Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Amanda Knox nach ihrer Rückkehr nach Italien: «Ich bin kein Monster»

Acht Jahre nach ihrer Freilassung ist die wegen Mordes verurteilte und später freigesprochene Amerikanerin Amanda Knox nach Italien zurückgekehrt, um mit Justiz und Medien abzurechnen.
Dominik Straub, Rom
Amanda Knox am Criminal Justice Festival in Modena. (Bild: Antonio Calanni/AP, 15. Juni 2019)

Amanda Knox am Criminal Justice Festival in Modena. (Bild: Antonio Calanni/AP, 15. Juni 2019)

Während ihres gesamten Auftritts in Modena rang Amanda Knox um ihre Fassung und kämpfte mit den Tränen. Mehrfach versagte ihr aufgrund der starken Emotionen die Stimme; sie musste ihre Rede unterbrechen. «Ich habe immer noch Angst in Italien, einem Land, das einmal ein Zuhause gewesen war. Ich habe immer noch Angst, verlacht, belästigt und erniedrigt zu werden.» Die heute 31-jährige ehemalige Austauschstudentin aus Seattle wirkt immer noch traumatisiert von dem, was am 2. November 2007 in ihrer Erasmus-Wohngemeinschaft in Perugia vorgefallen war – und von der jahrelangen Gerichts- und Gefängnisodyssee, die für sie danach folgen sollte.

In jener Nacht von Halloween war ihre 21-jährige Mitbewohnerin Meredith Kercher aus Leeds brutal ermordet worden. Die britische Studentin lag halbnackt und mit zerstochener Kehle in ihrem Zimmer; vor ihrem Tod war sie vergewaltigt geworden. Es dauerte nicht lange, bis Amanda und ihr damaliger italienischer Verlobter Raffaele Sollecito ins Visier der Justiz gerieten. In einem ersten Prozess wurden die beiden wegen Mordes zu 26 und 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, in einem weiteren, neu aufgerollten Verfahren zu 28 und 25 Jahren. Als Mittäter zu 16 Jahren verurteilt wurde der schwarze Hilfsarbeiter Rudi Guede. Dieser hatte gestanden, beim Mord dabei gewesen zu sein; die eigentliche Tat aber hatte er Knox und Sollecito in die Schuhe geschoben.

Happige Vorwürfe

Der Prozess gegen Amanda Knox, die von den italienischen Medien als «Engel mit Eisaugen» bezeichnet wurde, hatte weltweit Aufsehen erregt, besonders in den USA und in England, den Herkunftsländern der mutmasslichen Täterin und des Opfers. Für die US-Medien war Amanda Knox das unschuldige Opfer einer unfähigen italienischen Justiz; das Anti-Amanda-Lager in England dagegen stellte Knox als Prototyp eines männerverschlingenden Vamps dar, die ihre beiden willenlosen männlichen Begleiter zur Bluttat angestiftet habe. Am Ende des jahrelangen Gerichtsdramas bestätigten die italienischen Richter schliesslich die amerikanische Lesart des Geschehens: 2011 erfolgte ein erster Freispruch, worauf Amanda in die USA zurückkehren konnte; 2015 bestätigte der Römer Kassationshof die Unschuld Amandas und Sollecitos in endgültiger Weise.

Am Kongress über Strafjustiz in Modena fuhr Amanda Knox schweres Geschütz auf gegen die Justiz und die Medien in Italien: «Während Jahren gab es Schlagzeilen über Orgien und Sexspielzeug. Ich wurde als Schlitzohr dargestellt, als Psychopathin, als dreckige und drogenabhängige Hure», sagte sie mit stockender Stimme. Dieser Ruf habe sie dann zwangsläufig auch im Gerichtssaal begleitet: Unter diesen Umständen habe sie «keinen fairen Prozess» mehr erwarten können. «Ich bin aber kein Monster, sondern ein Opfer», betonte Amanda am Wochenende. Sie und Sollecito seien in dieser Nacht nicht am Tatort gewesen, und sie habe auch «kein Motiv gehabt, meine Freundin Meredith zu töten».

Bei ihrer Anklagerede unterschlug Amanda Know, dass sie selber an der Voreingenommenheit ihr gegenüber massgeblich mitschuldig war: Sie hatte, um in den Polizeiverhören von sich selber als möglicher Täterin abzulenken, kurz nach dem Mord einen afrikanischen Barkeeper der Tat beschuldigt. Dieser verbrachte 23 Tage unschuldig in Untersuchungshaft, bis ihm ein Zeuge ein Alibi verschaffte. Zuvor hatte es in den italienischen Medien keinerlei Verdächtigungen oder Vorverurteilungen gegen die attraktive US-Studentin gegeben. Für die falsche Anschuldigung ist Amanda Knox zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Insgesamt hat sie vier Jahre in italienischen Gefängnissen verbracht.

Täterschaft weiterhin unbekannt

Am 2. November 2007 war Amanda Knox noch beinahe ein Kind gewesen: «Mit meinen 20 Jahren war ich eine glückliche und fröhliche ‹ragazza› (Mädchen) gewesen – und wurde dazu verdammt, vier Jahre allein im Gefängnis zu verbringen, in einem unmenschlichen, ungesunden, unberechenbaren Umfeld», sagte Amanda in Modena. In ihrer Zelle habe sie an Selbstmord gedacht, und nur der Gefängnispfarrer habe sie davon abbringen können. Auch das Leben ihrer Eltern sei auf den Kopf gestellt worden; deren Ersparnisse und Pensionsfonds seien durch die Anwaltskosten aufgebraucht worden.

In Italien und in Leeds haben nicht alle den Auftritt Amandas in Modena als opportun empfunden. So forderte etwa der Anwalt von Merediths Eltern Respekt für das Opfer. Die Eltern wissen trotz des Freispruchs für Amanda und Sollecito bis heute nicht, wer alles dabei war, als ihre Tochter ermordet wurde. «Ich weiss, dass ich noch mein Leben lang mit dieser Tragödie und mit dem Tod meiner Freundin in Verbindung ­gebracht werde», erklärte Amanda. Jedes Mal, wenn sie über Meredith spreche, werde sie beschimpft und beleidigt – «als wäre es ein Affront gegenüber Meredith, dass ich noch lebe».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.