Ein Abgesang
Hillary Clinton scheiterte am Erfolg, der sie stark gemacht hat

Am Mittwochabend trat Hillary Clinton noch einmal auf – wie die bessere Kandidatin, nur genützt hat ihr das nichts.

Max Dohner
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Hillary Clintons Rede nach der Wahlniederlage
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Hillary Clinton hat dem zum US-Präsidenten gewählten Donald Trump am Mittwoch in New York ihre Zusammenarbeit zum Wohle der USA angeboten. Natürlich sei das Wahlergebnis nicht das erwünschte, räumte sie weiter ein.
Impressionen von Hillary Clintons Rede.
Impressionen von Hillary Clintons Rede.
Impressionen von Hillary Clintons Rede.

Hillary Clintons Rede nach der Wahlniederlage

EPA

Karrieristen bieten im Scheinwerferlicht stets Anschauung, ob ihr Lebensplan aufgeht, ihre Akrobatik gelingt. Man sieht nicht schadenfroh zu, aber auch nicht naiv. Man schaut unbewegt dem Schicksal zu. Und das ist oft fantasieloser als der Mensch. Der Mensch erfindet immer wieder neue Kraftakte, um sich ganz nach oben zu schwingen; das Schicksal holt ihn da früher oder später wieder runter – basta.

Interessanter sind jene Fälle, wo man Aufstieg und Fall beobachtet aus ein und demselben Prinzip: Die gleiche Kraft, die einen Menschen zu einer eindrucksvollen Karriere geführt hat, bricht ihm dann auch das Genick. Diese Leute scheitern am Erfolg, der sie starkgemacht hat. Das ist exemplarisch der Fall bei Hillary Rodham Clinton.

Auch ihr Lebensplan kippte am Ende ins Gegenteil. Ebnete ihr den Boden zu einer beispiellosen politischen Laufbahn – und zog ihr dann diesen Boden plötzlich weg. Als wäre da gar nie Boden gewesen, nur das dünne Eis einer Karriere im Zentrum der Macht. Weil Hillary ganz nach oben wollte, stürzt die 69-Jährige nun auch von weit oben. Gestern tauchte sie zunächst ab; dann redete sie doch.

Tiefschläge – dagegen hat sie gelernt, sich zu panzern. Sich überhaupt nichts anmerken zu lassen. Noch einmal präsentierte Hillary diesen Panzer mit dem mimischen Sinnbild: ihr Lachen, als würde durch einen Drahtzug der Kiefer nach unten klappen. Tausendfach wurde das maliziös fotografiert in den vergangenen Wochen: diese gefrorene Maske. Tausendmal schien Hillarys viel gerühmte, «hoch professionelle Wahlkampfmaschinerie» nicht zu bemerken, dass Geistergrinsen nicht fröhlich wirkt, sondern entlarvend.

Es gibt politische Langzeit-Beobachter, die Washingtons gesamte Abwasserkanäle kennen. Bei Hillary Clinton aber blicken sie nicht in den Untergrund, nie hinter die Bühne, nicht mal Verbündete: «Hillary ist der berühmteste Mensch, den keiner kennt.»

Nicht einmal eine Fortsetzung der Biografie ist möglich

Von der Schwelle zum Weissen Haus hinab ins bodenlose politische Dunkel: Eine grössere Fallhöhe gibt es nicht. Und so jäh – alle Welt sah sie vorne, die doppelt Unglückliche: Hillary dürfte kaum mit der Niederlage gerechnet haben. Und da, wo sie jetzt landet nach einem endlos scheinenden Fall, ist sie im Leben noch nie gewesen: in der Realität, in der Bedeutungslosigkeit von Smith und Miller. Soll sie davon erzählen? Ihre Biografie hat sie bereits geschrieben: «Gelebte Geschichte», ein Bestseller. Eine Fortsetzung, das weiss sie, würde zum Ladenhüter.

