Im Fallschirm nach Calais: Unterwegs mit einem ehemaligen Fremdenlegionär, der ins Rathaus einziehen will

Die Le-Pen-Partei Rassemblement National könnte bei den Gemeindewahlen in Frankreich Mitte März über hundert Orte erobern. In der Migrantenstadt Calais zeigt sich, wie das klappen soll.

Stefan Brändle aus Calais
Merken
Drucken
Teilen
Marc de Fleurian mit seinem politischen Vorbild Marine le Pen. (Bild: Twitter)

Marc de Fleurian mit seinem politischen Vorbild Marine le Pen. (Bild: Twitter)

Es ist noch nicht lange her, da kämpfte Marc de Fleurian an der Front. Für seinen persönlichen Einsatz gegen Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik während der französischen Truppenoperation Sangaris erhielt der Offizier der Fremdenlegion gar einen dicken Orden.

Eine Kampfsau? «Ach wo», sagt der 31-jährige Bretone, leicht geniert. «Mein Einsatz galt dem Vaterland, das ist alles.» Lieber spricht er über seine neue, ungleich schwierigere Mission: Er soll für das rechtsgerichtete Rassemblement National (RN) das Rathaus von Calais einnehmen. Gehalten wird es seit 2008 von der konservativen Bürgermeisterin Natascha Bouchart, die auch auf die Unterstützung der Macron-Partei La République en Marche (LRM) zählen kann.

De Fleurian spricht auch nicht gerne über den Umstand, dass er ein «parachuté» ist, das heisst mit dem politischen «Fallschirm» am Ärmelkanal landete. In Calais (74000 Einwohner) hat er erst seit Mitte 2019 Wohnsitz. Der Fährhafen nach England ist laut einer Wählerstudie eine von 137 grösseren Städten, die Mitte März den Rechten in die Hand fallen könnten. Bei den Europawahlen von 2019 erzielten die Lepenisten hier über 41 Stimmenprozent, während Macrons LRM mit 12 Prozent abgeschlagen auf dem zweiten Platz landete.

Am Tisch mit Le Pens Schwester

De Fleurian hält an diesem Morgen Lagebesprechung in seinem Hauptquartier, einem Loft, in dem er selber wohnt. Auf dem Herd wartet gekochter Reis vom Vortag, an der Wand prangen Le-Pen-Porträts. Am grossen Tisch sitzt Marie-Caroline Le Pen, die ältere Schwester der Parteichefin. Sie ist auch erst im vergangenen Jahr nach Calais gezogen, also ortsfremd. Auch eine Art «Fremdenlegionärin»? Leicht verärgert erwidert die Pariserin mit den kurzen blonden Haaren: «Ich bin vor allem Französin. Ich fühle mich in meinem Land überall zu Hause.»

An den Wänden hängt zudem ein Riesenplakat mit der Inschrift «Bouchart = Macron». Die Gleichung der RN-Gegner sagt alles über die Unpopularität des französischen Präsidenten in diesen ärmeren, peripher gelegenen Städten wie Calais. «Macrons Sukkurs ist hier ein Handicap», glaubt de Fleurian. 27 Prozent Arbeitslose in Calais, 30 Prozent unter der Armutsschwelle: «Diese Leute stimmen nicht für Macron, den ‹Präsidenten der Reichen›, sie stimmen für uns, für Le Pen. Da wissen sie, was sie haben.»

Oder auch nicht: Laut einer Umfrage kennen 80 Prozent der RN-Wähler das Parteiprogramm gar nicht. Egal, sie wissen eines: «Schuld ist die Immigration», wie de Fleurian sagt, als wollte er sein Programm resümieren.

Dasselbe sagt er eine halbe Stunde später zu einem Anwohner im Quartier Gravelines hinter den Sanddünen. Hier campieren die Migranten, auf eine Gelegenheit wartend, nachts mit einem Boot nach England überzusetzen – denn der Hafen und der TGV-Bahnhof vor dem Eisenbahntunnel sind heute hermetisch gesichert. De Fleurian beginnt: «Sie wissen wohl, dass die Bürgermeisterin den Lokalbus gratis gemacht hat. Seither benützen ihn nur noch die Migranten; die Senioren haben Angst.»

Der Anwohner, ein arbeitsloser Bauarbeiter, findet das nicht gut. Er beklagt sich, dass die Migranten im Fitnessklub gratis Zutritt erhielten. «Während die Einwohner von Calais kein Geld dafür haben», beendet de Fleurian den Satz. Sein Gegenüber nickt und verspricht, RN zu wählen.

Dabei hat Bürgermeisterin Bouchart eben erst einen Metallzaun entlang der Route des Gravelines ziehen lassen, um die Anwohner zu schützen. «Ein Zaun genügt nicht», findet de Fleurian: «Wir wollen hier keine Immigranten. Ihre Welt ist nicht die unsere. Wenn man einem die linke Hand gibt, die laut dem Islam unrein ist, erhält man von der Rechten einen Messerstich.»

Fremdenhass eines Fremdenlegionärs? Das bestreitet der rundum anständige Offizier.

An einem Wahlmeeting im Bowling-Zentrum kündigt die muttihafte Bürgermeisterin an, sie wolle 14 neue Stadtpolizisten anheuern und alle Viertel mit Videokameras versehen. Natürlich wegen der Migranten. Bouchart sagt, sie gehe «entschlossen, aber human» gegen sie vor. Das sei ausgewogen und auch realistischer als der Slogan «null Immigration» des «parachuté»– Bouchart nennt ihren Widersacher de Fleurian aus Prinzip nicht beim Namen.

Migration lastet schwer auf der Hafenstadt

Die Linkskandidatin Virginie Quénez wirft ihren beiden Widersachern vor, deren Migrationspolitik beschränke sich auf die Aufstockung der Polizeibestände. Die Anwältin schlägt vor, einen «Migrantenrat» aus Behörden, Vereinen und Anwohnern zu schaffen. Er soll dafür sorgen, dass die Zugereisten während zehn Tagen beherbergt würden; dann müssten sie sich entscheiden, ob sie in Frankreich Asyl beantragen wollten.

Mit diesem pragmatischen Ansatz ist Quénez gelungen, was im fernen Paris unmöglich scheint: Sie hat die gesamte Linke hinter sich geschart. Aber auch hier sind ihre Wahlchancen beschränkt. Das Thema Migration lastet zu schwer auf der verarmten Hafenstadt.