Massendemonstrationen
Hongkonger Herbst: Wir sind mit den Demonstrierenden vor der Polizei geflüchtet

Am Wochenende wollen die Massen in Hongkong wieder auf die Strasse. Die Wirtschaftsmetropole findet Geschmack an Anarchie – trotz den Zugeständnissen der Regierung. Wir waren mit dabei.

Cedric Rehman aus Hongkong
Merken
Drucken
Teilen
Seit Juni gehen die Menschen in Hongkong regelmässig auf die Strassen, um für mehr demokratische Rechte zu demonstrieren. Die Behörden antworten mit zunehmender Gewalt.

Seit Juni gehen die Menschen in Hongkong regelmässig auf die Strassen, um für mehr demokratische Rechte zu demonstrieren. Die Behörden antworten mit zunehmender Gewalt.

Jae C. Hong/AP

Der Helikopter hängt träge in der Luft über dem Queensway im Regierungsviertel von Hongkong. Es wirkt, als hätte ihn jemand mit einem Magnet an den Himmel gepinnt. Angie Te rät, den Schirm aufzuspannen. Der Schirm soll am Jahrestag der Regenschirmbewegung von 2014 aber nicht vor einem Wolkenbruch schützen, sondern vor dem wachsamen Auge der Regierung. «Die haben Kameras da oben und filmen jeden, der mitmarschiert», sagt die 25-jährige Hongkongerin.

Sind es Tausende oder Zehntausende, die sich Schulter an Schulter durch die Strasse schieben? Keiner wird heute zählen. Die Demonstration ist illegal. Die Menschen sind schwarz gekleidet wie auf einer Beerdigung. Sie halten kein Banner in die Höhe, sie rufen keine Slogans. Sie bleiben stumm – und warten auf ein Signal der Behörden, gegen die sie seit Wochen demonstrieren.

Es ist der Samstag, 31. August. Kurz vor der Kreuzung von Harcourt Road und Tamar Street verharrt der Marsch plötzlich auf der Stelle. Die Blicke gehen nach vorn. Eine Qualmwolke verdunkelt die Szenerie, als würde die Welt enden. Unter fettigen Rauchschwaden liegt eine Nebelbank. Der Geruch von verschmortem Plastik mischt sich mit etwas Scharfem, Pfefferigen. Augen und Kehle brennen noch in Hunderten Metern Entfernung. In der Finsternis platzen Tränengasgranaten. Gummigeschosse peitschen durch den Qualm. Die Strassenschlacht an der Kreuzung ist hörbar, aber sie ist nicht zu sehen.