Ihr Kartenhaus ist zusammengebrochen. Hillary Clinton hat ihre Karriere weitgehend selbstständig gebaut, auf soliden eigenen Fähigkeiten, seit 1969, seit den triumphalen Tagen als Studentenrednerin im elitären, den Besten vorbehaltenen Wellesley-Frauencollege von Massachusetts. Da war sie ganz kurz noch Präsidentin der jungen Republikaner gewesen, wechselte wegen deren Haltung zum Vietnam-Krieg dann aber die Partei; als «Goldwater Girl» hatte sie zuvor den reaktionären Barry Goldwater in dessen – vergeblicher – Präsidentschafts-Kandidatur unterstützt. An ihren religiösen Mentor richtete die 18-jährige Methodistin damals die Frage: «Ist es möglich, dem Verstand nach konservativ, aber im Herzen linksliberal zu sein?»

Der renommierte Journalist Carl Bernstein, einer von Hillarys Biografen, sagte, das beschreibe auch die Haltung der späteren Politikerin treffend. Ihre Wahlniederlage beantwortet heute, fünfzig Jahre später, die Frage der Studentin – im Verstand konservativ, im Herz links-liberal? Nein, nicht möglich. Gegensätze zwischen innen und aussen klaffen stets mehr auseinander; am Ende glaubt niemand mehr weder das eine noch das andere.

Aber warum muss man sich dann «die Nase zuhalten, um unter ihrem Namen ein Kreuz zu machen», wie ein demokratischer Abgeordneter sagte?

Ist Karrierewille, möglicherweise gar Karrieresucht so widerwärtig, dass bei den Wählerinnen und Wählern am Ende nur Hass daraus entspringt? Oder weil sich eine Frau mit ganzer Entschlusskraft auf Karriere verlegt?

Die Erfahrung als Kokon und Kabinettspolitik als Realität

In Trumps Lager schäumten die Hillary-Hasser derart kindisch, als hätte eine böse Hexe ihnen permanent über die Finger gehauen. Latenter Chauvinismus schwappte da mit latentem Rassismus zusammen. Und doch ist die Frage vernünftig: Hätte eine andere Kandidatin einziehen können als erste Präsidentin der USA? Noch manche Politikerin – doch partout nicht Hillary?

Ohne Washingtoner Ursuppe ist das Gedeihen einer Karriere und eines Politikerinnen-Typs wie Hillary undenkbar.

Eliteschule, sorgenfreies Milieu, feste Tugend, die richtige Universität, das Jus-Studium, erste Kontakte, noch mehr Netzwerke, bald auch den richtigen Billy-Buddy, von Hillary Rodham offenbar erst erhört nach mehreren Anläufen, seine Frau zu werden (dafür blieb er lebenslang eher Buddy als Gatte), Rivalinnen derart weggebissen, dass Latinas in den USA dafür Hillary auf ewig verachten, Kontakte zum Kapital, Mandate, inzwischen verschwiegen von der Wahlkampf-Entourage ... kurzum: ein Leben wie aus «House of Cards», der TV-Serie, ist sicherlich eine fiebrige Blase, um sich darin ohne feste Regeln, aber nach bekannten Mustern exklusiv zu bewegen, bleibt aber nichtsdestotrotz eine Blase.

Darin ist Hillary Clinton nicht die einzige Vertreterin dieses modernen, quasi-demokratischen Typs Machtmensch, die nun einen Denkzettel verpasst bekommt, nur die prominenteste. Es dürfte bald eine Reihe anderer Leute der liberalen Elite treffen.

Das könnte uns – die wir ewig das Bodenpersonal der Geschichte bilden – herzlich egal sein, wären am Ende nicht eben wieder die «Globalisierungs-Verlierer», genau dieses Bodenpersonal die Getäuschten der «Wende». Und darum wird das ungemütlich, so oder so, gerade für die, die jetzt dem Rausch erliegen, unter den Etablierten «aufzuräumen».

Es dürfte vorläufig nur ein Muster politischen Agierens ausgetauscht werden durch ein neues. Ersetzt wird Obama durch Trump. Aber Trump ist auch nur der Pepe Grillo von Washington. Auch er folgt einem gespenstisch clownesken Muster. Ersetzt wird sozusagen das hergebrachte «Narrativ» der Politik, um auch einmal diesen unsäglichen Ausdruck zu gebrauchen. Keine Ideologie, schon gar nicht die reale Macht. Ersetzt wird die Spielstruktur von «House of Cards». Die tiefste Überraschung dieser Wahl besteht mithin darin, wie schnell die TV-Serie, die angeblich das wahre Politleben abgebildet hatte, ihrerseits wieder verstaubte.

