Vor dem UNO-Klimagipfel

Hilferuf vom Pazifik-Atoll: Eine Nation steht vor ihrem Untergang

Vergiftetes Trinkwasser, zerstörerische Sturmfluten: In Kiribati sind die Folgen der Klimaerwärmung Realität. Der Inselstaat droht vom Meer verschluckt zu werden.

Urs Wälterlin, Tarawa (Kiribati)
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Die Inseln von Kiribati ragen nur wenige Meter aus dem Meer.

Die Inseln von Kiribati ragen nur wenige Meter aus dem Meer.

Jonas Gratzer / Getty Images

Amon Timan pumpt. Zwei ineinandergeschobene Plastikröhren, in den sandigen Boden gesenkt, schaffen ein Vakuum. Das sei alles, was es brauche, um im Ort Tabiteuea an Trinkwasser zu kommen. «Der Süsswasserpegel liegt in nur etwa zwei Meter Tiefe», erklärt Timan, während sich der Eimer füllt.

Er sei dankbar, sagt der 68-Jährige: das Wasser hier, im Norden der Insel Tarawa, sei noch nicht so brackig wie an anderen Orten in Kiribati. «Ich hoffe, das bleibt weiter so», sagt Timan. «So Gott will.»

Gott will nicht.

Gott – so scheint es – hat die Menschen von Kiribati vergessen. Der Anstieg des Meeresspiegels sei unaufhaltbar, sagen Wissenschafter, selbst wenn es der Welt gelinge, die globale Erwärmung unter zwei Grad zu halten, wie 2015 in Paris völkerrechtlich vereinbart wurde.

So ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch in Tabiteuea das Meerwasser in die Trinkwasserlinse sickert und sie versalzt. Erst würden die Kinder krank, dann sterbe das Gemüse im Garten ab, sagt Timan. «Und was tun wir dann?», fragt er, mit einem Ton der Verzweiflung in der Stimme. Der Mann symbolisiert ein Land, das sich von der Welt verraten fühlt.

Kiribati (sprich: Kiribas), mit 118 000 Einwohnern, liegt etwa auf halbem Weg zwischen Fidschi und Hawaii. Es besteht aus 33 Korallenatollen und Inseln, verteilt über eine Meeresfläche so gross wie die USA. Laut dem australischen Institut für Meteorologie ist der Meeresspiegel in Kiribati seit 1992 durchschnittlich um 7,2 Millimeter gestiegen – eine von vielen Folgen der globalen Erwärmung.

In Kombination mit immer häufiger vorkommenden, stärkeren Zyklonen, mit Sturmfluten, ist für die tiefliegenden Inseln des Pazifiks bereits ein Anstieg des Pegels um wenige Millimeter eine existenzielle Bedrohung. Die meisten Atolle von Kiribati liegen gerade mal einen bis drei Meter über dem Meeresspiegel.

Eines der ärmsten Länder

Süd-Tarawa, das administrative Zentrum von Kiribati. Eine Ansammlung von Betonhäusern, Büros, einem Stadion. Und ab und zu ein kleiner Laden, aus Sperrholz zusammengenagelt. Händlerinnen verkaufen Trockennudeln aus Indonesien, Thunfischdosen aus Taiwan und selbst gefangenen Fisch. Die Menschen von Kiribati leben in erster Linie von Selbstversorgung, und vom Anpflanzen von Kokosnuss.

Das Land sei eines der ärmsten der Welt, sagt die UNO, eine sogenannte «Least Developed Nation». Experten vergleichen den Entwicklungszustand mit der Situation in Afghanistan und Haiti. Kinder sterben an Durchfallerkrankungen und Ruhr. Die Kindersterblichkeitsrate ist höher als in Bangladesch. Ohne Entwicklungshilfe aus Australien, Neuseeland und der EU sähe die Situation noch düsterer aus.

Klimakonferenz in Bonn: Inseln mit wichtiger Rolle

Am 6. November beginnt in Bonn die UNO-Klimakonferenz. Gastgeber ist der Inselstaat Fidschi. Weil das Land nicht die nötige Infrastruktur hat, wird der Anlass in Bonn abgehalten, wo das UN-Klimasekretariat sitzt. Es geht darum, vor der Klimakonferenz 2018 in Polen ein sogenanntes Regelbuch für die Umsetzung auszuhandeln.

Die pazifischen Inselnationen werden eine wesentliche Rolle spielen in den Verhandlungen. Länder wie Kiribati haben kaum eine Chance, die Folgen des Klimawandels zu überstehen.

Süd-Tarawa zieht sich, wie fast jede Siedlung in Kiribati, entlang einer einzigen Strasse, die in der Mitte der schmalen Koralleninsel liegt. Links das Wasser der Lagune, rechts schwappen die Wellen des offenen Meeres auf den Sand. An einigen Stellen ist die Distanz von Ufer zu Ufer gerade mal so weit wie ein Fussballfeld.

Die See ist ruhig, das Wasser kristallklar. Doch das sei nicht immer so, sagt Abi. Immer häufiger sei das Meer «wütend». Der junge Mann zeigt auf einen Schutzwall aus Beton: «Nicht mal das nützt dann noch».