Eine Frau trägt während einer Anti-Regierungs-Demonstration in Hongkong eine Maske mit der Aufschrift "Fügt Öl hinzu, Leute aus Hongkong".
53 Bilder
Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen und eine Warnung an Flugreisende: Hongkong erwartet am Wochenend eine neue Protestwelle. (Archivbild)
In Hongkong wurden am Sonntag erneut zahlreiche Personen festgenommen - am Montag gab es zudem ein Verkehrschaos.
In Hongkong wurden am Sonntag erneut zahlreiche Personen festgenommen - am Montag gab es zudem ein Verkehrschaos.
In Hongkong wurden am Sonntag erneut zahlreiche Personen festgenommen - am Montag gab es zudem ein Verkehrschaos.
Protestierende verhinderten beispielsweise, dass sich die Türen der Hongkonger U-Bahn schliessen konnten.
In Hongkong wurden am Sonntag erneut zahlreiche Personen festgenommen - am Montag gab es zudem ein Verkehrschaos.
Wie schon am Samstag setzte die Polizei in Hongkong auch am Sonntag Tränengas ein.
In Hongkong sind am Samstag mehrere Personen bei Protesten festgenommen worden, wie die Behörden der Metropole am Sonntag mitteilten.
Ein Demonstrant in Hongkong wirft einen Tränengaskanister zurück.
Die Polizei hat in Hongkong Tränengas und Schlagstöcke gegen regierungskritische Demonstranten eingesetzt.
Tausende Menschen nahmen am Samstag im Hongkonger Stadtteil Mong Kok an einem Protestmarsch gegen die Regierung teil.
Mit Gesichtsmaske an der Demonstration: Staatsbedienstete auf der Strasse in Hongkong.
Vor einer Polizeistation in Hongkong ist es am Dienstagabend erneut zu gewalttätigen Protesten gekommen.
Trotz eines Verbots zogen am Sonntag erneut zehntausende Menschen friedlich durch das Zentrum Hongkongs.
Demonstrierende in Hongkong schützen sich mit Regenschirmen.
Schirme im Tränengasnebel: in Hongkong sind die Proteste am Samstag erneut eskaliert.
Die Konfrontation zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Hongkong eskalierte am Samstag erneut.
Tränengasnebel zwischen Polizei und Demonstrierenden in Hongkong.
Die Polizei hat Tränengas gegen die Demonstranten in Hongkong eingesetzt.
Trotz Verbots gingen am Samstag in Hongkong zahlreiche Protestierende auf die Strasse.
Hunderte Demonstranten haben sich zu Protesten im Flughafen von Hongkong versammelt. Sie wollen insbesondere Besucher vom chinesischen Festland über die Anti-Regierungsproteste informieren.
Calvin So war einer der Demonstrierenden, die am Sonntag in Hongkong von Schlägertrupps verprügelt wurden.Bild: Tyrone Siu/Reuters
Tränengaseinsatz gegen Demonstranten in Hongkong.
Proteste in Hongkong, 21. Juli.
In Hongkong gingen am Sonntag erneut Zehntausende auf die Strasse. Im Mittelpunkt stand die Forderungen nach einem förmlichen Rückzug des umstrittenen geplanten Auslieferungsgesetzes.
Die Demonstranten in Hongkong fordern eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt.
Polizisten in Hongkong führen am Sonntag einen Demonstranten ab.
In Hongkong haben erneut Zehntausende gegen das umstrittene Auslieferungsgesetz protestiert - diesmal vor dem Schnellzugbahnhof für Verbindungen auf das chinesische Festland, um auch chinesische Touristen auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.
Mit einem Rollwagen aus Metall zertrümmert eine Gruppe von Demnonstranten eine Scheibe und stürmt das Parlament in Hongkong.
In Hongkong sind am Montag bei Protesten erneut Demonstranten und Sicherheitskräfte aneinander geraten.
In Hongkong sind am Montag bei Protesten erneut Demonstranten und Sicherheitskräfte aneinander geraten.
«Befreit bitte Hongkong»: Demonstranten versammelten sich am Mittwoch vor dem US-Konsulat in Hongkong. Bild: Kin Cheung/AP
Die Polizei in Hongkong hat Demonstranten am Samstag vor der weiteren Besetzung ihres Hauptquartiers gewarnt.
Proteste: Zahlreiche Demonstranten versammelten sich unter anderem vor dem Polizeihauptquartier in Hongkong.
Die Polizei in Hongkong hat am Samstag die Proteste vor ihrem Hauptquartier angeprangert.
Joshua Wong protestiert in seiner Heimat Hongkong: Nach einer Haftstrafe ist er nun wieder frei.JEROME FAVRE/EPA/KEY
Am Freitag vor dem Polizeihauptquartier in Hongkong.
Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam hat sich nach den Massenprotesten bei der Bevölkerung für die Kontroverse über das Gesetz für Auslieferungen an China entschuldigt.
Auch diesen Sonntag gingen in Hongkong zahlreiche Bürger gegen das Auslieferungsgesetz auf die Strasse.
Mehrere hundert Demonstranten harrten in Hongkong auch in der Nacht auf Montag auf den Strassen aus.
Auch am Sonntag nahmen wieder Zehntausende Menschen in Hongkong an den Protestmärschen teil. Keystone
Menschen gedenken in Hongkong eines verstorbenen Mannes: Bei den anhaltenden Protesten stürzte der Demonstrant in den Tod.
Die Proteste in Hongkong verliefen nicht nur friedlich.
Protestierende in Hongkong ehren das erste Todesopfer mit Kerzen.
Gegen ein chinesisches Auslieferungsgesetz demonstrieren in Hongkong mehr als eine Million Menschen.
Das Gesetz würde es erlauben, auf Ersuchen chinesischer Stellen Verdächtige an die Volksrepublik auszuliefern.
Langzeitbelichtung der Grossdemonstration.
Auch abends waren Hunderttausende auf den Strassen.
In der Nacht auf Montag kam es zu Ausschreitungen.
...
...
...

