Venezuela
Hugo Chávez: Der Abgang eines Sonnenkönigs

Er war ein Stehaufmännchen. Jemand, der Niederlagen in Siege verwandelte. Ein geborener Volkstribun, der Menschen und Medien für sich vereinnahmen konnte.

Sandra Weiss
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Hugo Chávez vor einem Gemälde mit seinem grossen Vorbild, dem Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar

Hugo Chávez vor einem Gemälde mit seinem grossen Vorbild, dem Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar

Keystone

Als Hugo Chávez erster Putschversuch im Februar 1992 niedergeschlagen wurde, kapitulierte er vor laufenden Kameras: «Wir sind gescheitert. Vorerst.»

Den gleichen Satz nutzte er im Dezember 2007 nach der einzigen Niederlage an der Urne, die er in seinen 14 Jahren Regierungszeit erlitten hat. Damals lehnte die Bevölkerung die von ihm vorgeschlagene Verfassungsänderung, die ihm eine unbegrenzte Wiederwahl erlaubte, mit knapper Mehrheit ab. «Vorerst» prangte einige Tage nach der schmerzhaften Niederlage auf leuchtend roten Plakatwänden in der Hauptstadt Caracas. Zwei Jahre später legte Chávez das Projekt erneut vor - unter eklatantem Verstoss gegen die Verfassung - und siegte.

Zitate von Chávez

Hugo Chávez war als "verbaler Haudegen" bekannt und gefürchtet. Ob emotional nach seiner Krebserkrankung, polemisch am UNO-Sitz in New York oder angriffslustig in seiner stundenlangen One-Man-Show "Aló, Presidente" - der Comandante nahm selten ein Blatt vor den Mund. Ein Auswahl von Zitaten:

- "Gib' mir Leben Gott, auch wenn es ein schmerzhaftes, brennendes Leben ist. Das kümmert mich nicht. Gib' mir Deine Krone, Christus. Gib' sie mir, dass ich blute, gib' mir Dein Kreuz, hundert Kreuze, die ich trage, aber gib' mir Leben. Nimm' mich noch nicht, gib' mir Deine Dornen, gib' mir Dein Blut, das ich bereit bin zu tragen aber mit Leben, Christus, mein Herr. Amen."

(Chávez bei einer Messe am 6. April 2012)

- "Ich fasse mich kurz."

(Chávez am 02. Dezember 2012 zu Beginn einer Rede von einer Stunde und sechs Minuten beim Gründungsgipfel der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten in Caracas)

- "Patria, Socialismo o Muerte"

(Der von Chávez am 10. Januar 2007 erstmals gebrauchte Ausspruch "Vaterland, Sozialismus oder Tod")

- "Hier werden wir keinen Tod haben, wir müssen leben und siegen. Deshalb schlage ich ein anderes Motto vor: Vaterland, Sozialismus und Sieg, wir werden leben und siegen."

(Chávez im Juli 2011, einen Monat nachdem die Ärzte in Kuba bei ihm Krebs diagnostiziert hatten.)

- "Einer der grössten Staatsmänner des Jahrhunderts."

(Chávez 2009 über Libyens Staatschef Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi (1942-2011))

- "Jetzt verstehe ich die Wut des Königs (Juan Carlos von Spanien). Herr König, ich sage Ihnen Folgendes: Wir sind 500 Jahre alt, und wir werden niemals schweigen, ganz bestimmt nicht durch die Stimme eines Monarchen."

(Chávez am 14. November 2007 auf die berühmte Aufforderung von Juan Carlos an Chávez: "Warum hältst Du nicht endlich den Mund?")

- "Gestern war der Teufel hier, genau hier. ... Und es riecht hier noch immer nach Schwefel."

(Chávez 2006 bei der UNO-Vollversammlung in New York unter Verweis auf US-Präsident George W. Bush, der am Tag zuvor gesprochen hatte.)

- "Du bist ein Ignorant, ein Esel, ein kranker Mann, unmoralisch, feige, Lügner, Völkermörder, .., Trunkenbold, lächerlich."

(Chávez im März 2006 an die Adresse von US-Präsident George W. Bush)

- "Sie gehört der deutschen Rechten an, derselben, die Hitler unterstützt hat, die den Faschismus unterstützt hat. Das ist die Kanzlerin des heutigen Deutschland."

