«Immer etwas los mit Vatikan und Mafia»

Dominik Straub, Korrespondent in Italien

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Dominik Straub ist Korrespondent unserer Zeitung in Italien. (Bild: PD)

Dominik Straub ist Korrespondent unserer Zeitung in Italien. (Bild: PD)

Dominik Straub (53) lebt seit 12 Jahren in Italien. Vor seinem Wechsel nach Rom arbeitete er bei der Zeitung «Der Bund». Er ist mit einer Berlinerin verheiratet und hat eine Tochter. Hier berichtet er, wie ihm ein Papst zu einem neuen Auto verhalf.

Dominik Straub, wie ich Sie beneide. Sie leben in Bella Italia. Sonne, Pasta, schnelle Autos, schöne Frauen Dolce Vita. Sie führen eigentlich ein nahezu perfektes Leben.

Dominik Straub: Ja, der italienische Lifestyle hat schon was für sich. Mit seinem Essen, seinen Kulturgütern, den Stränden und dem milden Klima ist und bleibt Italien ein Land mit hoher Lebensqualität.

Immer scheint die Sonne ja auch nicht, und manchmal brennt auch ein Essen an. Wo und wann ist das Leben im Süden weniger süss?

Straub: Wenn man mit den Behörden zu tun hat, wird es ärgerlich und Zeit raubend. Die Bürger werden von den Behörden und den Politikern nach wie vor wie Untertanen behandelt, die Obrigkeit führt sich auf wie vor hundert Jahren. Viele Beamte haben es gar nicht gerne, wenn man sie stört. Als ich vor zwölf Jahren in Italien ankam, schickte mich die Fremdenpolizei ins Arbeitsministerium, weil ich angeblich eine Arbeitsbewilligung brauchte. Ich wartete dort Stunden, bis mich ein Beamter empfing. Es stellte sich dann heraus, dass keine Bewilligung für Schweizer nötig ist.

Und warum schickte der Polizeibeamte Sie dorthin?

Straub: Was weiss ich er wusste es wohl nicht besser, oder er hat es frei erfunden. Oft hatte ich den Eindruck, dass man auf den Ämtern bewusst schikaniert wird.

Weil Sie ein Ausländer sind?

Straub: Das hat damit nichts zu tun. Die Einheimischen werden genauso geplagt oder noch schlimmer.

Also Zustände wie im alten Rom?

Straub: In Italien muss man unterscheiden zwischen dem ineffizienten, arroganten Staat und den Menschen als solchen. Die Italiener sind unglaublich herzliche, grosszügige und tolerante Leute. Und selbst beim Staat gibt es Dinge, die gut funktionieren. Etwa einen kostenlosen Gesundheitsdienst. Auch Medikamente, die in der Schweiz sehr teuer sind, bekommen wir hier zum Spottpreis. Behandelt wird jeder, unabhängig davon, ob er Steuern zahlt.

Was ohnehin nicht die Lieblings- beschäftigung der Italiener ist ...

Straub: Die Steuerhinterziehung ist hier ein Volkssport. Aber das hat einen guten Grund. Ab einem Einkommen von 4300 Euro liegt die Steuerbelastung bereits bei 41 Prozent, bei Unternehmen liegt sie oft weit über 50 Prozent. Viele Firmen und Private schummeln bei den Steuern, weil sie sonst nicht über die Runden kämen. Berlusconi ohne dass ich ihn verteidigen will – sagte einmal, dass Steuerhinterziehung bei einer Steuerbelastung von über 50 Prozent eine Form von Notwehr sei. Ein Regierungschef darf so etwas natürlich nicht sagen. Aber viele Italiener sehen das auch so.

Sie haben mal eine schöne Geschichte über den Cavaliere geschrieben.

Straub: Als Italien-Korrespondent hat man mit dem Vatikan, der Mafia und Berlus­coni immer Themen für eine Story. Man könnte zwar meinen, dass es sich stets um dieselben Geschichten dreht, aber es geschieht immer wieder Überraschendes. (Am Tag, als dieses Interview geführt wurde, erschoss ein Mann in einem Mailänder Gericht drei Menschen. Das Interview wurde unterbrochen).

Trotz der hohen Steuern, 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit und der tödlichen Bürokratie sind die Italiener ein lebenslustiges Volk. Woran liegt das?

Straub: Ich staune immer wieder, wie langmütig die Italiener sind. Sie lassen sich gefallen, dass sich Politiker aufführen wie zu Feudalzeiten und sich unverschämt bereichern. Selbst einfache Parlamentarier haben noch heute Taschenträger oder Chauffeure. Und der Präsident des sizilianischen Regionalparlaments verdient mehr als Barack Obama. Aber den Menschen hier ist anderes wichtiger als die Politik. Die Familie ist das Zentrum des Lebens. Sie trägt auch die jungen Arbeitslosen, die vom Staat keinen Euro bekommen, wenn sie noch nie gearbeitet haben.

Der italienische Staat schaut nicht zu seinen Kindern?

