HOLOCAUST: Deutschlands Jagd auf letzte SS-Schergen

Vor 75 Jahren prophezeite Hitler öffentlich die Vernichtung der Juden. Viele, die sich daran beteiligten, kamen straflos davon. Nun droht NS-Verbrechern doch noch der Prozess.

Christoph Reichmuth
Drucken
Teilen
Ein Mann besucht die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin. (Bild: Keystone)

Ein Mann besucht die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin. (Bild: Keystone)

In seiner traditionellen Rede zur Machtergreifung drohte Adolf Hitler am 30. Januar 1939 die Ausrottung der europäischen Juden an, sollte der europäische Krieg zu einem Weltkrieg erweitert werden. Ein neuerlicher Weltkrieg, so Hitler, werde «die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa» zur Folge haben.

Hitler wollte damit indirekt die USA davor warnen, sich in einen europäischen Krieg einzumischen. Doch heute weiss man, dass der Diktator seine unvorstellbaren Pläne beinahe vollständig umsetzen konnte. Auch an diesem Montag erinnerte sich die Welt am Holocaust-Gedenktag der schätzungsweise sechs Millionen Juden, die der Schoah zum Opfer fielen. Viele der NS-Verbrecher von damals wurden bis heute nie zur Rechenschaft gezogen.

Ermittlungen gegen 30 KZ-Wächter

69 Jahre nach Kriegsende und knapp 50 Jahre nach den Frankfurter Auschwitz-Prozessen könnte auf Deutschland eine neue Welle von Prozessen gegen ehemalige Wachmänner aus dem KZ Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zukommen. Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hat im vorigen Jahr Vorermittlungen gegen 30 ehemalige Auschwitz-Wächter abgeschlossen. Die Wachmänner sollen sich wegen Beihilfe zu Mord in Tausenden von Fällen verantworten.

Am meisten Aufsehen erregte im letzten Frühjahr die Verhaftung des ursprünglich aus Litauen stammenden Hans Lipschis. Als Mitglied der 6. Kompanie des SS-Totenkopf-Sturmbanns hat Lipschis zwischen Oktober 1941 und Januar 1945 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Dienst geleistet. Der inzwischen 94-jährige Mann behauptet, er habe sich nicht an den Folter- und Mordaktionen beteiligt, von den Gräueltaten habe er nur durch Gerüchte erfahren. «Ich war Koch, die ganze Zeit.» Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat gegen den Mann im letzten Jahr Anklage erhoben. Ihm wird Beihilfe zu Mord in 9515 Fällen vorgeworfen. 10 Personen, darunter ehemalige Auschwitz-Häftlinge, sollen beantragt haben, als Nebenkläger zum Prozess zugelassen zu werden.

«Absichtlich unverfolgt gelassen»

Doch weshalb wird Lipschis erst jetzt angeklagt? 1956 emigrierte das ehemalige SS-Mitglied in die USA. 1981 kamen die US-Justizbehörden Lipschis auf die Spur, wiesen ihn 1983 nach Deutschland aus. Doch obwohl die US-Behörden ihre deutschen Kollegen über den Fall des mutmasslichen NS-Verbrechers informierten, konnte der gebürtige Balte von 1983 bis Mai 2013 unbehelligt mitten in Deutschland leben. «Die westdeutsche Justiz hat KZ-Wächter niederen Ranges als ‹kleine Befehlsempfänger› 50 Jahre lang absichtlich und gezielt unverfolgt gelassen», kritisierte der niederländische Wissenschaftler Frits Rüter vom Amsterdamer Forschungsprojekt «Justiz und NS-Verbrechen» kurz nach Lipschis› Verhaftung gegenüber dem Magazin «Der Spiegel».

Kein Tatnachweis erforderlich

Die Frage ist berechtigt, weshalb ehemalige KZ-Wachmänner über Jahrzehnte unbehelligt in Deutschland leben konnten. Die Zeit drängt. Bei den mutmasslichen Verbrechern handelt es sich um Männer und Frauen, die heute 90 Jahre und älter sind. Staatsanwalt Thomas Will, der stellvertretende Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von nationalsozialistischen Verbrechen (ZST) in Ludwigsburg, betont gegenüber unserer Zeitung: «Die deutsche Justiz hat nicht bewusst Fälle verschleppt. Dieser Vorwurf zielt ins Leere.» Die Vorgänge im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau «galten in den 1970er- und 1980er-Jahren als weitestgehend abgearbeitet.»

Dass ausgerechnet jetzt neue Verfahren angestrengt werden, hängt auch mit der Verurteilung des ehemaligen Wachmanns im Konzentrationslager Sobibor, John Demjanjuk, zusammen. Der inzwischen verstorbene Demjanjuk wurde 2011 wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 20 000 Fällen von einem Gericht in München zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Richter konnten dem Ex-Wachmann zwar keine direkte Tatbeteiligung nachweisen, das Gericht begründete sein Verdikt aber damit, dass Demjanjuk «Teil der Vernichtungsmaschinerie» gewesen sei. Bislang orientierten sich Gerichte in Deutschland an der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH) aus dem Jahr 1969, wonach für eine Verurteilung eine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen werden muss. Kurt Schrimm, der leitende Oberstaatsanwalt bei der ZST in Ludwigsburg, sieht dies heute anders: «Jeder, der seinen Beitrag zur Tötungsmaschinerie geleistet hat, hat sich der Beihilfe schuldig gemacht», sagte er gegenüber der FAZ.

Ermittlungen auch in Südamerika

Dieser Argumentationslinie ist auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart im Falle Lipschis gefolgt, obwohl das Urteil gegen Demjanjuk nie von einer oberen Instanz bestätigt wurde. Eine einzelne Tat kann dem ehemaligen KZ-Koch Lipschis kaum mehr nachgewiesen werden, zumal auch viele Zeitzeugen – ehemalige Lager-Insassen – nicht mehr am Leben sind. Doch alleine durch seinen Dienst als Wachmann in Auschwitz habe Lipschis zur Vernichtung von Menschen beigetragen, begründet die Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die Ludwigsburger Ermittler forschen nicht nur nach ehemaligen Wächtern von Auschwitz-Birkenau. Auch SS-Schergen, die in Treblinka, Belcez oder Sobibor Dienst leisteten, sollen verfolgt werden. Untersuchungen in südamerikanischen Ländern und in Russland sind am Laufen.

Bei Hans Lipschis sieht es indes danach aus, dass er für sein Mitwirken in Auschwitz-Birkenau niemals Rechenschaft ablegen muss. Das Landgericht Ellwangen hat den Haftbefehl gegen Lipschis im Dezember wieder aufgehoben. Lipschis soll wegen fortschreitender Demenz verhandlungsunfähig sein. Bis zu seiner Verhaftung im Mai 2013 konnte Lipschis seinen Haushalt allerdings noch alleine führen.