Enthüllungsbuch
«Im Vatikan lebt nur der Papst bescheiden»

Das neue Buch des Investigativ-Journalisten Gianluigi Nuzzi sorgt im Vatikan für Nervosität. Im Interview spricht er über die Missstände in der Kurie.

Dominik Straub, Rom
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«Der Einzige, der im Vatikan in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebt, ist der Papst» – Gianluigi Nuzzi.

«Der Einzige, der im Vatikan in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebt, ist der Papst» – Gianluigi Nuzzi.

Keystone

Herr Nuzzi, was sagen Sie zu den Verhaftungen des Kurienprälaten Vallejo Balda und der 33-jährigen PR-Fachfrau Francesca Immacolata Chaouqui, den beiden vatikanischen Maulwürfen?

Gianluigi Nuzzi: Mit Handschellen auf ein Buch zu reagieren, ist meiner Meinung nach ein abnormales Verhalten – ein Versuch, von den Problemen abzulenken, die im Buch aufgelistet werden. Andererseits verstehe ich eine gewisse Nervosität aufseiten des Vatikans angesichts des schwerwiegenden Inhalts der Dokumente, die im Buch verarbeitet werden.

Vatikansprecher Federico Lombardi hat auch gegen Sie und Ihren Kollegen Emiliano Fittipaldi, dessen neues Buch ebenfalls auf Indiskretionen beruht, schweres Geschütz aufgefahren. Im Vatikan scheint man Angst vor Ihrem Buch zu haben.

Ich hoffe, dass die Überreaktion nicht auf die Fakten im Buch zurückzuführen sind, sondern bloss auf die Frustration darüber, dass die Mauern des Vatikans nicht mehr so dichthalten wie einst und die Dokumente jetzt öffentlich werden. Als Journalist kann ich auf derartige Empfindlichkeiten natürlich keine Rücksicht nehmen.

«Sogar Spenden für wohltätige Zwecke zum Stopfen der Finanzlöcher abgezweigt», sagt Gianluigi Nuzzi. Keystone Einer der besten Enthüllungs-Journalisten Der 46-jährige Mailänder Gianluigi Nuzzi zählt zu den bekanntesten Investigativ-Journalisten Italiens. Seinen ersten Bestseller landete er 2009 mit seinem Buch «Vatikan AG», in welchem er sich mit dem Finanzgebaren des Vatikans und insbesondere der Vatikanbank IOR auseinandersetzte. Er konnte dabei erstmals auf ein umfangreiches Geheimarchiv mit über 4000 Dokumenten zugreifen. In seinem 2010 publizierten Buch «Metastasi» befasste er sich mit der Ausbreitung der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta in Norditalien. 2012 erschien sein Buch «Seine Heiligkeit». Es basierte auf vertraulichen Dokumenten des ersten Vatileaks-Skandals, bei welchem der Kammerdiener des damaligen Papstes Benedikt XVI. verhaftet worden war. (DST)

«Sogar Spenden für wohltätige Zwecke zum Stopfen der Finanzlöcher abgezweigt», sagt Gianluigi Nuzzi. Keystone Einer der besten Enthüllungs-Journalisten Der 46-jährige Mailänder Gianluigi Nuzzi zählt zu den bekanntesten Investigativ-Journalisten Italiens. Seinen ersten Bestseller landete er 2009 mit seinem Buch «Vatikan AG», in welchem er sich mit dem Finanzgebaren des Vatikans und insbesondere der Vatikanbank IOR auseinandersetzte. Er konnte dabei erstmals auf ein umfangreiches Geheimarchiv mit über 4000 Dokumenten zugreifen. In seinem 2010 publizierten Buch «Metastasi» befasste er sich mit der Ausbreitung der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta in Norditalien. 2012 erschien sein Buch «Seine Heiligkeit». Es basierte auf vertraulichen Dokumenten des ersten Vatileaks-Skandals, bei welchem der Kammerdiener des damaligen Papstes Benedikt XVI. verhaftet worden war. (DST)

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Bei den jüngsten Indiskretionen handelt es sich bereits um das zweite «Vatileaks» nach jenem um den ungetreuen Butler von Papst Benedikt XVI. Sind es immer noch dieselben Kreise, die hinter der Weitergabe von vertraulichen Dokumenten stecken?

Es sind immer noch Personen, die sich voll und ganz für die Kirche und den Papst einsetzen und die ein Unbehagen verspüren, weil sie sehen, dass die Reformen ihres obersten Arbeitgebers behindert werden. Der Butler Paolo Gabriele erlebte einen isolierten Papst, dem wichtige Informationen vorenthalten wurden und der nicht auf die Krise reagieren konnte.

Und die neuen Maulwürfe?

Franziskus stand bei seinem Amtsantritt vor gewaltigen Problemen und wollte diese lösen. Aber wie schon Benedikt wurde und wird auch er massiv behindert. Zugleich versuchen seine Gegner, seine Autorität zu beschädigen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht – sogar eine Falschmeldung über einen Gehirntumor des Papstes.

In Ihrem Buch sprechen Sie von einem regelrechten «Krieg» in der Kurie, von Geldverschwendung und Korruption. Wie äussert sich diese?

