Im Wahn den kleinen Leo vor den Zug geschubst - der Täter war aus der Schweiz angereist

Der achtjährige Leo wurde im Juli 2019 von einem ICE am Bahnhof Frankfurt überrollt, weil er von einem aus der Schweiz eingereisten Mann ins Gleisbett gestossen worden war. Am Mittwoch beginnt der Prozess gegen den Eritreer. Eine Gefängnisstrafe ist eher unwahrscheinlich.

Christoph Reichmuth aus Berlin
Drucken
Teilen
An Gleis 7 geschah das Unfassbare. (Archivbild)

An Gleis 7 geschah das Unfassbare. (Archivbild)

Es war der Morgen des 29. Juli des vergangenen Jahres. Eine Mutter wartet mit ihrem achtjährigen Sohn am Perron 7 des Frankfurter Hauptbahnhofes auf den ICE nach München. Als der Zug einfährt, werden die Mutter und das Kind plötzlich von einem unbekannten Mann von hinten in das Gleisbett geschubst.

Die Mutter kann sich im letzten Moment retten, der achtjährige Leo wird vom dem ICE überrollt und stirbt. Der Unbekannte soll danach noch versucht haben, auch eine 78-jährige Frau in das Gleisbett zu stossen. Die Seniorin stürzte aufs Perron und verletzte sich. Der Mann flüchtete, wurde aber noch vor dem Bahnhofsgebäude aufgehalten.

Der Fall sorgte in Deutschland und in der Schweiz für grosse Betroffenheit. Bei dem Täter handelt es sich um den heute 41-jährigen Habte A., einen dreifachen Familienvater aus Eritrea, der seit 2006 in der Schweiz in Wädenswil im Kanton Zürich lebte und als gut integriert galt. Heute beginnt in Frankfurt der Prozess gegen den «Bahnsteig-Killer», wie Habte A. vom deutschen Boulevard seither tituliert wird.

Zur Tatzeit schuldunfähig

Vieles deutet daraufhin, dass Habte A. trotz der Tragweite seines Handelns nicht ins Gefängnis muss. Der Eritreer litt laut Gutachten während der Tat unter schweren psychischen Störungen. Die zuständige Staatsanwaltschaft stuft die Tat nicht als Mord, sondern als Totschlag ein. Laut der Anklagebehörde habe Habte A. einen Menschen getötet, «ohne Mörder zu sein». Sie stellt einen Antrag auf eine dauerhafte Unterbringung in einer Psychiatrie. Habte A. habe wegen einer paranoiden Schizophrenie unter Wahnvorstellungen gelitten und sei deshalb schuldunfähig.

Der Anwalt der Familie des achtjährigen Leo äusserte sich im Vorfeld des Prozesses verwundert über die Einstufung der Staatsanwaltschaft. «Wenn jemand sein Opfer von hinten mit Anlauf vor einen einfahrenden Zug stösst, dann ist das ein klassischer heimtückischer Mord. Klassischer geht es gar nicht.» Nicht auszuschliessen ist, dass das Landgericht der Einschätzung der Staatsanwaltschaft nicht folgen wird und den Eritreer des Mordes und des versuchten zweifachen Mordes schuldig spricht. Doch scheint eine Verurteilung wegen Mordes eher unwahrscheinlich.

In der Schweiz gut integriert

Habte A. galt in der Schweiz als gut integriert. Im Jahresbericht 2017 des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) wird der Eritreer als Beispiel für gelungene Integration vorgestellt, die Rede ist von einer «Erfolgsgeschichte». Habte A. erhielt eine Niederlassungsbewilligung in der Schweiz. Auf Jobsuche soll er sich vorbildlich verhalten und sehr schnell Deutsch gelernt haben. So bekam er im April 2018 eine Festanstellung bei den Zürcher Verkehrsbetrieben.

Doch wenige Wochen vor der Tat stellte die Familie und das Umfeld eine Veränderung bei Habte A. fest. Im Januar 2019 soll er wegen psychischer Probleme krankgeschrieben und in einer Therapie behandelt worden sein. Kurz vor der Tat in Frankfurt wurde auch die Polizei im Kanton Zürich auf den Mann aufmerksam, nachdem es zu einem Fall von häuslicher Gewalt gekommen war. Der Familienvater soll seine Ehefrau, die Kinder und die Nachbarin eingeschlossen haben, die Nachbarin soll er zuvor mit einem Messer bedroht haben.

Der tragische Tod des achtjährigen Leo sorgte auch für eine politische Instrumentalisierung der Tat durch die AfD in Deutschland und die SVP in der Schweiz. Die SVP etwa kritisierte die aus ihrer Sicht «lasche Asylpolitik gegenüber Eritreern». Als Folge des Unglücks sollen Bahnhöfe im gesamten Land stärker mit Videokameras überwacht werden, auch soll die Polizeipräsenz in Bahnhöfen erhöht werden. An der Stelle am Perron 7, an dem Leo starb, soll eine Gedenktafel errichtet werden.

Mehr zum Thema