US-Wahlen

Holt Clinton Sanders an ihre Seite?

Nach dem Ende der Vorwahlen sucht die Demokratin ihren «Running Mate».

Renzo Ruf, Washington
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Hillary Clinton und Bernie Sanders: Kämpfen sie bald gemeinsam gegen denRepublikaner Donald Trump?Chris Keane/Reuters

Hillary Clinton und Bernie Sanders: Kämpfen sie bald gemeinsam gegen denRepublikaner Donald Trump?Chris Keane/Reuters

REUTERS

Das Treffen dauerte fast zwei Stunden. Anschliessend verliessen Hillary Clinton und Bernie Sanders das «Capitol Hilton» in Washington, ohne mit den versammelten Journalisten zu sprechen.

Später meldete sich Sanders, gescheiterter Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, in einer schriftlichen Stellungnahme zu Wort. Er habe seiner Kontrahentin für ihren Vorwahlkampf gratuliert und mit ihr über Themen diskutiert, die ihm am Herzen lägen. Von einem Eingeständnis seiner Niederlage oder gar einem Wahlaufruf zugunsten der demokratischen Präsidentschaftskandidatin war in der Stellungnahme nicht die Rede. Stattdessen will Sanders am Donnerstag online mit seinen Unterstützern sprechen und die nächsten Schritte seiner «politischen Revolution» skizzieren.

Die Zahlen allerdings sprechen eine deutliche Sprache. Nach der letzten demokratischen Vorwahl, die am Dienstag im Hauptstadtbezirk District of Columbia stattfand, wird Clinton am Parteitag der Demokraten in Philadelphia (Pennsylvania) mit etwas mehr als 2200 Delegierten aufkreuzen. Sanders wird es gemäss provisorischen Zahlen auf rund 1830 Parteitags-Delegierte bringen. Hinzu kommen gegen 580 Super-Delegierte für Clinton und rund 50 Super-Delegierte, die sich für Sanders ausgesprochen haben.

Clinton hat Nomination auf sicher

Der Senator aus Vermont stellt sich auf den Standpunkt, dass diese nicht direkt gewählten Delegierten ihre Meinung bis zu Beginn des Parteitags im kommenden Monat noch ändern können. Das stimmt. In den letzten Tagen haben die Auftritte der ehemaligen Aussenministerin aber den Eindruck zementiert, dass Clinton die Nomination zur Präsidentschaftskandidatin in der Tasche hat. Hinter den Kulissen ist die Demokratin deshalb bereits damit beschäftigt, die nächste Marke auf dem langen Weg ins Weisse Haus zu setzen: die Nomination eines Vizepräsidentschaftskandidaten. Denn die Bewerber für das höchste Staatsamt in Amerika steigen als Team ins Rennen; auch wenn die Nummer zwei – der sogenannte «Running Mate» – im Wahlkampf eine untergeordnete Rolle spielt.

Die naheliegende Wahl für Clinton: Bernie Sanders. Dem 74-jährigen Senator gelang es, in den Vorwahlen eine ganze Generation von Wählerinnen und Wählern für seine dezidiert linken Vorstösse zu begeistern. Damit brachte er Clinton ziemlich ins Schwitzen. Mit Sanders’ Nomination würde die Präsidentschaftskandidatin nun ein Signal setzen, dass sie ihm seine Angriffe verziehen hat und im Kampf gegen den Republikaner Donald Trump auf Einigkeit setzt. Persönliche Animositäten und politische Kalkulationen sprechen aber dagegen.

Oder eine Frauen-Ticket?

Etwas grösser sind die Chancen von Elizabeth Warren (66), der Senatorin aus Massachusetts. Die Harvard-Professorin und Konsumentenschützerin politisiert auf der gleichen Linie wie Sanders. Ihre Tiraden gegen die Wall-Street-Spekulanten und die von der Bankenwelt finanzierten Politiker sind legendär. Warren ist deshalb das eigentliche Aushängeschild des progressiven Flügels ihrer Partei. Sie geniesst aber auch die Unterstützung des führenden demokratischen Senators in Washington, Harry Reid, der sich jüngst für ein Frauen-Ticket ausgesprochen hat.

Weniger riskant wäre es, würde Clinton auf einen Kandidaten setzen, der etwas Regierungserfahrung mitbringt und an der Basis eine gewisse Beliebtheit geniesst. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang Tim Kaine (58) genannt, Senator aus Virginia und ehemaliger Gouverneur des politisch umkämpften Bundesstaates. Kaine ist gläubiger Katholik, spricht fliessend Spanisch und gilt als moderater, beharrlicher Politiker. Er war 2008 bereits einmal im Rennen um den Posten des Vizepräsidenten. Der spätere Präsident Barack Obama speiste ihn aber mit dem Ehrenamt des Parteichefs der Demokraten ab.

Einen Generationswechsel würde schliesslich die Nomination von Julián Castro (41) signalisieren. Der Wohnbauminister von Präsident Obama gilt – zusammen mit seinem Zwillingsbruder Joaquin, einem Mitglied des US-Repräsentantenhauses – als kommender Star der Demokraten. Er stand von 2009 bis 2014 an der Spitze der texanischen Grossstadt San Antonio und vermochte dort wichtige Reformen umzusetzen. Castro wäre der erste Vizepräsident mit hispanischen Wurzeln.