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Neuer Gottesstaat nur
Nuancen vom IS entfernt

Dschihadistische Terrormilizen setzen in Idlib im Nordwesten Syriens ihr eigenes Emirat durch. Dabei hat die Türkei als selbstdeklarierte Ordnungsmacht öffentlich zur Bekämpfung der Gruppierung verpflichtet.
Michael Wrase, Limassol
Kinder ausserhalb des Flüchtlingscamps Al-Ihsan in Idlib. Bild: Muhammed Abdullah/Getty (15. Januar 2019)

Kinder ausserhalb des Flüchtlingscamps Al-Ihsan in Idlib.
Bild: Muhammed Abdullah/Getty (15. Januar 2019)

Knapp drei Jahre ist es her, seitdem Al-Kaida-Führer Ayman al-Zawahiri die dschihadistische Nusra-Front dazu ermuntert hatte, in der syrischen Provinz Idlib ein eigenes Emirat zu gründen. Syrien, verkündete der Bin-Laden-Nachfolger in einer Audio-Botschaft, sei «die Hoffnung der muslimischen Gemeinschaft» – welche sich für die sogenannten «Rechtschaffenen» inzwischen erfüllt hat.

Die terroristischen Nusra-Milizen, die seit Anfang 2017 unter dem Namen Hayat Tahrir al-Scham (HTS) – zu Deutsch: Bündnis zur Befreiung der Levante – auftreten, beherrschen seit Ende vergangener Woche die syrische Provinz Idlib und Teile der angrenzenden Provinz Hama. Mehr als vier Jahre hatten die von uigurischen und tschetschenischen Kampfgruppen unterstützten HTS-Milizen auf dieses Ziel hingearbeitet, ihre islamistischen Kontrahenten vor die Wahl ­zwischen Kapitulation und ­anschliessender Unterordnung oder Liquidierung gestellt.

Hilfsorganisationen lehnen Versorgung ab

Die von den afghanischen Taliban abgeschaute Strategie des syrischen Al-Kaida-Ablegers war erfolgreich: Mit einer um die ­Jahreswende gestarteten Grossoffensive zwangen die HTS-Milizen auch die «Nationale Befreiungsfront», ein Sammelbecken kleinerer islamistischer Milizen, in die Knie. Nach heftigen Verlusten auf dem Schlachtfeld musste die mit der Türkei verbundene Allianz eine Vereinbarung unterzeichnen. Sie garantiert das physische Überleben der Milizionäre, wenn sie sich im Gegenzug der von der HTS kontrollierten «Regierung der Erlösung» unterstellen.

Ihre Herrschaft unterscheidet sich nur in Nuancen von der des IS in ihrem mittlerweile zerschlagenen «Islamischen Staat». Zigaretten sind verboten, Cafés, die Musik spielen, mussten schliessen. Frauen werden zur Vollverschleierung gezwungen und auf Plakatwänden als «Reproduktionsorgane» gepriesen. Demokratie verdammen die HTS-Propagandisten als «Religion des Westens». Entsprechend brutal geht die «Erlösungsregierung» gegen Andersdenkende vor. Hunderte sitzen in Gefängnissen, in denen Folter an der Tagesordnung ist. Für die gut zwei Millionen Einwohner in Idlib sind die Erfolge des HTS eine Katastrophe, weil die meisten interna­tionalen Hilfsorganisationen es inzwischen ablehnen, eine Provinz zu versorgen, die von einer Terrororganisation kontrolliert wird.

Auf die offizielle Proklamation eines Emirates, das de facto längst besteht, hat die «Regierung der Erlösung» bisher verzichtet. Um die Nachrichtendienste zu verwirren, versuche sie ihre wahren Ziele weiterhin zu verschleiern, sagen Experten. Tatsächlich hätten die etwa 25000 HTS-Kämpfer Al-Kaida den Treueeid geschworen und seien niemals von der Ideologie der Terrororganisation abgewichen, betont Hassan Hassan vom «Tahrir Institute for Middle East Policy» in Washington. Die anhaltenden Erfolge des HTS im Nordwesten Syriens sind eng verknüpft mit dem Versagen der Türkei als regionale Ordnungsmacht. Erst im September hatte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gegenüber dem russischen Staatschef Wladimir Putin verpflichtet, gegen die HTS-Milizen vorzugehen. «Die Türkei bekommt das hin», hatte Erdogan in der zweiten Januarwoche in einem Gastbeitrag für die «New York Times» behauptet, in dem er seine Armee abermals als effek­tive Ordnungsmacht für Nord­syrien lobpreiste.

Grossoffensive wohl schon im Februar

In Wirklichkeit hätten die in der Region stationierten türkischen Streitkräfte während der HTS-Offensive «keinen Finger krumm gemacht», den Dschihadisten das Feld überlassen, klagen Sprecher der geschlagenen «Nationalen Befreiungsfront». Deren Kämpfer fühlen sich jetzt von Erdogan «verraten». Ein «Comeback», so scheint es, wird den protürkischen Milizen trotz des Versprechens einer Gegenoffensive in der Provinz Idlib so bald nicht gelingen. Dafür sind sie zu schwach und schlecht organisiert. Als neue Ordnungsmacht steht dagegen die syrische Armee bereit, die schon im vergangenen Herbst die Provinz Idlib zurückerobern wollte, aber von Putin und Erdogan zurückgepfiffen wurde. Die lange geplante Grossoffensive könnte nach Berichten aus Damaskus schon im Februar beginnen. Auch mit russischer Luftunterstützung sei dann zu rechnen. Die Al-Kaida-Milizen, drohte ein syrischer Regierungssprecher, hätten die Wahl «zwischen Flucht und Vernichtung».

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