Impfgipfel in berlin
Schleppender Impfstart: In Deutschland gibt es Zoff um den begehrten Stoff

Deutschland. Die SPD nimmt den schleppenden Impfstart zum Anlass, um den Wahlkampf anzuschieben. Doch auch CSU-Chef Söder übt Kritik - und wirbt für staatliche Eingriffe bei der Impfstoffproduktion.

Christoph Reichmuth
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Eine Engländerin erhält eine Impfung aus einer AstraZeneca-Dosis am 11. Januar im britischen Newcastle.

Eine Engländerin erhält eine Impfung aus einer AstraZeneca-Dosis am 11. Januar im britischen Newcastle.

Scott Heppell / AP/
11. Januar 2021

Die Erwartungen an den sogenannten «Impfgipfel» am Montag in Berlin wurden im Vorfeld von Politikern und Experten heruntergeschraubt. Wohlwissend, dass eine noch so hochdotierte Gesprächsrunde aus Kanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn, den Regierungschefs der Bundesländer, Vertreter der EU und der Pharmafirmen nichts an der Tatsache ändern kann, dass es vor allem am nötigen Impfstoff in Deutschland fehlt. Bislang wurden in dem 83-Millionen-Land etwa 2,5 Millionen Menschen geimpft, etwa 500000 erhielten die Zweitimpfung. Immerhin 70 Prozent der Pflegeheimbewohner sind nach offiziellen Angaben inzwischen geimpft.

«Ich verstehe die Ungeduld»

Nichtsdestotrotz ist in Deutschland ein Streit um den schleppenden Impfstart entbrannt. Die Infrastruktur für eine gigantische Impfkampagne und eine damit verbundene rasche Immunisierung der Bevölkerung stünde seit Ende Dezember bereit, im ganzen Land verteilt wurden Impfzentren in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft.

Doch in den Zentren herrscht wenig Betriebsamkeit, manche der Zentren wurden bislang noch gar nicht in Betrieb genommen. Das System mit den Telefonhotlines, über welche die Impftermine vergeben werden, funktioniert mehr schlecht als recht, oftmals sind die Telefonleitungen besetzt oder es werden mangels Impfstoff keine Impftermine vergeben.

Manche Bundesländer warten derzeit zu, die gesamte zur Verfügung gestellte Impfmenge zu verimpfen, um - sollten weiterhin Lieferschwierigkeiten der Pharmafirmen bestehen - genügend Dosen für die notwendige Zweitimpfung bereit zu haben.

«Es kommen jede Woche Impfstoffe, und es werden auch mehr Zug um Zug.»

Die Regierungschefs der Bundesländer fordern Klarheit über die in den nächsten Wochen und Monaten zu erwartenden Impfstoff-Lieferungen der Firmen Moderna, Biontech/Pfizer, Astra/Zeneca und möglicherweise von weiteren Herstellern. «Ich erwarte, dass die Bundesregierung einen verlässlichen nationalen Impfplan vorlegt, auf den sich die Länder und Kommunen dann entsprechend einstellen können», fordert Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), wegen des schleppenden Impfstarts zunehmend unter Druck, zeigte Verständnis für den Unmut von Bürgern und politischen Verantwortlichen in den Bundesländern: «Ich verstehe die Ungeduld gut, sehr gut», sagte er. Zugleich warb er um Geduld. «Es kommen jede Woche Impfstoffe, und es werden auch mehr Zug um Zug.»

Auch Spahn schraubte die Erwartungen an den Impfgipfel nach unten: «Wir können durch einen Gipfel alleine noch nicht mehr Impfstoffe produzieren». Die Bundesregierung hält an ihrem Plan fest, bis Ende des Sommers jedem Bürger, der gewillt ist, ein Impfangebot zu machen.

Bayer hilft bei Impfstoffherstellung

In den ersten Wochen des Jahres ist die Kritik an dem gemächlichen Impftempo vor allem von der SPD vorgebracht worden. Die Genossen, die mit der Union gemeinsam eine Regierung bilden, aber weiterhin im Umfragetief bei etwa 15 Prozent Wähleranteil verharren, fanden in der Thematik ein heisses Thema in einem Jahr mit sechs Landtagswahlen und den Bundestagswahlen im September.

Der Impfgipfel ist nicht zuletzt auf Initiative der SPD und ihres Kanzlerkandidaten, Finanzminister Olaf Scholz, zustande gekommen. Scholz erneuerte in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» am Montag seine Kritik, wonach Europa zu wenig Impfstoff bestellt habe. «Jetzt brauchen wir klare Berechnungen, in welcher Zeit wir wie viele Bürgerinnen und Bürger bei uns impfen können. Es reicht als Planung nicht, dafür neben den Impfzentren irgendwann die Hausärzte einbeziehen zu wollen», so der Vizekanzler. Deutschland müsse «möglichst schnell möglichst viel Impfstoff» beschaffen.

«Ich verstehe die Ungeduld gut, sehr gut» - der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnt zur Geduld.

«Ich verstehe die Ungeduld gut, sehr gut» - der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnt zur Geduld.

Christian Marquardt / EPA/29. Januar 2021

Zuletzt stimmte auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in die Kritik an der Impfstrategie ein. Der CSU-Chef, dem eigene Kanzlerambitionen nachgesagt werden, unterstützte in der Coronakrise stets die Linie der Bundeskanzlerin, warb für verschärfte Massnahmen.

Nun aber geht auch Söder mit der Regierung in Berlin hart ins Gericht. «Impfen ist die grosse Hoffnung, doch Impfen war bislang eher eine Enttäuschung», sagte er und warb für staatliche Eingriffe bei der Impfstoffherstellung. Ziel müsse sein, möglichst viel Impfstoff in Deutschland zu produzieren. Söder schwebt dabei eine staatlich gelenkte «Not-Impfstoffwirtschaft» vor, bei dem der Staat Produktionsvorgaben für die Impfstoffproduzenten erlasse.

Bayer steigt in Herstellung ein

Pünktlich zum Start des Impfgipfels gab der Pharmakonzern Bayer gestern bekannt, bei der Impfstoffherstellung mit dem Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac zusammenarbeiten zu wollen. Der mRNA-basierte Impfstoff von Curevac könnte in den nächsten Wochen zur Zulassung kommen.

Bis zum Ende des Jahres will der Konzern mit Hilfe des Bayer-Konzern mehrere Hundert Millionen Dosen zur Verfügung stellen. Für das Jahr 2022 waren eigentlich 600 Millionen Dosen geplant, durch die Ausweitung des Produktionsnetzwerkes können es nach Informationen des Unternehmens mindestens eine Milliarde werden.

Gesundheitsminister Jens Spahn lässt keine Zweifel daran, dass das Präparat benötigt wird. Noch sei unklar, wie lange die Immunisierung durch Impfung anhalte, zudem könne es sein, dass durch Virusmutationen Impfstoffe angepasst werden müssten. Spahn: «Wir werden Impfstoffe brauchen über den Sommer hinaus».

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