(Chávez am 1. Mai 2008 über Bundeskanzlerin Angela Merkel, nachdem Merkel zu verstehen gegeben hatte, dass Chávez nicht für Lateinamerika spreche.)

- "Diese Unternehmen exportieren Zement, das ist Kapitalismus. Daher muss nationalisiert werden."

(Chávez 2008 zur Begründung, warum er alle Zementfabriken verstaatlichen will.)

- "Unsere politischen Führer gehen von Gipfel zu Gipfel, aber unsere Völker gehen von Abgrund zu Abgrund."

(Chávez in der Schlusssitzung des Weltgipfels am 04. September 2002 in Johannesburg für die Gruppe der Entwicklungsländer) (sda)

Genutzt hat es ihm wenig. Besiegt hat ihn letztlich nicht die Verfassung und nicht die Opposition, sondern sein eigenes Naturell. Sein Starrsinn, seine Leichtsinnigkeit, sein Glaube, mit übermenschlichen Kräften gesegnet zu sein. Doch gegen den Krebs, der sich heimtückisch in seine Hüfte frass, war auch er machtlos. Gestern erlag er 58-jährig seiner Krankheit.

Mit 17 Jahren zum Militär

Geboren am 28. Juli 1954 in dem Dorf Sabaneta im Bundesstaat Barinas als zweites von sechs Kindern wuchs Hugo Chávez in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Eltern waren Lehrer und schickten wegen wirtschaftlicher Engpässe den kleinen Hugo bald zur Grossmutter mütterlicherseits. Sein ganzes Leben lang besass er zu seiner Oma ein innigeres Verhältnis als zu seiner eigenen Mutter. Chávez war schon von klein auf umtriebig, spielte Baseball, interessierte sich für Malerei, Musik und Theater und war Messdiener.

Nach dem Abitur schlug er 17-jährig die militärische Laufbahn ein, wo er es dank seines Fleisses bis zum Oberstleutnant brachte. Er heiratete und zeugte drei Kinder. Zusammen mit anderen, jungen Offizieren gründete er 1982 die Bolivarische Revolutionsbewegung, die nationalistisches Gedankengut pflegte. Sozialistische Ideen flossen durch seinen älteren Bruder Adán, einen überzeugten Kommunisten, und durch seine Affäre mit der deutschstämmigen Historikerin Herma Marksmann ein.

Die Wende kam 1989 in den Unruhen des «Caracazo», als die Streitkräfte Hunderte von Demonstranten massakrierten, was Chávez und seine Kampfgenossen missbilligten und sie in ihrem Vorhaben bestärkte, das Land auf neue Füsse stellen zu müssen.

1992 sahen die jungen Offiziere ihre Stunde gekommen und putschten gegen den demokratisch gewählten, wegen eines Sparprogramms aber unpopulären Präsidenten Carlos Andrés Pérez. Die Putschisten scheiterten, und Chávez wanderte ins Gefängnis - nur um sechs Jahre später im Triumphzug und demokratisch gewählt in den Präsidentenpalast von Miraflores einzuziehen.

Feindbilder USA und Kirche

Dem charismatischen Präsidenten schien alles zu gelingen: Seine eilig aus dem Boden gestampfte Bewegung fegte die etablierten Parteien hinweg, der von ihm einberufene Verfassungskonvent arbeitete ein neues, Chávez wie auf den Leib geschneidertes Grundgesetz aus, das von der Bevölkerung mit grosser Mehrheit angenommen wurde.

Die Gefolgschaft der Armen erkaufte er sich mit Sozialprogrammen und Posten in der staatlichen Verwaltung. Den Putschversuch der Opposition überstand er ebenso wie den Streik der Erdölindustrie - dem wirtschaftlichen Standbein des Staates.

Nach jeder Niederlage ging er drastischer gegen seine Gegner vor, die er als «Oligarchen» oder «Reiter der Apokalypse» beschimpfte. Er schloss den oppositionellen Sender RCTV und verhaftete Regimegegner. Die USA waren für ihn das teuflische Imperium, das ihm nach dem Leben trachtete. Auch mit der konservativen Kirchenhierarchie überwarf er sich, obwohl die Bibel zusammen mit dem Vaterlandsbefreier Simon Bolivar zu seinen wichtigsten Referenzen gehörte.

Die Armen sahen in dem populistischen Mestizen einen Heilsbringer nach vielen Jahren korrupter Vetternwirtschaft und den personifizierten Rächer für Jahrzehnte der Marginalisierung durch eine sozial unsensible Oberschicht.