Straub: Nein, aber das erwarten die Leute auch nicht. Der Staat wird von den meisten Italienern viel mehr als etwas Feindliches angesehen. Es gibt auch kaum so etwas wie Bürgersinn. Mussolini sagte einmal: «Die Italiener zu regieren, ist nicht schwierig es ist sinnlos.»

Damit meinte er unmöglich?

Straub: Er meinte damit, dass sich die Italiener ohnehin nicht an das halten, was die Regierung sagt. In Italien gelten scharfe Gesetze für alles, aber kaum eines wird ernsthaft kontrolliert. Abgesehen vom Rauchverbot, was drastische Geldstrafen mit sich zieht. Ausser in Neapel, aber diese Stadt ist ohnehin ein Fall für sich. Ein Tag nachdem das Gurtenobligatorium eingeführt worden war, waren in Neapel bereits T-Shirts mit aufgedruckten Gurten erhältlich, die so aussehen, als ob man Sicherheitsgurte trägt.

Einfallsreich! Apropos Neapel: Eine Kollegin erzählte, dass sie mit ihrer Schwester auf dem Weg nach Neapel in drei Tagen 14-mal von Carabinieri angehalten wurde. Diese hätten jedoch nur geflirtet und nichts zu beanstanden gehabt. Ist das typisch?

Straub: Die Carabinieri sind in Italien das, was bei uns die Österreicher sind: Es gibt massenhaft Carabinieri-Witze. Andererseits leisten Carabinieri militärische Auslandeinsätze, sie kämpfen an vorderster Front gegen die Mafia und riskieren dabei ihr Leben. Das wissen und respektieren die Leute. Aber ja, die flirten schon mal mit den Frauen. Die Carabinieri sind die «lieben» Polizisten. Mit denen kann man reden und auch mal eine Busse abwenden. Wenn man aber von der Polizia mit den hellblauen Autos angehalten wird, gibt es meistens Ärger. Die flirten nicht.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit als Journalist gegenüber derjenigen bei uns in der Schweiz?

Straub: Journalismus hier ist ein anderer Beruf als in der Schweiz. Hier wird von den Behörden gemauert, man wird abgewimmelt. In Italien braucht man «den Heiligen im Paradies». Wenn man jemanden kennt, hat man offene Türen. Das gilt generell auch bei der Vergabe von Jobs, staatlichen Aufträgen und Subventionen. Das Geschäftsmodell ist die Vetternwirtschaft. Das beginnt relativ harmlos mit einer «Empfehlung» und geht weiter, bis es hoch kriminell und mafiös wird.

Gehen wir noch etwas höher zum Papst. Sie erlebten schon drei. Wie waren diese Männer?

Straub: Die sind mir stets in guter Erinnerung geblieben. Vor allem Johannes Paul II. Er hat es geschafft, auch Nichtkatholiken für den Papst und den Vatikan zu interessieren. Sein Tod und das anschliessende Konklave hatten im April 2005 ein zuvor unvorstellbares Medienecho ausgelöst, ich habe während vier Wochen täglich bis zu drei Berichte in die Schweiz geschickt. Am Ende konnte ich mir einen neuen Alfa kaufen ... (lacht)

Und der Neue?

Straub: Der ist ein toller Typ. Er fällt allein schon deswegen auf, weil er mit dem Ford Focus der vatikanischen Gendarmerie unterwegs ist und nicht mit der abgedunkelten Mercedes-Limousine wie seine Vorgänger. Er ist volkstümlich, fröhlich und jovial der erste Papst, der bewusst kein Kirchenfürst mehr sein will. Dafür lieben ihn die Italiener umso mehr.

Und schliesslich trifft man in Rom auch auf Francesco Totti. Er dürfte ähnlich beliebt sein wie Franziskus ...

Straub: Für die Tifosi der AS Roma steht er noch eine Stufe höher. Es gibt auch über ihn viele Witze, weil man sagt, er sei nicht sehr gebildet. Aber wer mit 17 schon in der Serie A spielte, hatte halt keine Zeit für eine höhere Ausbildung. Er ist eine Institution in Rom, der ewige Capitano der AS. Er engagiert sich für Kinder armer Familien und war Sonderbotschafter der Unicef. Und er zeichnet sich durch Selbstironie aus. Er hat zwei Bücher mit Witzen über sich herausgegeben.

Haben Sie ihn persönlich kennen gelernt?

Straub: Nein, leider nicht. Wobei ich zugeben muss, dass ich eher ein Anhänger von Inter Mailand bin.

Sie haben mit Ihrer Frau zwischen Rom und Neapel kürzlich ein Haus gekauft und umgebaut. Bleiben Sie in Italien hängen?

Straub: Es gefällt mir in Italien ausgezeichnet. Und ich habe auch schon etwas die Disziplin im Strassenverkehr den hiesigen Verhältnissen angepasst. Einen Plan B habe ich nicht.

Schon weil das Essen in Italien das weltbeste ist. Sehen Sie das auch so?

Straub: Das stimmt. In jeder Region Italiens ist die Küche Weltklasse. Ausser in Rom.

Roger Rüegger