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HILFSWERK: Das Herz an Afrika verloren

Svend Capol ist Präsident der Luzerner Hilfsorganisation Solidarmed. Seit rund 25 Jahren reist er regelmässig nach Afrika, um beim Aufbau der medizinischen Infrastruktur mitzuhelfen.
Hat bei seinen Besuchen in Afrika viele neue Bekanntschaften geschlossen: Svend Capol 2013 auf dem Weg in die lesothische Bergregion Thaba-Tseka. (Bild: PD)

Hat bei seinen Besuchen in Afrika viele neue Bekanntschaften geschlossen: Svend Capol 2013 auf dem Weg in die lesothische Bergregion Thaba-Tseka. (Bild: PD)

Stefan Welzel

Svend Capol hat es eilig und wirkt dennoch entspannt. In wenigen Stunden startet sein Flugzeug nach Johannisburg. Von da geht es weiter in die sambische Hauptstadt Lusaka. Doch zunächst geniesst der 57-jährige Arzt noch einen Espresso auf der Terrasse eines kleinen Luzerner Cafés. Das Glas Leitungswasser, das er dazu erhalten hat, trinkt Capol langsam und bedächtig. «Fliessendes und sauberes Wasser zu haben, ist ein Privileg, das ich nach zwei Jahren in Thaba-Tseka schätzen gelernt habe», erklärt er mit einem milden Lächeln.

Capol arbeitete zwischen 1993 und 1995 in der gleichnamigen, abgelegenen Bergregion Lesothos, einem Kleinstaat inmitten Südafrikas. Als junger Mediziner stellte er sich in den Dienst der Entwicklungshilfeorganisation Solidarmed. Das humanitäre Engagement hat ihn derart beeindruckt, dass er der Institution bis heute treu geblieben ist und ihr seit 2003 als Präsident vorsteht. Somit schaut Capol auf eine beinahe 25-jährige persönliche Geschichte in den Reihen einer Organisation zurück, die dieses Jahr ihren 90. Geburtstag feiert.

«Das ist ein stolzes Alter für eine Institution dieser Art», stellt Capol fest. Eine Institution, für die ihr Präsident so einiges in Kauf nimmt, unter anderem mehrere hundert Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Jahr. Selbst einen Grossteil seines Urlaubs verbringt Capol bei Einsätzen vor Ort. Für den im Kanton Zug wohnhaften und in der Stadt Luzern arbeitenden Allgemeinmediziner kommen die Reisen nach Afrika aber eher einer «Burn-outprophylaxe» gleich – sein Engagement für Solidarmed ist mehr Berufung und Leidenschaft als Arbeit.

«Partnerschaft auf Augenhöhe»

In den 90er-Jahren bestand Capols Tätigkeit in erster Linie in der medizinischen Betreuung im Krankenhaus, heute beinhaltet sie eine Vielzahl von Aufgaben. «Ich werde mich in Sambia mit Vertretern aus Ämtern, Ausbildungsstätten und Spitälern treffen», erläutert Capol die Prioritäten seiner aktuellen Reise nach Sambia. Entwicklungshilfe funktioniere heute nicht mehr so, wie sie zu Zeiten eines Albert Schweizers verstanden wurde. Man gehe nicht mehr nach Afrika, um den «armen Eingeborenen eine Antibiotikum-Spritze zu verpassen». Diese zwar gut gemeinte, aber jahrzehntelang ebenso überhebliche Haltung mancher Helfer aus Europa sei «einer Partnerschaft auf Augenhöhe» gewichen.

Solidarmed-Experten assistieren beim Aufbau medizinischer Infrastruktur, vermitteln Wissen an Hilfsärzte oder kümmern sich wie Capol um den Dialog mit politischen Entscheidungsträgern. Nachhaltigkeit ist das Wort, das der Allgemeinmediziner am häufigsten verwendet.

Markante Entschleunigung

Gerne erinnert sich Capol an seinen ersten Einsatz in Lesotho. Als er dorthin aufbrach, nahm er die Familie mit. Die drei Kinder waren zwischen drei und sieben Jahre alt. Manch ein Verwandter hielt das Vorhaben für viel zu riskant. «Wir hatten aber nie den Eindruck, gefährlich zu leben. Es waren rückblickend die wohl prägendsten Jahre meines Lebens», resümiert Capol. Der fünfköpfigen Familie eröffnete sich eine neue Lebenswelt. Es gab weder Fernsehen noch ein Kino, erst recht kein Internet. Nur das Radio lief regelmässig. Telefongespräche in die Heimat standen nur zwei Mal im Jahr auf der Agenda. Das Leben der Capols entschleunigte sich markant.

Die Ruhe und Abgeschiedenheit im auf 2300 Meter gelegenen Thaba-Tseka gefiel Capol besonders. Was nicht heisst, dass er wenig Arbeit gehabt hätte – ganz im Gegenteil. Mit lediglich einem einzigen Kollegen deckte er ein Gebiet mit 120 000 Einwohnern ab. Es war die Zeit, in der in Afrika die HIV-Infektionen zu einer Epidemie auswuchsen. «Wir ahnten damals, was auf uns zukommen würde.» Als der junge Mediziner 1993 in Thaba-Tseka ankam, waren 5 Prozent der lesothischen schwangeren Frauen mit dem Immunschwächevirus infiziert, nur zwei Jahre später waren es bereits 15 Prozent.

