HOLOCAUST: «Es war nicht nur ein Verwaltungsmord»

Vor 75 Jahren trafen sich hochrangige Nazi-Funktionäre, um den Massenmord an den Juden zu organisieren. Der Direktor der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz spricht im Interview darüber, was Besucher an dem Tatort heute lernen können.

Isabelle Daniel
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Heute ist das Haus der Wannseekonferenz eine Gedenkstätte. (Bild: Oliver Weiken/EPA (Berlin, 19. Januar 2017))

Heute ist das Haus der Wannseekonferenz eine Gedenkstätte. (Bild: Oliver Weiken/EPA (Berlin, 19. Januar 2017))

Interview: Isabelle Daniel

 

Hans-Christian Jasch, vielen erscheint es so, als sei der Holocaust binnen 11/2 Stunden am Wannsee beschlossen worden.

Das entspricht natürlich nicht der historischen Realität, sondern dem Bedürfnis, dass man ein Zivilisationsverbrechen wie den Holocaust mit einem konkreten Termin und Ort für die Entscheidung, die dazu führte, verbinden können will. Die historischen Ereignisse sind komplexer. Es gab eine Kette von Entscheidungen, die nicht alle top-down-gesteuert waren. Es hat auch das gegeben, was Ian Ker­shaw das «dem Führer entgegenarbeiten» nennt. Zum Zeitpunkt der Wannseekonferenz befand sich der Massenmord im Osten in vollem Gange. Seit Herbst 1941 rollten die Züge aus dem Reich und aus der sogenannten Ostmark in die Ghettos im Osten. Am 19. Januar 1942 hatte der neunte Transport Berlin verlassen. Das zeigt, dass die Wannseekonferenz im Kontext eines sich ausbreitenden Vernichtungsgeschehens stattfand.

Welche Bedeutung hatte die Wannseekonferenz in diesem Kontext?

Es kommt ihr schon eine wichtige Bedeutung zu, weil sie die Organisation und den rechtlichen Rahmen für die Definition des Opferkreises und das weitere Vorgehen im Reich und in Westeuropa festlegte. Heydrich ging es darum, seine und Himmlers Federführung festzuklopfen. Aber es ging auch darum, zu definieren, wer alles deportiert und ermordet werden sollte, etwa wenn es um sogenannte Mischlinge ging. Die Beunruhigung der Bevölkerung sollte vermieden werden. Man hatte beim Euthanasieprogramm die Erfahrung gemacht, dass sich schnell Gerüchte verbreiteten, wonach auch Kriegsversehrte oder ältere Menschen in die Euthanasie einbezogen werden sollten. In der Wannseekonferenz ging es deshalb auch darum, eine Grenze zu definieren zwischen jenen Menschen, die vom Regime als nicht lebenswert, und jenen, die als Mitglieder der Volksgemeinschaft eingestuft wurden.

Der Holocaust wird oft als Verwaltungsmord beschrieben – ein Motiv, mit dem sich auch Adolf Eichmann verteidigte. Ist der Begriff der «Schreibtischtäter» adäquat für die Teilnehmer der Wannseekonferenz?

Auf Eichmann passt der Begriff nicht so gut. Er sass ja gerade nicht nur am Schreibtisch, sondern war sehr viel in Europa unterwegs, nicht erst seit dem Frühjahr 1944, als die ungarischen Juden deportiert wurden. Die Beschreibung Schreibtischtäter gilt für andere Teilnehmer der Wannseekonferenz sicher in stärkerem Masse, beispielsweise für Wilhelm Stuckart, den Vertreter des Reichsinnenministeriums, oder auch Roland Freisler, den Vertreter des Reichsjustizministeriums, die die Judenverfolgung in erster Linie durch Gesetzgebung und Erlasse begleitet haben. Wir haben es mit einem – und dafür steht die Wannseekonferenz exemplarisch – Verwaltungsmord zu tun, allerdings nicht nur. Es gab das Morden durch die Polizeieinheiten im Osten, die vor ihren Erschiessungen nicht lange nach der rassischen Einstufung der Personen fragten. Mit Rudolf Lange und Karl Eberhard Schöngarth nahmen zwei hohe SS- und Polizeioffiziere an der Konferenz teil, die unmittelbar am Morden beteiligt waren, nicht nur vom Schreibtisch aus. Es gab aber auch die Situation im Westen, wo die Personen und ihr Vermögen erfasst wurden, wo es teilweise sogar Möglichkeiten gab, sich gegen die Einstufung zu wehren. Dort war die Verwaltung eng in den Prozess der Deportation eingebunden.

