Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Im Zug zur AfD

Christoph Reichmuth über einen liebenswerten Nachbarn und AfD-Politiker.
Christoph Reichmuth, Berlin
Christoph Reichmuth (Bild: Rudi-Renoir Appoldt, info@rrenoi)

Christoph Reichmuth (Bild: Rudi-Renoir Appoldt, info@rrenoi)

Ein Stockwert unter mir wohnt eine junge Familie. Die Frau ist Anfang 30, schätze ich. Er schon ein Stückchen älter. Ich sehe ihn fast nie, viel öfter seine Frau. Beide sind äusserst sympathisch. Das Kind, vielleicht drei, ist wirklich sehr herzig.

Ich sitze gerade im Zug von Berlin nach Köln, eine lange Fahrt zum Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD). Eines ist sicher: Ich werde dort meinen Nachbarn von unten wiedertreffen.

Ich wusste es lange nicht, aber der Mann ist ein ziemlich hohes Tier in der AfD. Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, im Bundestagswahlkampf kämpft er im Wahlkreis der Kanzlerin. Und beim AfD-Parteitag in Köln hätte er gar zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahlen ausgerufen werden können. Wurde er aber nicht, weil sich die Partei in einen heftigen Streit über die Ausrichtung verstrickt hat – wieder einmal. Deshalb findet die Wahl erst heute statt.

Ich habe Freunde, Bekannte und alle Nachbarn vor einiger Zeit zu einer grossen Sause zwecks Einweihung der neuen Wohnung eingeladen. Dem Nachbarn von unten, den ich nicht als AfD-Funktionär erkannt hatte und von dem ich also gar nicht wusste, wer er ist, habe ich es auch gesagt. Weil ich ihn und seine Frau nett fand. Er ist dann nicht gekommen. Ist das nun besser so? Mein Nachbar war DJ und Radiomoderator, er hat einen langen Eintrag auf Wikipedia. Zweifellos charismatisch, einer, der auf Fremde zugeht. Er ist bestimmt auch kein Rassist. Aber er ist Mitglied einer Partei, die unappetitlich weit rechts agierende Zeitgenossen in ihren Reihen duldet. Er ist dort sogar in der Parteispitze. Darf ich einen solch hohen Repräsentanten einer Partei nett finden, in der es Mitglieder gibt, die das Holocaust-Mahnmal in Berlin als «Denkmal der Schande» bezeichnen? Oder die über Schiessbefehle gegen Flüchtlinge sinnieren? Ich weiss: In der AfD gibt es noch ganz normale Konservative, die Kritik am deutschen Schuldkult genauso daneben finden.

Die Wohnungsfete fanden alle toll, und ich musste versprechen, demnächst wieder eine Sause zu veranstalten. Werde ich gerne tun.

Ich bin jetzt um eine Erfahrung mit der AfD reicher. Acht Stunden Parteitag, unzählige Gespräche. Ich wurde Zeuge, wie zerstritten die Partei ist. Und wie viele Meinungen es hier gibt. Ich weiss also ungefähr gleich viel wie auf der Hinfahrt. Das gilt auch für die Frage, ob ich die Nachbarn wieder einladen soll oder nicht.

Christoph Reichmuth, Berlin

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.