Indonesien: Hilfe ist eingetroffen

Die Zahl der Todesopfer bei der Tsunami-Katastrophe in Indonesien hat sich weiter erhöht. Die Zeit, um in den Trümmern noch Überlebende zu finden, wird immer knapper.

Ulrike Putz, Singapur
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Rettungskräfte suchen unter den Trümmern eines Hotels nach Überlebenden.Bild: Ulet Ifansasti/Getty (Palu, 1. Oktober 2018)

Rettungskräfte suchen unter den Trümmern eines Hotels nach Überlebenden.
Bild: Ulet Ifansasti/Getty (Palu, 1. Oktober 2018)

In den Hügeln über der indonesischen Stadt Palu röhrten am Montag die Bagger. Neben einem örtlichen Friedhof hoben sie eine 10 mal 100 Meter lange Grube aus: Ein Massengrab, in dem bis zu 1300 Opfer der Doppelkatastrophe beigesetzt werden sollen, die die Insel Sulawesi am Freitag heimgesucht hatte. Gegen sechs Uhr abends hatte ein schweres Erdbeben die Westküste der Insel erschüttert, etwa eine Stunde später verwüstete ein Tsunami weite Teile der 350000-Einwohner-Stadt Palu. Mit dem Handy gefilmte Bilder zeigen, wie eine stellenweise bis zu sechs Meter hohe Wand aus Wasser auf den Strand zubrandet und Häuser, Autos, Bäume und auch Menschen mitreisst.

Am Montag lag die Zahl der namentlich bekannten Opfer bei 844. Es war jedoch bereits klar, dass wesentlich mehr Opfer starben. Viele der in Plastikplanen verpackten Leichen, über die in dem Massengrab Erde geschoben wurde, konnten vor ihrer ­Bestattung nicht identifiziert werden. Angestellte des örtlichen Leichenschauhauses machten deshalb Fotos der Toten, damit Angehörige später ihr Grab finden können, berichteten einheimische Journalisten vor Ort. «Die Bestattungen müssen aus Gesundheitsgründen so schnell wie möglich vorgenommen werden», sagte Willem Rampangilei, Chef der indonesischen Katastrophenschutzbehörde.

Schwierige Rettungsarbeiten

Es dürfte noch Tage dauern, bis das wahre Ausmass der Zerstörung und endgültige Opferzahlen feststehen dürften. In Stadtteilen wie Petobo habe sich die Erde während des Bebens buchstäblich «verflüssigt», sagte Sutopo Purwo Nugroho, Sprecher der Katastrophenschutzbehörde.

Auch unter den Trümmern eines Hotels in Palu werden noch 50 bis 60 Gäste befürchtet. Weil das Beben und die Welle sowohl die Strom- als auch die Telefonnetze zerstört hatten, war es am Wochenende nicht gelungen, mit zwei in der Nähe des Epizen­trums gelegenen Küstenorten in Kontakt zu treten. Am Montag erreichten erste Hilfskräfte das 300000 Einwohner grosse Donggala und berichteten, dass ganze Stadtteile nur noch Trümmerwüsten seien. Das Justizministerium teilte mit, dass während des Bebens drei Gefängnisse in der Region zerstört worden seien. Die 1425 Insassen seien geflohen.

Die Bergungsarbeiten werden noch Tage dauern. Bild: EPA (Palu, 1. Oktober 2018)

Die Bergungsarbeiten werden noch Tage dauern. Bild: EPA (Palu, 1. Oktober 2018)

Die Rettungsarbeiten gestalten sich äusserst schwierig, weil alle Zufahrtsstrassen von Trümmern blockiert sind und der örtliche Flughafen schwer beschädigt wurde. Schweres Gerät zur Bergung Verschütteter traf erst am Montag in Palu ein. Bis dahin hatten Überlebende mit blossen Händen in den Trümmern nach Überlebenden gesucht. Die Armee hatte am Wochenende Medikamente und Notrationen per Hubschrauber in die Stadt gebracht. Dringend benötigt würden jedoch auch Notunterkünfte, sagte ein Sprecher der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IFRC). Allein in Palu seien 48 000 Menschen obdachlos geworden. Das IFRC versuche nun, Feldküchen und Zelte per Boot anzulanden. Die Versorgungslage in der Stadt war am Montag kritisch. Einwohner standen stundenlang für sauberes Trinkwasser, Lebensmittel und Benzin an. Viele Überlebende versuchten sich zu versorgen, indem sie zerstörte Supermärkte plünderten.

Unterdessen wächst die Kritik an der Arbeit der indonesischen Katastrophenschutzbehörde. Nachdem beim Jahrhundert-Tsunami Weihnachten 2004 allein in Indonesien mindestens 120'000 Menschen starben, hatte der Inselstaat wie andere Anrainer des Indischen Ozeans ein Tsunami-Frühwarnsystem installiert. Als am Freitag um 18 Uhr das Beben der Stärke 7,5 Sulawesi erschütterte, löste das aus Bojen und am Meeresboden verankerten Sensoren bestehende System tatsächlich Alarm aus.

