Ihr vertrauen die Kiwis in der Krise: Jacinda Ardern hat Corona besiegt, jetzt steht sie vor der Wiederwahl

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern könnte bei der Parlamentswahl am Samstag einen Erdrutschsieg einfahren – obwohl selbst ihr in der Pandemie nicht alles gelingt.

Matthias Stadler aus Auckland
Drucken
Teilen
Corona erfolgreich eingedämmt - die Wahl kann kommen: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern.

Corona erfolgreich eingedämmt - die Wahl kann kommen: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern.

Bild: Ben McKay/EPA (Auckland, 15. Oktober 2020)

Vor zwei Jahren war ihr Name nur den wenigsten Schweizern geläufig: Jacinda Ardern? Wie spricht man das überhaupt aus? Das hat sich geändert. Mittlerweile ist Neuseelands Premierministerin weltbekannt. Sie galt als Mitfavoritin für den vor Kurzem vergebenen Friedensnobelpreis, das «Time»-Magazin führte sie 2019 in der Liste der hundert einflussreichsten Personen weltweit.

Nun steht die 40-jährige Sozialdemokratin in ihrer Heimat zur Wiederwahl. Am Samstag finden in Neuseeland Wahlen statt. Ardern will sich eine zweite Amtszeit sichern. Die Chancen dazu stehen äusserst gut. Und besser als vor drei Jahren, als die Sozialdemokratin weniger als zwei Monate vor den Wahlen die Parteispitze der serbelnden Labour-Partei übernahm und dieser neues Leben einhauchte.

Nun prognostizieren Umfragen der amtierenden Premierministerin einen Erdrutschsieg. Labour hat gar Chancen auf die absolute Mehrheit im Parlament. Ardern könnte so drei Jahre quasi durchregieren. Sie selber sagt, sie hoffe auf «ein starkes Mandat, da die nächsten Jahre herausfordernd werden».

Mehr Krisen zu bewältigen als alle anderen vor ihr

Die Gründe für die Popularität der Sozialdemokratin, die als Mormonin aufwuchs und in jungen Jahren für den damaligen britischen Premier Tony Blair arbeitete, sind vielfältig. Doch der wichtigste scheint ihr Umgang mit Krisen zu sein. Von diesen hatte sie während ihrer ersten Amtszeit zwischen 2017 und heute wohl mehr, als die meisten vorherigen neuseeländischen Premierminister zusammen. Im März 2019 tötete ein rechtsextremer Terrorist 51 Muslime. Im Dezember vergangenen Jahres forderte ein Vulkanausbruch 21 Todesopfer. Und seit Februar kämpft auch Neuseeland mit der Pandemie.

Ardern zeichnete sich in diesen Krisen als exzellente Kommunikatorin aus. Auch Oppositionspolitiker und politische Gegner attestierten ihr aussergewöhnliches Talent. Sie gibt sich nahbar, spendet Trost und spricht eine einfache Sprache. In diesen Zeiten, geprägt von Covid-19, fordert sie die Neuseeländer dazu auf, zusammenzustehen: «Seid stark, seid nett zueinander.» Sie appelliert an das «Team von fünf Millionen» und spielt darauf an, dass alle fünf Millionen Neuseeländer mithelfen müssen, um das Virus zu besiegen.

Dann hätten wir hier bald Szenen wie in Europa

Das zahlt sich bislang aus: Neuseeland verzeichnet derzeit keine Personen in der Bevölkerung, die Covid-19 noch aktiv in sich tragen. Einzig einige Rückkehrer aus dem Ausland sind noch infiziert, befinden sich aber seit ihrer Ankunft in Isolation. Es gibt kaum mehr Einschränkungen im Land. So besuchten am letzten Sonntag Zehntausende den Rugbyklassiker zwischen Neuseeland und Australien in der Hauptstadt Wellington.

Nur die Grenzen bleiben zu. Dass diese seit März geschlossen sind, vermarktet Jacinda Ardern ebenfalls gekonnt. Auf Kritik an diesem strengen Regime antwortet sie: «Die Alternative wäre es, die Grenzen zu öffnen und das Virus hineinzulassen. Dann hätten wir hier bald Szenen wie in Europa. Es würden Menschen leiden und sterben.» Die Neuseeländer tragen diesen harten Kurs, der auch schon zwei strenge Lockdowns mit sich brachte, zu grossen Teilen mit. Die damit einhergehenden Freiheitsverluste nehmen sie fast schon achselzuckend hin.

Ehemann darf nicht zu schwangerer Frau reisen

Doch auch einer Jacinda Ardern, die seit mehreren Wochen Medienanfragen von ausländischen Journalisten konsequent ablehnt, gelingt nicht alles. Der erste landesweite Lockdown, der von Ende März bis Mitte Mai galt, war die ersten neun Tage illegal, wie ein Gericht nachträglich feststellte. Zudem kamen haarsträubende Fälle der Einwanderungsbehörden ans Tageslicht: So wurde einem australischen Mann wegen der geschlossenen Grenzen die Einreise während mehrerer Wochen verwehrt. Er wollte einzig zu seiner hochschwangeren Ehefrau in Neuseeland.

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass eine britische Familie auf einem Segeltörn im Südpazifik eine Tragödie erlitten hatte. Ihr Sohn war auf dem Segelschiff gestorben. Neuseeland verweigerte danach erneut mit Verweis auf die geschlossenen Grenzen die Einreise der Familie, welche von Neuseeland aus die Heimreise hätte organisieren wollen. In letzter Konsequenz ist Ardern mit ihrer Politik der harten Grenzen dafür verantwortlich. Auch wollte sie in ihrer ersten Amtszeit Kinderarmut reduzieren und mehr bezahlbare Häuser bauen lassen. Sie scheiterte teilweise kläglich.

Doch diese Fälle tun der Popularität von Jacinda Ardern allem Anschein nach keinen Abbruch. Alles andere als ein Sieg für die 40-Jährige am Samstag und somit eine zweite Amtszeit wäre eine grosse Überraschung.

Mehr zum Thema