Die Wellen werden grösser

Es sei ein ganz normaler Nachmittag gewesen, erzählt er. «Die Brise war nicht stark, aber das Meer war wild.» Die Menschen würden später von einem «Tsunami» sprechen, doch das stimme nicht. Es habe sich um eine «Königswelle» gehandelt, eine «King
Tide», die direkt nach dem Vollmond entstehen kann, wenn der Unterschied zwischen Ebbe und Flut am grössten ist.

«‹King Tides› gab es schon immer», sagt Abi. «Aber früher waren sie nicht so stark.» In Minuten sei das Wasser ins Krankenhaus eingedrungen. «Es war, als ob uns das Meer fressen wollte», erinnert sich Abi. Die Krankenbetten wurden vom Wasser an die Wand gedrückt. Frauen mussten durch kniehohen Schlamm waten, ihr Baby an die Brust gepresst.

Eine Fischerin auf einem Felsen vor einem der 33 Atolle des Pazifikstaats Kiribati.

Eine Fischerin auf einem Felsen vor einem der 33 Atolle des Pazifikstaats Kiribati.

David Gray/Reuters

Als sich das Meer zurückzog, lag am Ufer vor dem Ort Betio das rostige Wrack eines Fischerbootes. Die Wellen hatten das Schiff aus seinem wässerigen Grab gerissen. Der Name des Bootes: Tekeraroi. Frei übersetzt: «Viel Glück».

Tiefliegende Inseln wie die von Kiribati sind wie der sprichwörtliche Kanarienvogel in der Kohlemine. Sie warnen die Welt davor, was auf sie zukommt. Laut dem Ozeanographie-Professor Stefan Rahmstorf von der Universität Potsdam hatte der Weltklimarat schon 2013 vor einem globalen Meeresspiegelanstieg um 28 bis 98 Zentimeter in diesem Jahrhundert gewarnt. Lokal gebe es dafür eine Reihe von Ursachen, schreibt der Experte, «aber die Hauptursache ist die vom Menschen verursachte globale Erwärmung».

Eine Fahrt durch Tarawa zerschmettert das Klischee der lieblichen Südseeinsel. Absterbende Palmenplantagen zeugen von der zerstörerischen Kraft des Salzwassers. Hunderte von Bauernfamilien haben in den letzten Jahren auf Kiribati ihre Lebensgrundlage verloren – und damit ihre Heimat. Und das Land verliert eine wichtige Einkommensquelle: getrocknete Kokosnuss – sogenannte Kopra – ist eines der wenigen Exporterzeugnisse.

Vor der Klimakonferenz

Besuch bei Seiner Exzellenz im T-Shirt. Anote Tong, bis im letzten Jahr Präsident von Kiribati, musste für das Interview aus dem Bett steigen. Er fühlt sich miserabel. «Ich habe Kopfschmerzen und Jetlag», sagt er und setzt sich auf eine Bank vor seinem einfachen Haus. In der Nacht ist er von einem Besuch in Europa heimgekehrt. Vorbereitungsgespräche für die Klimakonferenz in Bonn.

In internationalen Foren ist Tong die bekannteste Stimme aus dem Südpazifik. Ein Mann, getrieben von Hoffnung, Frustration, Verzweiflung – und Wut. Auf die reichen Industrieländer. Die Klimagasemissionen von Kiribati sind pro Kopf die drittniedrigsten der Welt. Amerikaner pumpen 45-mal mehr in die Atmosphäre.

Doch die Menschen im Pazifik würden am stärksten unter den Folgen leiden, sagt er. Anote Tong sieht sich auf einer Mission: er muss die Welt davon überzeugen, das Problem des Klimawandels endlich ernst zu nehmen. Er reagiert erst diplomatisch auf die Frage, was er vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump halte und dessen Klimapolitik.

Dann platzt es aus ihm heraus: «Nichts zu tun ist unmoralisch.». Sogenannte Klimawandelskeptiker vergleicht er mit Kriminellen, «weil sie genau wissen, dass sie lügen». Dasselbe gelte für die Befürworter der klimaschädigenden Kohleindustrie.

Vorbereitungen zur Flucht

Haben tiefliegende Länder wie Kiribati überhaupt eine Chance, langfristig überleben zu können? Tong will fest daran glauben. «Die Alternative wäre, dass unser Land verschwindet. Das ist nicht eine Option, die ich erwäge.» Trotzdem bereitet er Kiribati zur Flucht vor.

Seine Regierung kaufte im benachbarten, mehrheitlich höher gelegenen Fidschi Land, wo sich sein Volk niederlassen könnte, wenn das Leben zu Hause nicht mehr möglich ist. Sogar den Bau künstlicher Sandinseln – mit Dubai als Vorbild – hat Tong erwogen. Zu teuer.

Im Hintergrund, zwischen Strand und einer Schutzmauer, spielen Kinder. Der Gesang einer älteren Frau wechselt mit dem Rauschen des Meeres. Trotz der existenziellen Probleme scheinen die meisten Menschen in Kiribati unbekümmert zu sein, zufrieden, ja fast naiv sorglos.

Isoliert vom Rest der Welt, mit wenig Zugang zu Information, seien sich viele nicht bewusst, wie es um die Zukunft ihrer Heimat stehe, sagt Tong. «Es wird alles viel schlimmer, als meine Leute hier glauben», erzählt er, der «Tausende von Expertenberichten gelesen» habe. «Ich sage ihnen nicht, wie die Realität aussieht. Weshalb auch? Es macht sie nur traurig. Sie können ja ohnehin nichts ändern».