Die Wahlnacht in Bildern
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In seiner ersten Rede spricht zu seinen Anhängern und zum amerikanischen Volk.
Trump verspricht an der Wahlparty in New York: "Ich werde ein Präsident für alle Amerikaner sein."
Trump dankt auch ausführlich seiner Familie für die Unterstützung.
Mike Pence und Donald Trump, der neue Vizepräsident und der neue Präsident, nachdem ihr Wahlsieg feststeht.
Am Anfang der Wahlnacht wird ein Wahlsieg von Hillary Clinton erwartet – Trump reicht in Nevada eine Klage ein, die aber abgewiesen wird.
Vor vielen Wahllokalen stehen die Wähler Schlange.
219 Millionen Amerikaner sind wahlberechtigt.
Schlange Stehen für die Wahl in New Jersey
Häufig dienen Feuerwehr-Magazine als Wahllokal, so wie hier in Indiana.
Donald Trump hat gemäss eigener Aussage über 100 Millionen Dollar in seine Kampagne investiert.
Hillary Clinton begleitet von ihrem Mann und Ex-Präsident Bill grüsst Fans nachdem sie in Chappaqua NY gewählt hat
Donald Trump und seine Frau Melania geben ihre Stimme ab
Eric Trump und sein Wahlzettel: Weil er ein Foto von diesem auf Twitter postete (was illegal ist), ist dieser ungültig.
Der Tweet von Eric Trump macht seine Stimme ungültig
Sie jubeln über Trumps Sieg in Florida, einem der entscheidenden Swing States. Damit wird immer wahrscheinlicher, dass Trump die Wahl gewinnt.
Sie ahnen die Niederlage: Anhänger der Demokraten haben sich an einer Wahlveranstaltung in Dallas auf den Boden gesetzt und starren gebannt auf ihre Smartphones.
Trump gewinnt in Ohio - seine Anhänger in New York jubeln.
Schrecken und Entsetzen in den Gesichtern der Clinton-Anhänger.
Clinton-Anhänger sind tief enttäuscht.
Wer zuletzt lacht, lacht am besten: Donald Trump, 45. Präsident der USA.

Die Wahlnacht in Bildern

Keystone

Im gewohnten Hosenanzug, mit Bill an ihrer Seite

Hillary Clinton hat sich entschieden, Hillary hatte die Wahl: Sie glaubte, dass politische Karriere sich aus jenen Elementen zusammensetzt, die sie alle eigentlich meisterhaft beherrschte. Sogar in der Zeit grösster persönlicher Krisen, beim Betrug und Verrat ihres Buddys Bill, nutzte sie den Vorteil agil, der sich unverhofft für sie ergab: Von der ungeliebten First Lady, die ihre Zeit «nicht mit Plätzchenbacken» verplempern wollte, wurde sie zur geliebten politischen Kämpferin. Es war der letzte Booster zu ihrer Karriere.

In den jüngsten TV-Duellen bekundete sie nicht den Hauch einer Mühe mit Donald, dem Gegenkandidaten. Schien alles ein Kinderspiel. Und nun liegt der Kindskopf vorne! Sie dürfte noch lange an Washington, an der Welt, an sich selber irrewerden.

Gestern war davon nichts zu sehen, aber auch gar nichts; Bill applaudierte, mit beeindruckter Grimasse. Sei nicht gerade das erwartete Resultat, aber sie sei dankbar, sagte Hillary für das bereichernde Erlebnis dieser Kampagne. Das Scheitern bleibe sicher noch eine Weile schmerzhaft, aber sie bitte alle, die mitgeholfen hätten. Es sei eine Sache gewesen zur Verbesserung der Lage einer grossen Nation. In diesem Sinn hoffe sie auch, dass Donald Trump eine glückliche Präsidentschaft beschieden sei, um dazu beizutragen.

Einen kleinen Scherz erlaubte sich Hillary Clinton noch, als sie «alle jene Millionen von Freiwilligen», die auch mitgeholfen hätten «in strikt privaten Social-Media-Kanälen» für sie zu werben, dazu aufrief, künftig ihre Stimme deutlich vernehmen zu lassen.