Sagen wir es so: Es gibt eine Gruppe von Kurienkardinälen, die in Wohnungen mit 500 Quadratmetern residieren. Der Einzige, der im Vatikan in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebt, ist der Papst. Die Kardinäle sind die Chefs der Dikasterien, sie regieren die Kurie. Sie müssten die Reformen von Franziskus umsetzen. Daran haben sie aber kein Interesse, weil sie dabei viel zu verlieren haben. Stattdessen wurden sogar Spenden für wohltätige Zwecke zum Stopfen der Finanzlöcher in der Kurie abgezweigt.

Sie zeichnen ein düsteres Bild: Bei den Vatikan-Finanzen mangle es «beinahe vollständig an Transparenz», die Kosten seien «ausser Kontrolle» und der Kirchenstaat befinde sich eigentlich «nahe am Bankrott». Hat sich unter Franziskus in den zweieinhalb Jahren seines Pontifikats denn wirklich nichts gebessert?

Die geschilderten Zustände sind im Revisorenbericht enthalten, den Franziskus kurz nach seiner Wahl anfertigen liess. Es handelt sich somit um eine Momentaufnahme beim Beginn des Pontifikats. Aber nun ist der eingeschlagene Weg positiv. Ohne die mannigfachen Widerstände in der Kurie hätte Franziskus freilich noch viel mehr erreichen können.

Wie stark ist Ihrer Meinung nach die Position von Franziskus im Kirchenstaat? Ist er wirklich «einsam unter Wölfen», wie es im Buch eines italienischen Vatikankenners heisst?

Das tönt natürlich suggestiv. Die Wölfe gibt es. Aber es gibt im Vatikan auch Leute, die den Papst bei seinen Reformen unterstützen.

Nach dem ersten «Vatileaks» erlebte die Kirche den ersten Papstrücktritt nach 700 Jahren – wie wird es diesmal enden?

Ich glaube nicht, dass Franziskus zurücktreten wird. Die Zeiten haben sich geändert, Jorge Bergoglio hat viel frischen Wind in die Kirche gebracht. Er will nicht nur die Kurie ändern, sondern vor allem die Mentalität. Das braucht Zeit, aber Franziskus wird nicht aufgeben.

«Alles muss ans Licht. Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes» erscheint heute im Ecowin-Verlag Salzburg (ISBN 978-3-7110-0085-9 / E-ISBN 978-3-7110-5146-2).

Franziskus übernahm einen Lotterladen

Bei seinem Amtsantritt im Frühling 2013 hat Papst Franziskus in der Römer Kurie desolate Zustände vorgefunden.

«Heiliger Vater, (…) der Rechnungslegung des Heiligen Stuhls und des Governatorats mangelt es an jeglicher Transparenz. Die fehlende Transparenz macht es auch unmöglich, eine Aussage über die tatsächliche finanzielle Situation des Vatikans insgesamt als auch seiner einzelnen Teile zu machen. Das impliziert auch, dass niemand wirklich die Verantwortung für die Finanzverwaltung übernehmen kann.»

Mit diesen Worten beginnt ein Brief, den fünf internationale Revisionsunternehmen am 27. Juni 2013 an Franziskus geschickt haben, vier Monate nach dessen Wahl zum Papst. Weiter heisst es in dem Schreiben, dass man die vatikanische Finanzverwaltung «bestenfalls als dürftig bezeichnen» könne und dass «die Kosten ausser Kontrolle geraten» seien. «Die von uns geprüften Zahlen lassen eine sehr ungünstige Entwicklung erkennen, und wir hegen den starken Verdacht, dass der Vatikan als Ganzes ein ernsthaftes strukturelles Defizit ausweist.»
Es drohte der Bankrott
Mit anderen Worten: Beim Amtsantritt von Franziskus herrschte das totale Chaos – wenn nicht bald etwas passieren würde, drohte dem Kirchenstaat der Bankrott. Papst Franziskus hatte die Überprüfung der Finanzen des Vatikans kurz nach seiner Wahl persönlich angeordnet – die misslichen Zustände waren schon in den Generalkongregationen der Kardinäle vor dem Konklave ein zentrales Thema gewesen.
Wie ernst die Lage tatsächlich war, ahnte damals kaum jemand – nicht einmal die Kurienkardinäle, die für die Misere hauptsächlich verantwortlich waren.

Der Brief ist eines von Tausenden vertraulichen Dokumenten, die dem Journalisten und Buchautor Gianluigi Nuzzi in den letzten Monaten zugespielt worden waren; er ist in seinem neuen Buch nachzulesen. Nachzulesen ist auch die Reaktion des Papstes, die bei einer Besprechung mit den höchsten Kurienkardinälen von Unbekannten heimlich aufgezeichnet worden ist. Sechzehn endlose Minuten dauerte die päpstliche Standpauke – vom jovialen und gutmütigen Volkspapst, den das Publikum von seinen Auftritten auf dem Petersplatz her kennt und liebt, war wenig zu bemerken.

Papst geisselte Investitionen

Der neue Pontifex «vom anderen Ende der Welt» geisselte vor den Kardinälen die Geldverschwendung in der Kurie, dubiose Investitionen, die zu Millionenverlusten geführt hatten, die Zweckentfremdung von Spendengeldern. Und er kündigte die Bildung von zwei Sonderkommissionen an, eine für die Vatikanbank IOR und eine für die Kurie. Die heimlich mitgeschnittene Besprechung fand am 3. Juli im Apostolischen Palast statt.
«Mit diesem Tag», schreibt Nuzzi etwas pathetisch, «begann ein Krieg», der «bis heute andauert».

(Von Dominik Straub, Rom)