Politik als Spektakel

Chávez entpuppte sich als gewiefter Politiker und geborener Alleinunterhalter. Er machte aus der Polarisierung eine Strategie und aus der Politik ein Spektakel. Bis zu acht Stunden dauerte seine sonntägliche TV-Show «Alo Presidente», in der er nicht nur das Regierungsprogramm erläuterte, Minister zurechtstutzte oder Bauten einweihte, sondern auch sang, tanzte, Witze erzählte und das Volk herzte. Er war der Shootingstar der internationalen Linken, die in Scharen nach Caracas pilgerte.

Doch im Innersten blieb Chávez stets ein Militär und misstraute allen Zivilisten. Er ernannte Militärs zu Ministern, machte sie zu Gouverneuren und sogar zu Theaterintendanten; am wohlsten fühlte er sich in Uniform. Kompromiss und Ausgleich waren seine Stärke nicht. Er teilte die Welt in Freund und Feind ein, und die Feinheiten der Politik wollte er nie verstehen. Sie waren für ihn Überbleibsel einer korrupten Parteienherrschaft.

Auch von der Wirtschaft hatte er merkwürdige Vorstellungen, die das Land nur dank des immensen Erdölreichtums und der hohen Erdölpreise der vergangenen Jahre überstand. Verstaatlichungen und Devisenkontrollen verschreckten Investoren und trieben einst florierende Unternehmen in den Ruin, Preiskontrollen führten zu Versorgungsengpässen; Korruption und Schattenwirtschaft florierten.

Die Unabhängigkeit der Justiz und Sicherheitskräfte wurde durch bedingungslose Loyalität zum Regime ersetzt. Die Übergriffe seiner bewaffneten Schlägertruppen tolerierte Chávez ebenso wie die Geschäfte seiner Generäle mit der Drogenmafia. Die Kriminalität kannte keine Schranken mehr, Caracas verwandelte sich in eine der gefährlichsten Städte Lateinamerikas. Gleichzeitig subventionierte Chávez seine linken Verbündeten in Kuba, Nicaragua, Bolivien und der Karibik mit Milliarden verbilligter Erdöllieferungen.

Macht auf sich konzentriert

Immer enger wurde sein Verhältnis zu seinem politischen Ziehvater, dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro. Zuletzt vertraute er nur noch den Kubanern, denen er trotz des prekären Zustands ihrer Medizin seine Krebsbehandlung anvertraute. Er konzentrierte immer mehr Macht im Präsidentenpalast. Im Machtrausch überwarf er sich mit einigen seiner Kampfgenossen von einst, und auch mit seiner zweiten Ehefrau Marisabel, die nach einem Nervenzusammenbruch mit der gemeinsamen Tochter auszog.
So blieb er Alleinherrscher, aber einen Nachfolger oder funktionierende Institutionen, die seinen «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» fortführen könnten, konnten in seinem Schatten nicht gedeihen.

Fidel Castro mahnte ihn: «Ich kann beruhigt sterben, ich habe alles vorbereitet, aber du nicht.» Zuletzt schien sich sogar Chávez dessen bewusst zu werden. «Gott, schenk mir noch ein bisschen Zeit», flehte er im Februar vor dem Abflug nach Kuba zu seiner zweiten Krebsoperation.

Unruhige Zeiten für Venezuela

Sein Tod dürfte für Venezuela unruhige Zeiten bedeuten. Was vom Erbe des venezolanischen Sonnenkönigs übrig bleiben wird? Darüber gibt es wie immer geteilte Meinungen in Venezuela. Die Emanzipation von den USA und die Wiederbelebung der lateinamerikanischen Integration, sagen die Chavistas. Auch wenn das freilich rhetorisch ist. Bis zuletzt blieben die USA der wichtigste Abnehmer venezolanischen Erdöls, und bei der lateinamerikanischen Integration hat längst Brasilien den Protagonismus übernommen.

Die Emanzipation und Politisierung der Armen, sagt dagegen der Meinungsforscher Oscar Schemel. Ob dies jedoch den Tod des Idols übersteht? Ein weiterer gescheiterter Traum, ein Haufen Narco-Generäle und eine neue Bourgeoisie, ebenso korrupt wie die alte, sagt der eingefleischte Kritiker Carlos Alberto Montaner. «Ebenso wie sein Vorbild Bolívar hat Chávez im Meer gepflügt.»