Italienischer Immunologe fordert: «Alle testen!» Anders sei der Kampf gegen Corona nicht mehr zu gewinnen 

Mit südkoreanischen Methoden hat sich das italienische Dorf Vo’ vom Virus befreit. In Bergamo holt die Armee derweil die Toten ab.

Dominik Straub aus Rom
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Die Armee holt seit gestern die Toten in Bergamo ab.

Die Armee holt seit gestern die Toten in Bergamo ab.

Bild: EPA

Vo’ Euganeo in der Provinz Padua hat am 21. Februar traurige Berühmtheit erlangt: An diesem Tag hat das Corona-Virus sein erstes Todesopfer in Europa gefordert. Das 3400-Seelen-Dorf galt als wichtigster Infektionsherd und wurde mit Strassensperren abgeriegelt. Alle Infizierten wurden unter Quarantäne gestellt und durften ihre Häuser nicht mehr verlassen.

Die Massnahmen haben gewirkt: Nach drei Wochen Quarantäne verzeichnete Vo’ während dreier Tage nacheinander keine neuen Ansteckungsfälle mehr. Die Zahl der an Covid-19 Erkrankten sank von 88 auf 7 Personen.

Zu verdanken ist das dem südkoreanischen Modell, das Vo’ als einzige Gemeinde Italiens angewendet hat: Das Dorf hat Massentests durchgeführt: 95 Prozent der Einwohner wurde ein Rachenabstrich gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass 50 bis 75 Prozent der Infizierten keine oder kaum wahrnehmbare Symptome aufwiesen.

In Vo’ wurden auch sie mit einem totalen Ausgehverbot belegt. Andernorts werden Personen ohne Symptome nicht getestet – und entsprechend von den harten Quarantäne-Massnahmen ausgenommen.

Um die Epidemie nachhaltig eindämmen zu können, müsste laut dem Immunologen Sergio Romagnani die gesamte Bevölkerung auf das Virus getestet werden, nicht nur jene Personen, die Symptome aufweisen oder Kontakt mit Infizierten hatten.

«Die Infizierten ohne Symptome sind eine formidable Quelle der Weiterverbreitung: Niemand kennt sie, niemand fürchtet sie – und sie stellen die überwiegende Mehrheit dar, ganz besonders bei den Jungen», betont der Experte. «Sie zu isolieren, wäre essenziell bei der Bekämpfung.»

Seit dem 11. März herrscht in Italien ein Ausgangsverbot – und trotzdem nimmt die Zahl der Infizierten und der Toten weiterhin stetig zu: Am Mittwoch hat der nationale Zivilschutz 475 Tote gemeldet, die bisher höchste Zahl an Todesopfern an einem einzigen Tag. Besonders schlimm ist die Situation in der Lombardei, wo am Mittwoch 319 Tote gemeldet wurden.

In der Nacht auf gestern ist in Bergamo das Militär mit einer langen Lastwagenkolonne angerückt – nicht um den überlasteten Krankenhäusern zu helfen, sondern um 60 Tote abzutransportieren. Das örtliche Krematorium ist trotz 24-Stunden-Betrieb nicht mehr in der Lage, alle Opfer einzuäschern.