Eine Frau trägt während einer Anti-Regierungs-Demonstration in Hongkong eine Maske mit der Aufschrift "Fügt Öl hinzu, Leute aus Hongkong".

KEYSTONE/AP/VINCENT YU

Ein Schrei erklingt weit vorn. Der Marsch setzt sich wie eine Welle aus Beinen, Armen und Regenschirmen in Bewegung. Für einen Moment scheint es, als würde sie alles mitreissen und unter sich begraben. Dann erklingt ein Sprechchor: «Ein Schritt, zweiter Schritt». Von der Kreuzung her rückt die Polizei auf die Demonstranten zu. Rückzug.

Die Welle spült Männer und Frauen in die Shopping Malls entlang des Queensway. Sie tragen Motorradhelme, Gasmasken, Taucherbrillen, Wollmützen, eng anliegende schwarze Kleidung. Ein Mann wird getragen. Er windet sich, keucht und würgt. Eine Sanitäterin spritzt ihm Wasser ins Gesicht und versucht, seine Augen zu reinigen. Die Mall füllt sich mit schwarzen Gestalten. Auch Angie Te flüchtet sich in eines der Kaufhäuser. Sie bieten Sicherheit. Die Polizei meidet den Krawall zwischen den Auslagen von Louis Vuitton oder Hermès.

Im Spital ans Bett gekettet

Angie Te hat ihre schwarze Uniform heute zu Hause gelassen. Die Jurastudentin will nach der Demo möglichst früh nach Hause und ein paar Stunden schlafen. Denn dazu wird sie in den kommenden 48 Stunden kaum kommen. Te ist Teil einer Gruppe, die nach jedem Protest-Wochenende Anwälte sucht für die Verhafteten. Ginge sie in Schwarz wie all die anderen, könnte sie selbst von der Polizei aufgehalten werden.

«Die Polizei demütigt uns und macht uns jedes Wochenende wütender", sagt Angie Te, 25.

«Die Polizei demütigt uns und macht uns jedes Wochenende wütender", sagt Angie Te, 25.

Cedric Rehman

Te bittet die Anwälte, beim ersten Kontakt mit den Klienten Fotos zu machen. Sind sie dann noch unversehrt, ist dokumentiert, dass spätere Verletzungen nicht bei den Verhaftungen geschehen sind. Die Hongkongerin zeichnet auch Aussagen von Verletzten in den Krankenhäusern auf. Wut blitzt in ihren Augen auf, als sie erzählt, dass viele mit Handschellen an die Betten gekettet seien. Sie hat eine Erklärung dafür, warum die Bewegung von 2019 – anders als jene vor fünf Jahren – auch nach drei Monaten nicht abflaut. «Die Polizei demütigt Demonstranten und macht uns jedes Wochenende noch wütender. Ich glaube, die Regierung will das so, damit sie den Ausnahmezustand verhängen und China um Truppen bitten kann», sagt Te.

Die Handschellen, die Prügel, erste Berichte über sexuelle Übergriffe auf Demonstrantinnen: All das bezeichnet die Studentin als «weissen Terror». Einen Tag vor dem illegalen Marsch vom Samstag wurden prominente Anhänger der Protestbewegung wie der 22-jährige Joshua Wong verhaftet. Einen Interviewtermin mit uns muss er kurzfristig absagen. Auflage der Polizei: Er darf nicht mehr mit den Medien reden. Auch das ist für Te «weisser Terror», obwohl der Feind, die Volksrepublik China, eine rote Flagge hat. «Weisser Terror» also: Das sei der Grund, weshalb an den Märschen Schwarz getragen wird.

