Hunderte Festnahmen nach Arbeiterprotesten

Mit rund 500 Festnahmen hat die türkische Polizei auf die Arbeiterproteste an der Baustelle für den neuen Istanbuler Grossflughafen reagiert. Die Festgenommenen hatten zuvor gegen die Arbeitsbedingungen protestiert.

Jürgen Gottschlich, Istanbul
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Türkische Polizisten nahmen am Wochenende über 500 Arbeiter der Grossbaustelle für den neuen Flughafen in Gewahrsam. Bild: Emrah Gurel/AP (Istanbul, 15. September 2018)

Türkische Polizisten nahmen am Wochenende über 500 Arbeiter der Grossbaustelle für den neuen Flughafen in Gewahrsam.
Bild: Emrah Gurel/AP (Istanbul, 15. September 2018)

Nach Angaben der regierungskritischen Gewerkschaft Insaat-Yapi-Is drang die türkische Polizei in den frühen Morgenstunden in die Unterkünfte der Arbeiter ein, die auf der Grossbaustelle für den neuen Flughafen von Istanbul beschäftigt sind und nahm rund 500 von ihnen in Gewahrsam.

Mit diesen Festnahmen soll ein Streik, den die Arbeiter am Freitag begonnen hatten, niedergeschlagen werden. Gegenüber der Deutschen Presseagentur sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft, Özgür Karabulut, der Streik sei damit aber nicht beendet. «Die Wut der Arbeiter wird nicht so leicht nachlassen.»

Erdogans grösstes Infrastrukturprojekt

Seit vier Jahren wird unter Hochdruck am Bau des neuen dritten Flughafens für Istanbul gearbeitet. Der Flughafen soll am 29. Oktober, zum Jahrestag der Republikgründung, von Präsident Recep Tayyip Erdogan feierlich eröffnet werden. Der Flughafen ist das grösste und wichtigste Infrastrukturprojekt von Präsident Erdogan. Er soll mit einer Kapazität von 90 Millionen Reisenden im Jahr eröffnet werden und nach endgültiger Fertigstellung 200 Millionen Reisende im Jahr abfertigen können. Damit hätte Istanbul den grössten Flughafen der Welt.

Nach türkischen Medien­berichten sind die Arbeitsbedingungen auf dem Grossprojekt ­katastrophal. Wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen soll es nach Recherchen regierungskritischer Medien in den vier Jahren bisheriger Bauzeit zu rund 300 tödlichen Unfällen gekommen sein. Offiziell räumt die Regierung 27 Todesfälle ein. Anlass für den aktuellen Streik war ein Unfall von einem Servicebus, der die Arbeiter von ihrem Schlaflager zur Baustelle bringen sollte. In den provisorischen Unterkünften sind rund 15000 Arbeiter untergebracht, doppelt so viele sind auf der Baustelle beschäftigt.

Die Streikenden beklagen aber auch die Arbeitshetze, die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und die schlechte Bezahlung, die sie von zwischengeschalteten Subunternehmen bekommen. Die Regierung will unter allen Umständen den Eröffnungstermin gesichert haben und hat deshalb bereits am Freitag ein massives Polizeiaufgebot auf die Baustelle geschickt, das mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Arbeiter vorgegangen ist. Auch eine Solidaritätsdemonstration wurde von der Polizei gewaltsam aufgelöst.

Das für den Flughafenbau zuständige Unternehmen IGA hatte zwar erklärt, man werde so schnell wie möglich Massnahmen ergreifen, um etwaige Missstände zu beseitigen. Bislang gibt es aber keinerlei konkrete Zusagen.