«Hungerschlangen» in Madrid: Die Coronakrise treibt Tausende Spanier zur Armenspeisung

Immer mehr Menschen in Spanien stehen vor dem Nichts. Das bekommen vor allem Suppenküchen und Armenspeisungen zu spüren. Ein Augenschein.

Manuel Meyer aus Madrid
Drucken
Teilen
«Hungerschlange» in Madrid: Allein in der Hauptstadt stehen 100'000 Spanier vor Armenspeisungen an.

«Hungerschlange» in Madrid: Allein in der Hauptstadt stehen 100'000 Spanier vor Armenspeisungen an.

Bild: Manu Fernandez/AP

Aurora schämt sich ein wenig. «Ich hätte niemals gedacht, irgendwann einmal für Lebensmittelspenden anstehen zu müssen», sagt die 65-jährige Spanierin. Es klingt, als wolle sie sich für ihre Not entschuldigen. Pfarrer José Manuel Horcajo spricht ihr Mut zu, während er auf seinem iPad schaut, ob Aurora auch ein Anrecht auf die Lebensmittel hat.

Die Hilfsbedürftigen müssen sich im Pfarramt melden und ihre Notlage belegen, um auf die Liste für die Armenspeisung zu kommen. Es dauert ein wenig, bis er Auroras Namen findet. Die Liste ist lang. Pfarrer Horcajo erklärt:

«Seit Ausbruch der Pandemie hat sich die Zahl der Menschen, die bei uns täglich nach Essen fragt, fast vervierfacht.»

Aufgrund der Coronakrise haben viele Menschen ihren Job verloren und wissen nicht mehr, wie sie ans Monatsende kommen sollen. Normalerweise versorgte seine Pfarrgemeinde San Ramón Nonato täglich um die 300 Personen mit Essen. Heute stellen sich bis zu 1300 Menschen für die Suppenküche an.

«Szenen wie in Venezuela»

Horcajos Pfarrkirche Arbeiter- und Einwandererviertel im Süden der spanischen Hauptstadt Madrid ist bei weitem kein Sonderfall. Die Presse spricht bereits von «Hungerschlangen» und «Szenen wie in Venezuela». Die Schlange vor der Pfarrkirche San Ramón Nonato geht quer über den Platz und schlängelt sich mehrere Hundert Meter die María Bosch-Strasse hoch. Aurora zieht an der unendlich wirkenden Schlange vorbei, um sich hinten an zu stellen. Zum Schutz trägt sie Gummi-Handschuhe und Maske.

In ganz Spanien und speziell in Grossstädten wie Madrid oder Barcelona wächst die Zahl der Personen, die auf Essensspenden angewiesen sind. In Madrid sind es offiziell bereits über 100'000 Menschen. Die Lebensmittelbank verzeichnet seit Ausbruch der Pandemie einen Anstieg der Hilfsbedürftigen um 30 Prozent, Caritas von 40 Prozent.

Zahlen, hinter denen Schicksale wie das von Aurora stehen. Sie lebt mit ihrem Mann Jaime in einer 60 Quadratmeter kleinen Wohnung. Die Miete beträgt 500 Euro. Die Nebenkosten für Wasser, Strom und Gas belaufen sich auf monatlich 150 Euro. «Das können wir gerade noch so bezahlen mit dem Arbeitslosengeld meines Mannes und meiner Sozialhilfe. Doch für Lebensmittel haben wir kaum etwas übrig», sagt Aurora, während sie die Lebensmittelspenden in ihren Einkaufstrolley packt.

Unser Kühlschrank wäre leer, könnten wir uns hier nicht Essen abholen

Aurora arbeitete drei Mal pro Woche «schwarz» als Putzhilfe bei einer Familie im reicheren Norden Madrids. Die Familie wollte aber wegen der Ansteckungsgefahr ihre Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen. Ausserdem hatte sie keinen Arbeitsvertag und hätte im Zuge der strikten Ausgangskontrollen durch die Polizei eine Strafe bekommen können.

«Unser Kühlschrank wäre leer, könnten wir uns hier nicht Essen abholen», sagt auch Nelson. Nelson, 23 Jahre, kam vor vier Monaten mit seiner Frau Amalia aus El Salvador nach Spanien. Er war Lastwagenfahrer, sie arbeitete in einem Frisörsalon. «Doch in unserer Heimat hatten wir keine Zukunft. Wir wollen eine Familie gründen. Aber in El Salvador herrscht grosse Armut und Gewalt».

Die Tausend US-Dollar, mit denen das junge Paar aus Mittelamerika nach Madrid kam, waren schnell aufgebraucht. «Ich habe uns mit Aushilfsarbeiten auf Baustellen über Wasser gehalten. Doch mit der Coronakrise sind keine Jobs mehr zu bekommen», versichert Nelson und stopft die Plastik-Tupperware der Armenspeisung in seinen Rucksack. Heute gibt es Linseneintopf, Kartoffeln mit Speck und Weintrauben.

Der Shutdown treibt Menschen in Armut

Ob er auf kurze Sicht einen Job finden wird, bezweifelt Nelson. Und die Perspektiven sehen in Spanien mehr als düster aus – für Spanier und vor allem für viele der sozial schwachen Einwandererfamilien aus Afrika oder Lateinamerika. Selbst die spanische Regierung vermutet, dass die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise und des Shutdowns viele Menschen in die Armut treiben könnte.

Schon jetzt hat ein Viertel der Bevölkerung Schwierigkeiten, am Monatsende alle Rechnungen begleichen zu können. Seit Ausbruch der Pandemie haben eine Million Menschen ihre Arbeit verloren. In 1,1 Millionen Haushalten hat kein Familienmitglied mehr einen Job.

«Spanien zog keine Lehren aus der schweren Finanzkrise 2008 und verpasste es in den Jahren, wichtige Strukturveränderungen auf dem Arbeitsmarkt vorzunehmen», sagt Wirtschaftswissenschaftlerin und Armutsforscherin Olga Cantó. Das zeigt sich nun in den Suppenküchen und Armenspeisungen des Landes.

Mehr zum Thema