mehrheit der konservativen Parteimitglieder mit dieser Botschaft überzeugen kann, bleibt fraglich. Die Wahl durch die Parteimitglieder findet im kommenden Monat statt. Das Ergebnis soll bis Ende Juli bekannt sein.

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