Die Philosophin Bettina Stangneth hat den Versuch Eichmanns nachgezeichnet, ein verfälschtes Geschichtsbild des NS-Staates als pedantische Bürokratie zu zeichnen. Läuft man Gefahr, sich von der Selbstdarstellung der Nazis leiten zu lassen?

Man hat natürlich immer das Problem, in die sogenannte innere Tatseite zu blicken. Wir haben selten eine Überlieferung wie bei Eichmann, der in den Sassen-Tonbändern sein eigenes Vermächtnis darstellen wollte. Bei den meisten anderen Tätern haben wir nur Belege aus Akten und Zeugenaussagen, die meistens im Zuge der Strafverfolgung entstanden sind. Diese sind nur bedingt aussagekräftig. Aber auch ehemalige Wehrmachtsangehörige strickten eine Legende von der sauberen Wehrmacht. Ähnlich auch die Verwaltung: Stuckart etwa trat mit seinem Gutachten «Partei und Staat» in den Nürnberger Prozessen als sachverständiger Zeuge auf und malte dabei das Bild eines sich in der Defensive befindlichen Staates, der von Partei und SS zurückgedrängt wurde. Dieses Bild, das auch die Forschung bis in die 1990er-Jahre hinein stark bestimmt hat.

Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz gibt es seit 1992. Warum hat es so lange gedauert, bis der Ort zur Erinnerungsstätte wurde?

Man tat sich in Deutschland lange sehr viel schwerer mit dem Benennen der Täter als damit, Empathie für die Opfer auszudrücken. In den Nachkriegsprozessen heisst es immer wieder, die Haupttäter seien Hitler, Himmler und Göring gewesen. Ein Grossteil der am Holocaust beteiligten Täter, und das reicht hinauf bis in die höchsten Ränge der SS, wurden nicht einmal als Mittäter, sondern vielfach nur als Tatgehilfen eingeordnet. Das war das Nachkriegsverständnis: Hitler als Verführer und fehlgeleiteter Gehorsam als Entschuldigungsgrund. Man konnte sich da in gewisser Weise auf dem Ergebnis des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses ausruhen. Es war schwieriger, sich einzugestehen, dass die deutschen Eliten, aber auch die gesamte Gesellschaft tief in den Holocaust verstrickt waren. Dieser grosse Grad der Verstrickung hätte auch den grossen Grad der Kontinuität gefährdet, der bis tief hinein in die 1970er-Jahre etwa bei Polizei, Verwaltung und Justiz sichtbar wird.

Wie verändert sich Ihre Arbeit dadurch, dass die Opfer- und die Tätergeneration bald nicht mehr da ist?

Wir haben natürlich das Problem einer Historisierung. Wir können den unmittelbaren Kontakt zu Überlebenden nicht einfach durch Videointerviews ersetzen. Wir können aber – etwa in berufsspezifischen Seminaren für Polizisten, Richter oder Diplomaten – Zugänge zur Geschichte anbieten. Viele Fragen bleiben von ethischer Relevanz und wirken sich auf das Berufsethos aus. Es gibt bestimmte Arbeitsmethoden, gerade in der öffentlichen Verwaltung, die zeitlos sind. Die gab es vor dem Dritten Reich, die wurden im Dritten Reich angewendet, auch um den Judenmord zu organisieren, aber die gelten auch in der Gegenwart.

Haben Sie ein Beispiel?

Die Sprache: Wenn man sich anschaut, wie das Morden in der Wannseekonferenz bemäntelt wird. Auch heute findet man Beispiele dafür, wie politisch delikate Vorgänge in eine versachlichende Sprache verpackt werden, um sie kommunizierbar zu machen. Das erreicht natürlich nicht das Ausmass eines Völkermords, aber wenn wir uns etwa die «Torture Memos» angucken, dann sieht man, wie dort eindeutige Folter zur «verstärkten Investigationsmethode» wird. Solche Mechanismen sind zeitunabhängig, und dafür kann die Auseinandersetzung mit Geschichte sensibilisieren.

Zur Person

Der Rechtshistoriker Hans-Christian Jasch (43) leitet die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz in Berlin.