Weiss und Schwarz: Wer der 25-Jährigen zuhört, begreift schnell, dass sich in Hongkong das Farbspektrum auf den schärfsten Kontrast verengt hat. Die Strategie der Protestbewegung beschreibt sie mit einem Satz, der sich einbrennt. «Entweder sie hören uns zu oder sie töten uns», sagt Angie Te.

Anders als die Regenschirmrebellion von 2014 duldet die aktuelle Protestbewegung keine Anführer. Sie organisiert sich in Chatrooms. Sie nutzt das Internet, um den Gegner auszuspionieren. Steckbriefe von Polizisten kursieren im Netz. Sie organisiert sich im digitalen Raum.

Der schwarze Deal mit den Kriegern

Unter den Demonstrierenden gibt es eine Abmachung: Die «Krieger», wie die Demonstranten in den ersten Reihen genannt werden, und die friedlich Marschierenden tragen die gleichen Kleider. Sie alle folgen dem Leitsatz der Hongkonger Kämpfer-Legende Bruce Lee: «Seid wie Wasser», sagte Lee einst. Wenn die Kämpfer sich vor der Polizei zurückziehen, dann verschwinden sie zwischen den friedlichen Demonstranten und tauchen ab ins Schwarz der Masse.

Desmond Lau ist einer der schwarzen Krieger. Oder er ist es fast. Lau steht zwar an der Front. Er vermeide es aber, Straftaten zu begehen, sagt der 17-Jährige. Lau gibt Interviews und lässt sich fotografieren. Das ist ungewöhnlich für einen «Krieger». Die Wut der Jugend in Hongkong, erklärt Lau, die liege an den schwierigen Lebensverhältnissen. Für immer weniger Raum müssten die Menschen immer mehr Miete bezahlen. Und es gebe keine Regierung, die die Unzufriedenen für die verfehlte Wohnpolitik abwählen können. «Wir sind dazu erzogen worden, frei zu denken. Aber in unserer Stadt können wir nichts verändern», sagt Lau. «Wir sind verzweifelt, weil wir nicht die Regierung haben können, die wir wollen. Und die Regierung ist verzweifelt, weil wir nicht so sind, wie sie uns haben will.»

«Die Regierung ist verzweifelt, weil wir nicht so sind, wie sie uns haben will", sagt Desmond Lau, 18.

«Die Regierung ist verzweifelt, weil wir nicht so sind, wie sie uns haben will", sagt Desmond Lau, 18.

Cedric Rehman

Hongkongs Regierung wünsche sich Bürger wie in China. «Chinesen sind wie Vögel, die in den Käfig wollen, weil sie Angst vor dem Fliegen haben», sagt Lau. So will er nicht sein. Als er ein paar Tage nach der Demo hört, dass die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam das Auslieferungsgesetz zurückzieht, an dem sich die Proteste entzündet hatten, zeigt er sich unbeeindruckt. Nur ein Ablenkungsmanöver, sagt Lau.

Auch die Jurastudentin Angie Te gibt sich mit Carrie Lams Entgegenkommen nicht zufrieden. Freie Wahlen ohne Vorauswahl der Kandidaten durch Peking: nichts darunter sei als Lösung akzeptabel. Hat Te nicht an der Demonstration noch gesagt, dass die Gewalt der Regierung in die Hände spiele? Dass es Carrie Lam dank den Demos leichter falle, den Ausnahmezustand auszurufen und Pekings Truppen anzufordern? «Ich sehe keine Alternative zu den Protesten. Wir müssen das riskieren. Lam muss nachgeben», sagt die Studentin.

Vielleicht aber liegt der Konflikt nicht nur darin begründet, wie Hongkong regiert wird. Die Idee einer Hongkonger Nation mit eigener Kultur vertreten Demonstranten, deren Eltern oft in den 60er-Jahren vor Maos Rotgardisten in das damalige britische Hongkong geflüchtet sind. Es sind Menschen, verwurzelt in der chinesischen Kultur, die sich von dieser Kultur aber nichts vorschreiben lassen wollen. Menschen, die manchmal selbst nicht genau zu wissen scheinen, wer sie genau sind. Wenn es weiterhin nur Schwarz oder Weiss gibt in Hongkong, dann wird China diese Frage vielleicht schon in diesem Herbst endgültig beantworten.