Italien
«Hotel Mamma»: Studenten liegen Eltern ewig auf der Tasche

Jeder zweite Jugendliche zwischen 25 und 35 Jahren lebt in Italien noch bei den Eltern. Der «mammismo» (Muttersöhnchentum) wird, wie ein neues Urteil belegt, gesetzlich sogar noch gefördert.

Dominik Straub, Rom
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An italienischen Universitäten ist der Anteil der Langzeitstudenten überdurchschnittlich hoch. imago

An italienischen Universitäten ist der Anteil der Langzeitstudenten überdurchschnittlich hoch. imago

imago/Reporters

Das Studium hatte ein paar Jährchen länger gedauert, als es gemäss Regelstudienzeit vorgesehen gewesen wäre. Doch mit 28 Jahren hatte der junge Mann endlich den Bachelor-Abschluss in Literaturwissenschaft in den Händen. Der Bildungshunger des Absolventen, der noch bei seiner Mutter wohnt, war damit aber noch nicht gestillt: Er begann auch noch, «experimentelle Cineastik» zu studieren.

Für die Kosten des Zweitstudiums wollte der Vater, der getrennt von der Familie lebt, jedoch nicht mehr aufkommen. Worauf der Sohn seinen Vater vor dem Zivilgericht von Modena verklagte. Und gewann. Das Urteil ist kein Einzelfall, sondern Gerichtsalltag in Italien: Pro Jahr klagen rund 8000 volljährige Söhne und Töchter gegen ihre Eltern, um weiterhin Unterhaltszahlungen zu erhalten.

Eine Altersgrenze gibt es nicht

Die Zahl der Klagen hat in den letzten Jahren um zehn Prozent zugenommen. Nicht selten sind die Kläger 30-jährig oder älter. Trotzdem gewinnen sie vor Gericht in neun von zehn Fällen. Hauptgrund dafür sind Gesetze, die nicht zwischen Erst- und Zweitausbildung unterscheiden (wie dies in der Schweiz und in Deutschland der Fall ist), sondern die «Neigungen und Berufswünsche der Kinder» beinahe zum alleinigen Kriterium bei der Gewährung von Unterhaltszahlungen erhebt. Eine Altersgrenze existiert nicht.

Der italienische Verband der Eherechts-Spezialisten verlangt schon seit Jahren eine zeitliche Begrenzung der Unterhaltspflicht – und verweist dabei auf den hohen Anteil von Bummel- und Langzeitstudenten an den italienischen Universitäten. An der Römer Sapienza-Universität liegt die Zahl der «studenti fuori corso», also der Studierenden mit Rückstand auf die Regelstudienzeit, bei 33 Prozent, an der Universität Neapel sind es 40 Prozent. Der jeden Monat per Gesetzesgarantie eintreffende Check der Eltern sei für die Studierenden kein Anreiz, sich an der Uni etwas mehr anzustrengen, betonen die Ehe-Juristen. Bisher sind die Bemühungen zur Einführung einer Altersgrenze allerdings vergeblich gewesen.

Die Tendenz, den Eltern auch noch im Erwachsenenalter auf der Tasche zu liegen und im «Hotel Mamma» zu verweilen, ist in Italien weit verbreitet. Laut dem europäischen Statistikamt Eurostat wohnen zwei Drittel der jungen Italiener im Alter zwischen 18 und 34 Jahren noch bei einem oder beiden Elternteilen. Damit ist die Zahl der Nesthocker in Italien doppelt so hoch wie in Frankreich oder England. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen ist es noch jeder zweite Italiener. Laut Eurostat sind hauptsächlich wirtschaftliche Gründe für die Beliebtheit des «Hotels Mamma» verantwortlich. Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien liegt bei fast 40 Prozent. Und von denjenigen jungen Erwachsenen, die eine Stelle haben, leben viele in prekären Arbeitsverhältnissen und arbeiten dabei für Hungerlöhne. Wer weniger als 800 Euro pro Monat verdient und befürchten muss, dass er in absehbarer Zeit seine Stelle wieder verliert, der zieht nicht von zu Hause aus.

Nicht nur wirtschaftliche Gründe

Allein die Krise für den «Mammismus» verantwortlich zu machen, greift laut Experten allerdings zu kurz. Das Nesthockertum in Italien ist in unzähligen soziologischen Studien untersucht worden und hat laut diesen Studien viel mit der übertriebenen Bemutterung und Bevormundung vor allem der Söhne durch ihre Mütter zu tun. Letztlich widerspiegelt sich diese kulturell geprägte Bemutterung der Sprösslinge auch in der absurd grosszügigen Rechtsprechung bezüglich der elterlichen Unterstützungspflicht.