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Hysterie wegen Flüchtlingsbooten im Ärmelkanal

Empörte Schlagzeilen über eine vermeintliche neue Flüchtlingskrise schrecken die britische Politik auf. Innenminister Sajid Javid brach seine Weihnachtsferien ab.
Sebastian Borger, London
Staatssekretärin Caroline Nokes im Gespräch mit einem Grenzschutzbeamten im Hafen von Dover. (Bild: Victoria Jones/AP (29. Dezember 2018))

Staatssekretärin Caroline Nokes im Gespräch mit einem Grenzschutzbeamten im Hafen von Dover. (Bild: Victoria Jones/AP (29. Dezember 2018))

Sechs Männer landeten am Sonntagmorgen am Strand von Kingsdown, wenige Kilometer nordöstlich der Hafenstadt Dover, und liessen sich widerstandslos vom Grenzschutz festnehmen. Die ­Iraner erhielten medizinische Betreuung und wurden in ein Asyl-Aufnahmezentrum gebracht. Nach Behördenangaben haben seit Heiligabend knapp 100 Menschen, darunter Minderjährige und Kinder, mit Schlauchbooten die Meerenge von Dover überwunden. Bei den meisten handelt es sich um syrische oder iranische Staatsangehörige; doch auch ­viele Kurden seien darunter.

In den vergangenen zwei Monaten haben nach Zählung der BBC mehr als 220 Flüchtlinge die Überfahrt versucht. Der Ärmelkanal ist an seiner engsten Stelle zwischen Calais und Dover lediglich 34 Kilometer breit. Er zählt zu den meistbefahrenen Schifffahrtsstrassen der Welt, wird täglich von 400 bis 500 Schiffen befahren, die Fähren zwischen England und Frankreich nicht eingerechnet. Seeleute vergleichen die Überfahrt von Frankreich nach England mit der Überquerung einer achtspurigen Autobahn zur Hauptverkehrszeit mit einem Supermarkt-Einkaufswagen.

London bietet Zugang zu Schwarzarbeit

Die im Europa-Vergleich lächerlich geringen Flüchtlingszahlen nutzt die ohnehin stets zu Hysterie neigende Londoner Boulevardpresse in der nachrichten­armen Nachweihnachtszeit zu reisserischen Schlagzeilen. Vom «Migrantenchaos» schrieb der «Sunday Telegraph». «Beschlagnahmt die Boote in Calais!» ­forderte die «Mail on Sunday», gestützt auf Äusserungen der konservativen Abgeordneten ­Anne-Marie Trevelyan.

Die Zusammenarbeit mit Frankreich steht immer wieder im Mittelpunkt der britischen Flüchtlingspolitik. Bei der jüngsten britisch-französischen Regierungskonsultation im Januar hatte Premierministerin Theresa May dem Nachbarland einen Beitrag von 44,5 Millionen Pfund, rund 55,6 Millionen Franken, für die Grenzsicherung im nordfranzösischen Hafen Calais zugesagt. Dort versammeln sich immer wieder Tausende von Flüchtlingen, um nach Grossbritannien zu kommen. Mit dem Geld wurden vor allem die Zufahrten zum Kanaltunnel mit kilometerlangen, meterhohen Zäunen versehen, um Fluchtwilligen den Zugang zu Lastwagen zu erschweren.

Sajid Javid. (Bild: Facundo Arrizabalaga)

Sajid Javid. (Bild: Facundo Arrizabalaga)

Genau diese Massnahmen würden die Migranten jetzt zu ihren waghalsigen Seereisen verleiten, glaubt Bridget Chapman vom Flüchtlingsrat Kent. «Ich habe Bilder von Leuten ohne ­Rettungswesten gesehen, das ist schrecklich.» Die organisierten Schmugglerbanden, häufig geleitet von britischen Staatsbürgern, verdienen an der letzten Etappe bis zu fünfstellige Summen. Viele Flüchtlinge wollen nicht in Frankreich Asyl beantragen. Die Insel bleibt ihr Traumziel: Zum einen sprechen sie – mal besser, mal schlechter – die Weltsprache Englisch, zum anderen bieten existierende ethnische Minderheiten, zumal in der Vielvölkerstadt London, Schutz und Zugang zum (Schwarz-)Arbeitsmarkt. Eine Rückkehr in die Heimat lehnen sie ab. «Ich würde lieber auf See sterben, als in den Iran zurückkehren», wird ein Migrant in der «Sunday Times» zitiert.

Offenbar heizen Menschenschmuggler vor Ort die Situation noch dadurch an, dass sie die Migranten vor den Brexit-Folgen warnen: Wenn Grossbritannien erst einmal aus der EU ausscheide, werde die Überfahrt noch schwieriger.

Innenminister Javid hat zwar von seinen Ferien in Kenia aus die Situation an der Ärmelkanal-Küste zu einem «ernsten Zwischenfall» erklärt, sieht aber keine kurzfristigen Lösungsmöglichkeiten. Er brach seine Ferien ab. Während die oppositionelle Labour-Party Javids Vorgehen als verfehlt anprangerte, warnten Kirchenvertreter vor Hysterie.

Konservative fordern mehr Grenzschutzboote

Die von konservativen Fraktionskollegen geforderten zusätzlichen Grenzschutzboote könnten eine Sogwirkung zur Folge haben, glaubt der Innenminister, der selbst Sohn pakistanischer Einwanderer ist. Javids Staatssekretärin Caroline Nokes liess sich am Samstag derweil medienwirksam in einer gelben Rettungsweste am Hafen von Dover filmen. Dass dabei ein Boot der Grenzwache hinter ihr im Kreis fuhr, gab der Debatte eine humoristische Note.

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