Doch prognostizierte es eine Welle von voraussichtlich nur 50 Zentimeter Höhe. Um 18.36 Uhr gab die Behörde deshalb Entwarnung. Hunderte Menschen kehrten an den Strand von Palu zurück, wo am Abend ein Musik­festival stattfinden sollte. Etwa 30 Minuten später traf dann ein stellenweise bis zu sechs Meter hoher Tsunami auf Land.

Schweiz schickt Experten

Die Humanitäre Hilfe des Bundes hat am Montagabend ein Einsatzteam in die Region um die Stadt Palu in Zentral-Sulawesi geschickt. Wie das Aussendepartement (EDA) mitteilt, gehören dem Team sieben Experten aus den Bereichen Medizin, Trinkwasser und Hygiene, Bau (Notunterkunft) sowie Sicherheit und Logistik an. Sie sollen abklären, welche Hilfe am dringendsten benötigt wird. Die Humanitäre Hilfe des Bundes, die bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit angesiedelt ist, hatte der indonesischen Regierung gleich am Samstag ihre Hilfe angeboten. Wie das EDA weiter mitteilt, gibt es aktuell keine Hinweise auf Schweizer Opfer. Hilfe leistet auch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK). Einer Mitteilung zufolge unterstützt es die Nothilfe des Indonesischen Roten Kreuzes, das mit über 175 Helferinnen und Helfern vor Ort ist, mit 500000 Franken. (gjo)

Eine Bewohnerin der Insel Sulawesi spaziert am aschespeienden Vulkan Soputan vorbei. (Bild: EPA/UNGKE PEPOTOH)
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Eine riesige Aschenwolke über dem Vulkan Soputan. (Bild: AP Photo/Yehezkiel Dondokambey)
Noch ordneten die Behörden keine Evakuationen an. (Bild: AP Photo/Yehezkiel Dondokambey)
Der Vulkan Soputan sprüht Asche bis zu vier Kilometer in die Luft. (AP Photo/Hetty Andih)
Der Vulkan Soputan liegt im Nordosten von Sulawesi, mehrere Hundert Kilometer vom Gebiet der Tsunami-Katastrophe entfernt. In den vergangenen Jahren war er immer wieder ausgebrochen. (Bild: EPA/BNPB / HANDOUT)
Eine Bewohnerin von Zentral-Sulawesi auf der Suche nach brauchbaren Materialien am Strand. Kasma floh bergaufwärts mit ihren zwei Kindern vor dem Tsunami, der ihr Haus zerstörte. (Bild: EPA/MAST IRHAM)
Das Meer umringt ein Gebäude in Talise, Palu (Bild: EPA/HOTLI SIMANJUNTAK/EPA-EFE)
Sa'adon Lawira hält die Katze seines Enkelsohns. Der Grossvater fand den leblosen Körper seines Enkels dank dem Miauen der Katze und den Trümmern seines Hauses in Palu. (Bild: AP Photo/Dita Alangkara)
Ein zerstörtes Spielzeug auf der Insel Sulawesi in Indonesien. (EPA/MAST IRHAM)
Helfer und Mitarbeiter des Militärs bringen Hilfsgüter an Land. (EPA/MADE NAGI)
Menschen stehen bei einer Tankstelle an, um Benzin zu erhalten. (EPA/MAST IRHAM)
Ein Schiff ist mit dem Tsunami an Land gestrandet. (AP Photo/Tatan Syuflana)
Ruine eines zerstörten Einkaufszentrums in Palu. (AP Photo/Tatan Syuflana)
Einwohner betrachten das Ausmass der Zerstörung in Palu. (AP Photo/Tatan Syuflana)
Überall liegen Trümmerteile und diverse Verkehrsmittel umher. (AP Photo/Tatan Syuflana)
Eine Drohnenaufnahme zeigt die zerstörte Moschee. (EPA/STR)
Überlebende werden medizinisch versorgt. (EPA/Mast Irham)
Rettungskräfte bergen eine Überlebende. (AP Photo/Arimacs Wilander)
Bergung eines Opfers aus den Trümmerteilen eines zerstörten Gebäudes. (AP Photo/Tatan Syuflana)
Gerangel um Treibstoff bei einem Tankwagen. (EPA/Must Irham)
Die Warteschlange für den benötigten Treibstoff ist lang. (EPA/Mast Irham)
Aus dem zerstörten Einkaufszentrum werden Güter abtransportiert. (EPA/Must Irham)
Übersicht der Zerstörung in Talise Beach, Palu. (EPA/Must Irham)
Ein Automobil im zerstörten Palu. (EPA/Mast Irham)
President Joko Widodo spricht mit der Bevölkerung von Palu. (Agus Suparto/Indonesian Presidential Office via AP)

Eine Bewohnerin der Insel Sulawesi spaziert am aschespeienden Vulkan Soputan vorbei. (Bild: EPA/UNGKE PEPOTOH)