Mit dem länderübergreifenden Projekt «Smart» trug Solidarmed ab 2005 viel zur besseren medikamentösen Behandlung HIV-Erkrankter bei. «Um das stemmen zu können, war eine beträchtliche organisatorische Entwicklung Solidarmeds unabdingbar», analysiert Capol. Was ein Quantensprung für die Hilfsorganisation war, kam in der Bekämpfung des Virus und der Aids-Krankheit einem kleinen Tropfen auf den heissen Stein gleich. Heute beträgt die HIV-Quote in Südostafrika im Schnitt rund 20 Prozent. In Lesotho sind es sogar 23,4 Prozent – trauriger Höchstwert im weltweiten Vergleich.

Trotzdem betont Capol immer wieder, wie rasant und positiv sich die Region entwickelt. Internet gäbe es inzwischen auch in Thaba-Tseka, ausreichend medizinische Dienstleister und Fachleute ebenso. Aufgrund der steigenden Anzahl an Ärzten und Pflegepersonal ist es aber nicht mehr so einfach, europäische Mediziner zu vermitteln. Man wolle schliesslich keinem Afrikaner die Arbeitsstelle wegnehmen.

Wie die alten Ägypter

Der Solidarmed-Chef räumt ein, dass bei seinem eigenen zweijährigen Einsatz sehr wohl die Abenteuerlust eine Rolle spielte. Aber der Drang, den Benachteiligten dieser Welt aus seiner «privilegierten Situation heraus etwas zurückzugeben, überwog». Einer seiner schönsten Momente war, als er eine Frau mit Hirnblutung vor dem Tod oder der lebenslangen Invalidität bewahrte. «Ähnlich wie die alten Ägypter bohrten wir ein Loch in den Schädel und entfernten das Blutgerinsel sowie Knochenteile. Noch auf dem Operationssaal begann sich die halbseitig Gelähmte wieder zu bewegen.»

Grausam war es hingegen, als einmal ein Pick-up-Transporter nach einem Verkehrsunfall sieben verletzte Teenager ins Krankenhaus brachte. Capol musste entscheiden, wer noch zu retten war und wen man nur noch in den Tod begleiten konnte. Er erzählt die Geschichte nachdenklich, aber ohne Verbitterung, driftet dann aber trotzdem ins Philosophische ab: «Man sucht ja immer den Sinn in dem, was man tut. Das Schöne an der Arbeit bei Solidarmed ist, dass man diesen in Afrika schnell findet. Die Probleme sind nach wie vor zahlreich und harren einer Lösung.»

Capol wird auch in Zukunft engagiert an solchen arbeiten. Sein Herz hat er längst an Afrika verloren. Letztes Jahr besuchte er mit seinen inzwischen erwachsenen Kindern nach langer Zeit wieder Thaba-Tseka. «Ich musste den Reiseleiter spielen», witzelt Capol. Dieses Mal war es aber etwas einfacher, ins Gebirge zu kommen, denn heute führt anders als damals eine asphaltierte Strasse hinauf ins Hochland. Und im Spital musste er auch nicht aushelfen, inzwischen lösen sich sieben afrikanischstämmige Ärzte im Schichtbetrieb ab.

Hilfe für Afrika

Organisationen sw. Solidarmed ist eine von vielen Organisationen, die in Afrika medizinische Entwicklungszusammenarbeit leistet. Die weltweit bedeutendsten Institutionen dieser Art sind die «Ärzte ohne Grenzen» und das Internationale Rote Kreuz. In der Schweiz sind unter anderem das Schweizerische Rote Kreuz, die Berner Stiftung Fairmed (früher vor allem in der Leprahilfe aktiv) sowie Solidarmed führend.

Weitere Nichtregierungsorganisationen wie Enfants du monde, World Vision oder die Christoffel Blindenmission verfügen über Gesundheitsprogramme in ihren Tätigkeitsfeldern. In wissenschaftlicher Hinsicht leistet auf Schweizer Ebene das Basler Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) Hilfe in den Bereichen Ausbildung, Epidemienbekämpfung und Forschung.

Seit 90 Jahren im Einsatz

Solidarmed sw. Solidarmed wurde 1926 von rund 60 Geistlichen und Gesundheitsfachkräften in Zürich als «Schweizerischer katholischer Verein für missionsärztliche Fürsorge» ins Leben gerufen. Ziel war es damals, der «mangelhaften medizinischen Hilfe der Kolonialmächte gegenüber der einheimischen Bevölkerung entgegenzuwirken».

Bis zum Ende der Kolonialzeit stand die religiös geprägte, rein medizinische Fürsorge im Vordergrund. Im Lauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderte sich der Charakter der Organisation. Sie löste sich schrittweise von ihrem christlich-konfessionellen Hintergrund und wurde zu einer modernen Entwicklungshilfeorganisation. 1987 folgte der Namenswechsel in «Solidarmed». Das Motto lautete fortan «Entwicklungszusammenarbeit statt Entwicklungshilfe».

Heute ist Solidarmed in den südostafrikanischen Staaten Lesotho, Mosambik, Tansania, Sambia und Simbabwe in mehr als 16 Spitälern und 118 Gesundheitszentren tätig. Der gemeinnützige Verein lebt von Mitglieder- und Spendenbeiträgen und arbeitet als Partnerorganisation der Eidgenös sischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

Prominente Botschafter

Als Botschafter mit Innerschweizer Wurzeln repräsentieren TV-Moderator Nik Hartmann, Top-Model Nadine Strittmatter und Fussball-Nationalspieler Stephan Lichtsteiner Solidarmed. Insgesamt beschäftigt die Organisation 13 Angestellte in der Luzerner Verwaltung, 11 Fachleute in Afrika sowie 140 einheimische Mitarbeitende.

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